Predigt am 8. November 2020
John Milton (1608 - 1648) - Copyright: Projekt Gutenberg

Predigt am 8. November 2020

8.11.2020 Versöhnungskirche Köln-Rath (von Dorothea Kuhrau)

Liebe Gemeinde!

Gott dienen auch, die nur noch stehn und warten. They also serve who only stand and wait

So der englische Dichter John Milton im Jahre 1640. Und seine Botschaft soll in Ihren Herzen weiterklingen, wenn Sie nachher die Kirche verlassen. Sie soll trösten, wenn Sie fast nichts mehr können und –  wegen Corona – so viele Dinge gerade  auch nicht mehr dürfen. Ihnen diesen Vers nahe zu bringen, dazu stehe ich heute auf dieser Kanzel:

Er ist der Predigttext.

Der Protestant John Milton war im 17. Jahrhundert zeitweise in England bekannter als Shakespeare. Er war sowohl ein berühmter religiöser Dichter als ein kundiger Politker. Er schrieb das christliche Hausbuch „Das verlorene Paradies“ über den Kampf zwischen Gott und Satan. Er war 11 Jahre lang einer der Sekretäre von Oliver Cromwell, der eine Revolution gegen das Königtum in England angeführt und die englische Republik erkämpft hatte. Aber diese Revolution scheiterte. Miltons Haus verbrannte beim großen Brand von London 1666. Er starb verarmt und eben blind mit 66 Jahren.

Das alles wusste ich nicht, als unsere Englischlehrerin eines Tages in die Klasse kam und ohne Worte sein Gedicht austeilte: On His Blindness – Über seine Blindheit. Das Sonett ergriff mich 18 jährige, unbedarfte Schülerin damals sehr. Und tut es bis heute,  weil ich denke: Milton  hat das Wesentliche vom Evangelium verstanden! Gott dienen auch, die nur noch stehn und warten.

Darüber möchte ich jetzt eigentlich meine Predigt beginnen.

Aber das Gedicht bezieht sich auf einen Bibeltext, den müssen wir uns erst noch einmal anschauen. Gehen wir also jetzt ein paar Monate zurück:

Im Frühjahr diesen Jahres las Frau Anne Wolf von dieser Stelle aus die Perikope vom anvertrauten Geld: Matth. 25,14-30. Wir erhoben uns in den Bänken und lauschten:

Das Gleichnis haben Sie gerade noch einmal in der Lesung gehört: Ein reicher Herr zieht für längere Zeit weg und hinterlässt drei Dienern Geld. Dem ersten 5 Talente, Luther übersetzt „Zentner“: das sind 30000 kleine Silberdrachmen à 4 Gramm. Dem zweiten zwei Zentner und dem dritten einen Zentner, ein Talent. Sie sollen damit auf irgendeine Weise Gewinn machen. Das Geld soll sich vermehren.

Den beiden ersten Sklaven gelingt das. Sie kaufen vielleicht Saatgut, sie lassen  aussäen und  ernten und verkaufen das  Getreide mit Gewinn. Oder sie investieren vielleicht in Handelsschiffe. Zwei Möglichkeiten. Jedenfalls verdoppeln die ersten beiden das anvertraute Geld und vergrößern den Reichtum ihres Herrn. Nach seiner Rückkehr treten sie stolz vor ihn hin und lassen sich loben für ihren Fleiß.

Der dritte Sklave  hat die vielen Silbermünzen, das eine „Talent“, wie man die Währung damals nannte, vergraben. Er wollte nichts riskieren. Er hat es in Sicherheit gebracht. Aber nun buddelt er es wieder aus, will es seinem Herrn   getreulich wieder zurückbringen. Er wird bestraft. „Warum hast du das Geld nicht wenigstens zum Geldverleiher gebracht, da hätte ich Zinsen dafür erhalten!“ herrscht ihn sein Herr an. Er befiehlt: „Werft den unfähigen Kerl hinaus in den finstersten Kerker. Dort wird er schreien und vor Todesangst mit den Zähnen knirschen.“

Frau Anne Wolf beendete damals die Lesung ohne weitere Worte. Sie trat einen Schritt zur Seite und sagte: „Hallelujah sage ich  nicht. Ich kann dem Inhalt des  Textes  nicht zustimmen.“ Und verließ die Kanzel.

