Die Jahreslosung – ein gutes Wort für 2022

Die Jahreslosung – ein gutes Wort für 2022

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Johannes 6,37 (E)
Tür auf, oder Tür zu?
Reinlassen oder Wegschicken?
Zulassen oder verbieten?
Nähe suchen oder lieber distanziert leben?
Die Jahreslosung des Jahres 2022 aus dem Johannesevangelium gibt darauf keine Antwort, aber erzählt von Jesus, der gesagt hat:
Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Dieser Satz lädt ein, er ist wie eine geöffnete Tür. Ich, die ich vor der Tür stehe, muss mich entscheiden, ob ich die Einladung annehme, die Schwelle überschreite. Im vergangenen Jahr gab es pandemiebedingt viele solcher Entscheidungen, die uns – auch mir – abverlangt wurden. Wie wollen, dürfen, können wir uns begegnen? Kann ich wirklich zu Dir hineinkommen? Möchte ich überhaupt noch, dass jemand meine Türschwelle übertritt?
Heute müssen wir – sogar beim Betreten einer Kirche – den Nachweis vorzeigen, dass wir durch Impfung oder Genesung oder aktuellen Test wissentlich niemand gefährden wollen oder uns selbst in Gefahr begeben möchten, krank zu werden, und so heilsam Gemeinschaft erfahren können. Es gibt “Schwellenängste”. Dabei empfinden Menschen den Eintritt in eine Kirche, sogar wenn gar nichts darin stattfindet, doch immer noch als so wohltuend und wichtig. Erst recht möchten sie darin Musik und Wort, Zuspruch und Segen empfangen. Wie unmöglich erscheint da, was derzeit von uns verlangt ist: Menschen abzuweisen, die sich und andere nicht oder unzureichend schützen.
Wenn Jesus die Worte ausgesprochen hat, die als Jahreslosung im Johannesevangelium zu finden sind, dann frage ich mich: Wo hat er erlebt, dass Menschen abgewiesen werden? Wo spürt er, dass er selbst nicht willkommen ist?
Schauen wir einmal in den Kontext. Jesus hat sich dem Volk offenbart durch sein Reden und Tun. Das Johannesevangelium kennt sieben “Ich-bin-Worte”(1), welche keine Hoheitstitel sind, sondern in starken Worten und mit klarem Symbolen die Heilsbedeutung Jesu für den / die Einzelne/n beschreiben. Die Basis dieser Worte ist die bereits im AT vorfindliche Selbstoffenbarungsformel Gottes: “Ich bin, der ich bin” (Ex.3,14). In Jesus offenbart sich durch seine Worte also Gott selbst für uns. in ihnen beschreibt er sowohl seine radikale Hingabe an die Welt, wie auch die offene Einladung an jeden Menschen, Kind Gottes zu sein, Freund/in des Lebens mit Ausblick auf ein ewiges Sein bei und mit Gott, so dass niemand verloren geht.
Nicht nur das, was Jesus tut (in Johannes 5 und 6 lesen wir, dass er Kranke heilte und mit 5 Broten und 2 Fischen eine große Menge Menschen sättigte), sondern auch das, was er sagt, interessiert das Volk. Sie fragen und fragen weiter, wollen auf Basis ihrer Glaubenserfahrung verstehen, was da jetzt so radikal Neues anbricht bei Jesus. Irgendetwas scheint sie davon abzuhalten, sich diesem Jesus ganz anzuvertrauen.
Das kann ich gut verstehen. Wir sprechen ja auch heute noch davon, dass es so etwas wie eine “gesunde” Skepsis gibt und wir Dinge “auf Herz und Nieren” prüfen.
Jesus fordert keine Unterwerfung der Menschen, weder im Glauben, noch im Verstehen. Aber er sagt: Ich bin so etwas wie eine offene Tür zu Gott, vertraut doch und macht den ersten Schritt, wagt das “Wagnis des Glaubens”, wenn Gott euch den Glauben schenkt. Im Vertrauen auf mich, werdet ihr weiter sehen, hoffen und leben, weiter und neu, wie ihr euch das nie vorstellen oder verstandesmäßig fassen könnt. Wenn ihr mir nachfolgt, dann eröffne ich euch Räume und Welten, die ihr nie für möglich gehalten hättet. Wer zu mir kommt, wird leben, auch über den Tod hinaus. Weil sich durch mich für euch neue Räume in Gottes Reich eröffnen.
Es bedarf nur eines Schrittes, die Schwelle zu überschreiten.

Im Bild der Künstlerin Stefanie Bahlinger (2) sehen wir eine offene Tür. Einladend hell und freundlich ist es im Raum, der vor uns liegt, ansprechend der wie schwebend im Raum befindliche gedeckte Tisch mit Brot und Wein. An der Tür gibt es keine Einlasskontrolle, der Zutritt ist barrierefrei. Und doch wird unser Blick von dem überdimensionalen goldenen Schlüssel eingefangen, der die Form eines Kreuzes bildet. Er zeigt, wer diesen Raum aus Licht und Fülle aufgeschlossen hat, und wer uns den Tisch deckt – selbst im Angesicht so mancher Feindseligkeiten und Widrigkeiten des Lebens, wie wir sie heute erleben.
Meine Frage an die Künstlerin beim Betrachten des Bildes wäre: Muss ich den Schlüssel zur Sicherheit mitnehmen, fällt die Tür ohne ihn vielleicht zu? Das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Mich beeindruckt die Fülle, mit der sich Gott in unserem Leben offenbart – und das Vertrauen auf Jesus, dem ich mein Tun und Leben übergebe, ist ein Weg in dieser Fülle. Aber ein sehr wichtiger, denn er ist tatsächlich “barrierefrei”. Ich darf Jesu Nähe suchen und Gottes Nähe finden. In diese Gemeinschaft werde ich im Glauben hineingezogen, und muss nichts dabei fürchten.
Als Kirchengemeinde versuchen wir, alle Türen offenzuhalten und bieten immer wieder Gemeinschaft mit Gott und unter uns Menschen an, damit wir auch im Angesicht einer Pandemie getrost glauben und unser Leben Jesus anvertrauen. Wir möchten Ihnen zeigen und Sie spüren lassen: “Du bist nicht allein”.
Nehmen Sie doch die Einladung an! Suchen Sie gerne bei uns eine offene Tür.
Ein offenes Jahr 2022 wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin und Vorsitzende Andrea Stangenberg-Wingerning

(1) die ich-bin-Worte im Johannesevangelium:
6,35 Ich bin das Brot des Lebens
8,12 Ich bin das Licht der Welt.
10,7.9 Ich bin die Tür.
10,11.14 Ich bin der gute Hirt.
11,25 Ich bin die Auferstehung und das Leben.
14,6 Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
15,1 Ich bin der wahre Weinstock

(2) Bildmotiv: Stefanie Bahlinger, Mössingen bei Verlag am Birnbach