Vernünftig reden – ein Beitrag zum Frieden

Vernünftig reden – ein Beitrag zum Frieden

(Wen) Die Monatssprüche der Monate Juni und Juli sind vielleicht gerade passend, sollte es da zufällig nicht nur heiße Temperaturen geben, sondern auch erhitzte Gemüter. Für Juni ist er aus dem Alten Testament aus dem Buch Sprüche 16,24: „Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder“. Und für Juli ist er aus dem Neuen Testament aus dem Jakobusbrief 1,19: „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“.

„Freundliche Reden“ wird man bei den propagandistischen Reden der nationalistischen und separatistischen Bewegungen und Parteien, wie es sie mittlerweile in ganz Europa gibt, kaum finden. Sie zerstören seit einiger Zeit nicht nur die Politik in Europa, sondern auch die Gesprächskultur durch entsprechende Statements und Hetze in allen Medienbereichen, besonders im Internet, nicht zuletzt auch auf Plakaten – wie etwa: „Israel ist unser Unglück“ der Partei „Die Rechte“, wie es in diesen Tagen bundesweit im Umlauf ist und zu Recht für Entsetzen, Empörung und Strafanzeigen wegen Volksverhetzung geführt hat.

Ich schreibe diese Zeilen noch wenige Tage vor der Europawahl und bin gespannt, wie diese Wahl ausgeht und wie dann das Parlament und die dortige Gesprächskultur aussehen wird. Mit Konfirmanden/innen waren wir noch im letzten Herbst dort in Straßburg und waren zutiefst beeindruckt, dass dort ähnlich wie zu Pfingsten bei den Jüngern jedes gesprochene Wort gleichzeitig in 26 Sprachen simultan übersetzt und damit ein konkreter Beitrag zur Völkerverständigung und zum Frieden geleistet wird. Verständigung und Frieden fängt in der Tat damit an, wie man miteinander und übereinander redet – wie man sich also verständigt.

Zu einer gewaltfreien und selbstdisziplinierten Kommunikation rufen diese beiden biblischen Monatssprüche auf. „Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse“ hat mal jemand gesagt. Aber auf der anderen Seite können wir nicht „nicht kommunizieren“. Wir sind also gefordert, verantwortlich mit Worten umzugehen. Worte können verletzen und aus Verletzungen wird schnell Krieg – Ehekrieg oder auch Krieg zwischen den Völkern. Ich selbst neige manchmal dazu, meine Zunge nicht im Zaume zu halten, wie es im Jakobusbrief hingegen ans Herz gelegt wird. Der Sache ist das nicht dienlich. Ich bin da zu leidenschaftlich, zu emotional in solchen Momenten. Ich brauche dann mal Korrektur von Anderen. Zum Glück gibt es die. Und dafür ist auch eine Gemeinde gut, dass sich Menschen da gegenseitig korrigieren und auf den richtigen Weg bringen. Emotion darf sich in den Worten nicht einfach gedankenlos und ungebremst entfalten, wenn es um faires Streiten geht, insbesondere nicht in der Politik. Da ist Vernunft gefragt.

Die gerade durch Mediennutzung, aber auch von Medien selbst, vorangetriebene Emotionalisierung in Wort und Bild war schon immer und ist auch heute der Nährboden für Gewalt und Krieg. In den Medien dominiert heute die Emotion gegenüber der Information. Damit klärt man nicht auf, sondern verblödet. Mit Dieter Nuhr ist man geneigt zu sagen: „Einfach mal die Klappe halten!“ – jedenfalls in Debatten, wo es nur um Schlagabtausch und Verängstigung geht, statt um Orientierung und Besänftigung und vor allem Information, die es ermöglichen würde, die jeweils andere Position zu verstehen und auch einen differenzierteren Blick zu bekommen.

An dieser Stelle gibt der Jakobusbrief eine klare Orientierung: Bevor man den Mund aufmacht, soll man erst mal hören. Das ist heute wichtiger als jedes Reden: Hören. Und wie sehr das Hören ins Hintertreffen geraten ist, sieht man schon allein daran, dass das Radio an Akzeptanz im Vergleich zu anderen Medien sehr verloren hat und dass Wortbeiträge im Radio heute oft nur 1 Minute sind, wo sie früher 3 Minuten waren und Predigten nur 10 Minuten, wo es früher 20 Minuten waren. Hören statt Drauflosreden. Und wenn schon Reden, dann sollte es davon geprägt sein, dass ich im hörenden Gespräch bin – hoffentlich auch in unseren Predigten unser Ohr also bei den Menschen haben. Wenn nicht, dürfen Sie uns gern korrigieren oder orientieren. Die Gemeinde jedenfalls ist ein Lernort für gelungene Sprachkultur der Verständigung und des Friedens.