Donnerwetter!  E i n m a l ein mutiges Wort! Das ließ meinen Mann und mich aufhorchen. Aber ein Echo gab es nicht. Niemand sprach Frau Wolf  darauf an. Gewiss: Ein Gottesdienst ist kein Diskussionsforum und keine Bibelstunde. Aber ich hatte mich gefreut über ihren Mut. Nehmen wir anderen denn in diesem Raum schon alles hin,  was in der Bibel steht?

Der dritte Sklave war doch nicht böse gewesen, nur ängstlich, ja, übervorsichtig. Was sollte die übertrieben harte Bestrafung? Heulen und Zähneklappern. War das wirklich im Sinne Jesu? Was war hier echt? Oder was war von späteren biblischen Autoren hinzugefügt worden?

Ich ging damals nach Hause und schlug den meines Erachtens besten Kommentar zum Matthäusevangelium auf – von Ulrich Luz, Professor für Neues Testament in Bern.

Ich hatte viele Seiten zu lesen: Prof. Luz fragte: Wo kommt die Parabel her? Gab es Vorformen? Woher hat sie Matthäus? Spiegelt die Geschichte ein Problem in einer der jungen christlichen Gemeinden? Etwa den Gegensatz zwischen denen, die nur glauben und bequem auf die Wiederkunft Christi warten wollen, den Faulen, und denen, die das Reich Gottes hier schon helfen wollen zu bauen?

Ich las auch den griechischen Urtext und quälte mich damit herum, wie man das im Studium gelernt hat.

Einerseits: Mit dem großen Herrn in diesem Gleichnis ist zweifellos Gott gemeint. Ihm haben wir Knechte und Mägde zu dienen. Denn man kann nicht an Gott glauben, ohne seinen Willen zu tun. Und was Dienen bedeutet, das haben wir Christen inzwischen verstanden. Sonst können wir es gleich im nächsten Kapitel nachlesen: Mt.26:  Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich gepflegt. Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.

Jesus möchte das Reich Gottes mit tüchtigen, aktiven Leuten aufbauen. Das will ich ohne weiteres glauben. Aber: Dienen heisst doch nicht, einen Reichen noch reicher zu machen.

Was heißt es dann? Wie bringen wir selbst denn die Talente ins Spiel, die Gott uns gegeben hat? Zwei Beispiele aus Köln:

Eine mit der kleinen Gabe, der wenig zugetraut wurde, die war damals 1943 erst 12, dann 13 Jahre alt. Sie ist bis heute Glied unserer Gemeinde: Ein Jahr lang ging das kleine Mädchen Tag für Tag zur jüdischen Nachbarsfamilie. Sie brachte den Korb hinüber, den ihre Mutter gepackt hatte: Essen, Waschpulver, Trinken, Heftpflaster, kurz alles, was eine dreiköpfige Familie haben muss.

Da nur ein Partner der Nachbarsfamilie jüdisch war, durfte diese in ihrer Wohnung bleiben. Sie wurden nicht verschleppt. Aber sie durften die Wohnung nicht verlassen. Ein kleiner Dienst, den das Mädchen tat,  aber aktiv lebensrettend und auch nicht ungefährlich.

