Abschied nehmen müssen und doch nicht können? Trauer in Coronazeiten
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Abschied nehmen müssen und doch nicht können? Trauer in Coronazeiten

Bei einem abendlichen Treffen im Pfarrgemeindebüro sprach mich Tanja Fröhlig (eine Kollegin aus dem Presbyterium) an, es wäre doch angemessen und sicher hilfreich, in Corona Zeiten einen Artikel über das „Abschied nehmen“ auf der Homepage zu veröffentlichen. Viele Menschen, so z. B. in Norditalien, hätten doch aufgrund der schrecklichen Situation gar keine Gelegenheit mehr, vor oder auch nach dem Tod richtig Abschied voneinander zu nehmen. Auch bei uns sind die Krankenhäuser und Seniorenheime in der Regel isoliert und auf den Friedhöfen gibt es wegen Ansteckungsgefahr bzw. „Kontaktsperre“ strenge Vorgaben: In Köln hat die Stadt vorgegeben: Trauerfeier nur unter freiem Himmel und nur Verwandte ersten Grades. „Da dürfen streng genommen noch nicht einmal die eigenen Enkel dabei sein“, beklagte Pfarrer Wenzel. „In anderen Städten ist die Zahl der Abschiednehmenden – ähnlich willkürlich – einfach auf 10 Personen begrenzt worden“, wusste er zu berichten.

„Du meine Güte“ dachte ich, das ist ja mal eine sehr schwere Aufgabe, etwas über „Abschied nehmen“ zu schreiben und ein dickes Brett was man da bohren müsste, damit man für solch ein Thema die richtigen Worte findet! Der erste Gedanke war: Bloß nicht ich! Können wir bitte das Thema wechseln? Verdrängung und Angst verletzlich und emotional zu werden, sich mit einem solch belastenden Thema zu beschäftigen, war mein erster Gedanke. Ich fühle mich doch noch „Mitten im Leben“ und möchte noch so viele positive Dinge im Leben erfahren und erleben und jetzt das? Doch dann ließ mich der Gedanke nicht mehr los und ich fragte mich: Was bedeutet Abschied nehmen eigentlich für mich und die Angehörigen der vielen Corona Opfer? Wann musste ich persönlich von geliebten Menschen Abschied nehmen, und wie steht das im Verhältnis zu der aktuellen Situation?

Drei geliebte Menschen kamen mir sofort in den Sinn: Mein Vater, meine Mutter und ein guter Freund. Konnte ich mich von Ihnen verabschieden? Mein Vater starb als ich 24 Jahre alt war. Nein, von ihm konnte ich mich nicht persönlich verabschieden. Er starb an einem Herzinfarkt plötzlich und unerwartet im Alter von nur 55 Jahren bei einer Rennradtour. Meine Mutter habe ich mit verschiedenen Krankheiten begleiten können und sie habe ich vor ca. 4 Jahren während einer Hüftoperation verloren, von ihr konnte ich mich verabschieden. Ein guter Freund von mir starb durch eine schwere Krebserkrankung. Ihn habe ich nur partiell, weil er es nicht anders wollte, begleiten können. Ich scheine also schon, wie die meisten Menschen im mittleren Alter, Erfahrung mit dem Abschied nehmen zu haben.

Der plötzliche Tod meines Vaters war ein Schock für die ganze Familie, es war fast keine Zeit zum Abschied nehmen. Ich war 24, mitten im Studium, und die zentrale Frage war: Wie geht es weiter? Die Aufarbeitung dessen was geschehen war, kam erst viel später. So ähnlich stelle ich mir auch die Situation vor bei Menschen im mittleren Alter, die plötzlich den geliebten Vater oder die geliebte Mutter durch Corona verloren haben. Für diese Menschen bete ich, weil ich weiß wie hart die Aufarbeitung sein kann, wenn man erst einmal nur funktionieren muss und die Dinge die einen bewegen nicht teilen und verarbeiten kann. Ich denke in dieser Situation kann Gott und die Gemeinschaft in der Gemeinde eine gute Stütze sein. Das hätte ich mir damals sicherlich auch gewünscht. Ich denke ohne meine Familie, hätte ich vieles in dieser Zeit nicht geschafft.

Meinen guten Freund habe ich über den Zeitraum von einem halben Jahr phasenweise mit seiner Krebserkrankung begleiten dürfen. Phasenweise, weil er im fortgeschrittenem Stadium niemanden mehr, außer seiner Frau, sehen wollte. Er wollte, dass ich ihn so in Erinnerung behalte, wie er war (dynamisch, sportlich, gutaussehend). Wir haben in sehr guter Freundschaft Abschied nehmen können und ich denke deshalb ohne Schmerz an ihn. Wie mag das wohl bei Menschen in Corona Krisengebieten sein, wo das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist, und Ärzte über lebensnotwendige Behandlung oder nicht, und über Leben und Tod in kürzester Zeit entscheiden müssen? Ein schrecklicher Gedanke! So muss es wohl auch im Krieg gewesen sein! Abschied im besten Fall noch per Videobotschaft, ohne Kontakt und Nähe durch die Angehörigen. Das muss sehr schmerzhaft sein, und dafür lohnt es sich zu beten, dass wir das alle nicht erleben müssen.

Meine Mutter – auch Moma – von unserer Tochter genannt, war sehr lange Teil unserer kleinen Familie. Wir haben sie sehr lange begleitet und ich habe gegen Ende Ihres Lebens viel mit Ihr über Ihren Tod geredet. Sie wollte es unbedingt, mir war es eher unangenehm. Ihre größte Angst war ein Pflegefall zu werden. Sie war sehr willensstark und wusste immer was sie wollte und auch was sie nicht wollte. In vielen Charakterzügen lebt sie in unserer Vorstellung in unserer Tochter weiter. In Bezug auf die Corona Krise denke ich in diesem Zusammenhang an die vielen Senioren- und Pflegeheime. Viele Menschen sind dort isoliert und haben teilweise keine Angehörigen mehr oder dürfen sie nicht treffen, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Hier sollte die Kirche aktiv sein und auch aktiv bleiben. Diese Menschen dürfen wir nicht alleine lassen!

Mein Vater, meine Mutter, mein guter Freund haben ihren Platz in unseren Herzen bewahrt. Auch wenn manche Erinnerungen uns traurig und manche Erinnerungen uns fröhlich und glücklich stimmen, so ist doch die Erinnerung und das regelmäßige Gedenken an sie aus unserer Sicht sehr wertvoll und wichtig für uns.

So möchte ich zum Abschluss dieses Artikels an Trude Herr erinnern. Ein Kölner Urgestein, die über viele Jahre in Ihrem Veedel der Südstadt mit ihren lustigen Theaterstücken junge und alte Menschen gleichermaßen erfreut hat. Ich hoffe die positiven Emotionen überwiegen, wenn Sie diesen Song von damals hören (Jürgen Darscheidt)

Trude Herr / Wolfgang Niedeggen / Tommy Engel 1987: Niemals geht man so ganz