Was heißt Wuchern mit den anvertrauten Zentnern noch? Eine große Gabe von  – bildlich gesprochen –  5 Talenten   wurde dem Dr. Erich Klibansky anvertraut. Er war Leiter des jüdischen Reformgymnasiums Jawne in Köln. Seit Beginn der Rettungsaktion durch die Engländer 1938  gelang   es ihm,  mindestens 130 Schüler aus Nazi-Deutschland  Klasse für Klasse  mit Kindertransporten nach England zu bringen. Dann wurde er selbst deportiert und in Minsk ermordet.

Ja, Jesus hat das Gleichnis von den anvertrauten Talenten erzählt. Er wollte sagen: Auch wenn ihr nicht die Brillantesten seid, auch wenn ihr ängstlich und zögernd seid, könnt ihr noch etwas fürs Reich Gottes tun, notfalls mit Hilfe von Geldwechslern. Auch bei ganz geringem Talent.

Prof. Luz besteht darauf, daß dies der Sinn des Gleichnisses ist. Matthäus und Lukas haben es aufgeschrieben. Es kursierte als Jesu- Beispielgeschichte. Die beiden Evangelisten hatten Jesus ja nicht mehr selber gehört.

Aber wenn auch von Jesus  selbst… viele von uns kommen mit der Geschichte nicht klar. Nicht nur Frau Wolf. Das liegt an dem grausamen Schluss.

Ich versuche es zu begründen:  Mit  Jesus ist ein neuer Ton in unsere Welt gekommen: eine Botschaft der Liebe  und der Vergebung.

Er hat die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt hat, die bewegendste Parabel aus seinem Munde überhaupt. Er hat das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erzählt, die erst am Abend für kurze Zeit angeheuert werden und doch den vollen Lohn erhalten. Er hat das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erzählt. Im Sinne Christi bittet Paulus aus dem Gefängnis in Rom heraus den reichen Herrn Philemon,  den entlaufenen Sklaven Onesimos nicht zu bestrafen, wenn er jetzt wieder zu ihm zurückkommt.

Nein, Das Gleichnis von den Talenten, die ein Herr an seine Diener verteilt, kann in dieser Form nicht von Jesus sein. Es ist nicht jesuanisch!

Am meisten störte Frau Wolf, daß der Evangelist Matthäus am Ende Höllenqualen beschwört. Daß der dritte Knecht zu einer grausamen Strafe verdonnert wird, weil er seinem reichen Herrn einen finanziellen Verlust zugefügt hat, das kann ich glauben. Damals waren die Zeiten so. Die Leute in Palästina waren alle viel ärmer und manchmal grausamer als wir im Moment. Aber Heulen und Zähneklappern in der äußersten Finsternis – auf ewig? Ich will nicht glauben, daß Jesus dieses Gleichnis so erzählt hat!

Und da entdecke ich etwas. Dass es eben dieses Gleichnis auch bei Lukas gibt. In Lukas 19 klingt es deutlich entspannter: Lukas schreibt einen anderen Schluss: Ohne Heulen in äußerster Finsternis.

Ein vornehmer Herr will König werden und reist nach Rom, um sich vom Kaiser bestätigen zu lassen. Er verteilt an zehn Knechte je eine Mine. Das ist verglichen mit den Talenten aus der Matthäus –Variante unverständlich wenig Geld. Aber immerhin musste ein Landarbeiter dafür   hundert Tage arbeiten. Als der Thronanwärter nach langer Zeit zurückkommt, waren zwei Sklaven erfolgreich, aber der ängstliche dritte Diener hat nichts erreicht. Er bringt die Silbermünzen in ein Tüchlein gebunden zurück. Er wird auch noch frech. Er provoziert: „Ich wusste ja, dass Du streng und ungerecht bist!“. Da befiehlt ihm der König, sein Geld dem ersten, dem Erfolgreichen zu geben. Und nun kommt das Erstaunliche:

Die umstehenden Knechte protestieren: „Der Erste  hat doch schon so viel! Hat doch schon zehn.“ Sie zeigen sich solidarisch mit dem dritten Diener, versuchen ihm zu helfen.

Sie haben damit zwar keinen Erfolg. Aber der dritte Diener wird in der Lukas-Fassung nicht weiter bestraft. Kein Heulen und Zähneklappern draußen in der Finsternis des Kerkers oder der Hölle. Das war dichterische Zuspitzung des Evangelisten Matthäus gewesen.

Es wird klar: Der dritte Knecht in diesem Gleichnis Jesu ist durchgängig von Furcht motiviert. Er glaubt nicht, dass sein Silber etwas Gutes erbringen kann. So entschließt er sich aus Selbstschutz, das Anvertraute unangetastet zu lassen. Er hält es verborgen, er erzählt niemandem davon.

Und wir? Wir Christen  sollen vom Evangelium  sprechen, sollen nicht nur selbst in die Kirche kommen, sondern auch andere einladen, sollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen – –  sollen nicht faul sein, sondern Gott dienen. Damit man um unsertwillen unseren Vater im Himmel preist. So hat es Jesus in der Bergpredigt seinen Jüngern befohlen….

Sollen, sollen, sollen. Aber was ist denn, wenn wir nicht mehr können?! Was ist denn, wenn uns die Kraft fehlt? Wenn wir vor lauter Schwindelanfällen sonntags nicht zur Kirche kommen können? Wenn wir den ehrenamtlichen Dienst beim AKF nicht mehr tun können, weil wir am Telefon nichts mehr hören und verstehen? Keine IMPULSE   mehr austragen, weil die Hüfte zu sehr schmerzt? Wie sollen wir Gottes Willen tun, wenn wir nicht mehr können?

Darauf hatte ich die Antwort schon  gefunden, noch bevor mir die Frage überhaupt in den Sinn kam. Denn ich war, wie gesagt, damals im Englischunterricht achtzehn Jahre alt und meinte, immer Kraft genug für alles zu haben. Die Antwort lautet:

Gott dienen auch, die nur noch stehn und warten.

They also serve who only stand and wait.

Und hier ist nun endlich das Gedicht von John Milton (1608 – 16749 „Über seine Erblindung“:

Wenn ich bedenke, wie mein Augenlicht

Geschwunden ist, obwohl ich dreißig erst,

Wie mich die tiefe Nacht umbreitet,

Und wie ein Pfund, das zu vergraben Tod bedeutet,

( – Mit dem der Knecht doch eifrig wuchern sollte,

Sonst schilt der Herr bei seiner Rückkehr ihn – ),

Dies Pfund bei mir nur nutzlos liegt,

Obwohl ich ganz und gar

Dem Schöpfer damit dienen möchte,

Um vor Ihm abzurechnen mit Gewinn.

„Wie, Gott will Arbeit, die ich schaffen soll,

Und er versagt das Licht dazu?“

So frag ich kühn.

Drauf spricht die Langmut: „Murre nicht,

Gott  hat nicht Not des Menschenwerks,

Auch nicht der Gaben, die er selber schenkte.

Sein Joch ist sanft und wer’s am besten trägt,

Der dient am besten.

Gott ist ein König; sein Gebot

Schickt rastlos Tausende durch Land und Meer:

Auch jene dienen, die nur stehn und warten.

 

Und die Liebe Gottes, die höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne an aktiven wie an ruhigen Tagen. Amen

 

John Milton: ON HIS BLINDNESS   (1640)

When I consider how my light is spent  //

Ere half my days, in this dark world and wide,

And that one talent that is death to hide //

Lodged with me useless, though my soul more bent

To  serve therewith my maker and present//

/my true account, lest he returning chide//

„Doth God exact day-labour, light denied?“//

/I fondly ask.

But patience to prevent that murmur, soon replied:

„God doth not need // Either man`s work or his own gifts.

Who best bear his mild yoke , they serve him best. //

His state is kingly; //Thousands at his bidding speed//

and post o´er land and ocean without rest//

They also serve who only stand and wait.“