Du betrachtest gerade Predigt zu Heiligabend 24.12.2025 „Eine befreiende Perspektive“

Predigt zu Heiligabend 24.12.2025 „Eine befreiende Perspektive“

Predigt gehalten bei der Christvesper 2025, 17 Uhr in der Versöhnungskirche in Köln-Rath-Heumar von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

in diesen schwierigen Zeiten fortdauernder Kriege, sowie vieler gesellschaftlicher Konflikte und ungelöster Probleme, wirtschaftlicher Rezession und Inflation, ist Weihnachten soetwas wie eine Unterbrechung.

Weihnachten verändert unsere Perspektive und am Ende auch unsere Perspektive auf diese Welt und ihre Probleme.

Ein echter Christ lebt das ganze Jahr über von Weihnachten, nämlich von diesem Perspektivwechsel. Die Perspektive, die ich hier anspreche, ist die Blickrichtung nach oben in den Himmel. Das natürlich nur im sinnbildlichen Sinne. Diese Blickrichtung verbindet auch die beiden unterschiedlichen Versionen der Geburtsgeschichte Jesu, wie sie uns in der Bibel erzählt werden. Die eine aus dem Lukasevangelium, in denen uns die Hirten begegnen, haben wir ja eben in der Lesung gehört. Die andere ist bekanntlich die der weisen Sterndeuter, die sich aus dem fernen Morgenland auf den Weg nach Bethlehem machen und den neu geborenen König suchen.

So unterschiedlich die Geschichten sind. Beiden Geschichten ist gemeinsam die Blickrichtung zum Himmel. Die Hirten schauen zum Himmel, der von Licht und der Gegenwart der Engel mit ihrer frohen Botschaft erfüllt ist. Die Sterndeuter schauen zum Himmel, in der Hoffnung, dass sie der Stern richtig orientiert und leitet. Beide – Hirten wie Weise -wenden also ihren Blick in eine andere Richtung als sonst.

Insofern stimmt die Aussage, dass ein echter Christ das ganze Jahr über von Weihnachten lebt und ich möchte die etwas humorige These wagen, dass er sich aus diesem Grund in der übrigen Zeit auch nicht unbedingt in der Kirche blicken lässt.

Ich meine es humorig, aber durchaus ernst: Unter einem echten Christen verstehe ich einen gläubigen Christen. Das bedeutet nicht etwa die Ableistung religiöser Pflichten wie Beichte, Gottesdienstbesuche oder anderer ritueller Religionspraktiken oder aber die moralischen und political-correctess-Programme zu erfüllen, die Kirchenleitungen ihnen gerne aufdrücken wollen. Nach dem Motto: Wenn Du die richtige Gesinnung hast und dieses oder jenes tust oder diese oder jene Partei wählst oder nicht wählst, dann bist du ein guter gläubiger Christ.

Nein, das ist keineswegs gemeint. Ein echter Christ ist vielmehr derjenige, der auf den Himmel schaut, sich mit den himmlischen Mächten im Kontakt fühlt und verbunden weiß und auf Gott im Himmel und seine Möglichkeiten vertraut, ja, darauf vertraut, dass dieser Blick sein Leben verändern und Lebenshilfe sein kann – für ihn, wie für andere.

Die Blickrichtung eines wahrhaftigen Christen ist also auf den Himmel gerichtet oder er wechselt zumindest immer mal die Blickrichtung vom Himmel zur Erde und von der Erde zum Himmel. Er steht mit beiden Beinen auf der Erde, wenn man so will, schaut aber dabei zum Himmel, wie es die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland der Erzählung nach tun. Das nennt man Glauben, dass ich mich öffne und auf den vertraue, der jenseits dessen ist, was nur immer zu vor meinen Augen oder in meinem Sinn, in meinem Gehirn oder meiner eingeschränkten Vorstellungswelt ist.

Der Blick unserer Augen ist viel zu sehr gebannt durch das, was hier unten auf Erden ist. In der U-Bahn ist der Blick Vieler nach unten auf die Smartphones gerichtet. Oder aber der Blick ist gerichtet auf die medial täglich frei ins Haus gelieferten Kriegsschauplätze. Diese alltäglich vorgenommene mediale Gehirnwäsche verkauft sich gut und huldigt dem Zweck, uns, wie schon zu Zeiten des 1. Weltkriegs, einzureden, dass Krieg eine Normalität ist und die Bösen immer nur die Anderen sind, und dass diese Welt und insbesondere Europa, das eigentlich durch die Katastrophen des 20. Jahrhundert geläutert worden ist und „nie wieder Krieg“ wollte, nun unbedingt umkehren müsse, aber nicht etwa zu Gott, sondern zurück in die Steinzeit, wo Konflikte noch mit der Keule gelöst wurden und Gewalt, wie schon seit Menschengedenken nur mit Gegengewalt beantwortet worden ist. Aus den Keulen sind Drohnen geworden. Sie sind aber nicht weniger tödlich.

Was ich im Blick auf die Bildschirmwelt beschrieben habe, ist eine ganz spezielle Variante der Telepathie könnte man sagen. Das Wort kennen wir eigentlich aus Heilungszusammenhängen und es bedeutet ja aus dem Griechischen übersetzt: „Fern-Einwirkung“. Was wir erleben, ist nun eine Fernseh-Einwirkung, eine Bildschirm-Beeinflussung, die sich mittlerweile sogar zu einer Tele-pathologie zu entwickeln droht, nämlich im Sinne des Leidens an den Bildschirmübertragungen selbst. Sie emotionalisieren und ängstigen uns nicht nur permanent und machen uns dadurch gefügig. Sie bannen unseren Blick nicht nur. Sie ziehen ihn, unsere Gedanken und unsere Seele auch nach unten und wenden ihn eben nicht nach oben.

Moderne Denker und Philosophen des 19. Jh. wie Feuerbach, Marx, Freud und Nietsche haben an der Religion gerne kritisiert, dass sie von dieser Welt und ihren Problemen ablenken würde oder wolle.

Aber es ist in Wirklichkeit und insbesondere in den heutigen Zeiten doch genau umgekehrt: Nicht die christliche Religion lenkt von dieser Erde oder der Lösung ihrer Probleme ab, sondern der auf das Irdische gebannte Blick lenkt ab vom Himmel und seinen Möglichkeiten. Deshalb ist ja auch das Lieblingswort von Politikern – fast egal welcher Partei oder Couleur – das Wort „alternativlos“.

Ich würde mal sagen, die scheinen über mehr hellseherische Fähigkeiten zu verfügen als die Propheten zu biblischen Zeiten und mehr zu wissen als Gott, wenn sie immer zu behaupten, dieses oder jenes sei sogenannt „alternativlos“, es gäbe keine andere Wahl. Es gibt ein altes jüdisches Sprichwort, das lautet: „Es gibt immer zwei Möglichkeiten“. Netanjahu und all die Anderen, die die politischen Diskussionen und Diskurse so gerne auf diese Weise tabuisieren und dabei auch schnell den Vorwurf des Antisemitismus im Blick auf den Gazakrieg oder des Putinverstehers im Blick auf den Ukrainekrieg aus der Schublade holen, sollten sich vielleicht mal wieder ihrer jüdischen oder jüdisch-christlichen Tradition erinnern, dass es von Gott aus immer mehr Möglichkeiten als nur die eine Wirklichkeit gibt. Gott kapituliert nicht vor dem Schrecken des Faktischen, wir Menschen neigen schon eher dazu.

Aber so sieht nun mal das Ergebnis aus, wenn sich eine Gesellschaft von ihrer religiösen und kulturellen Basis entfremdet und verabschiedet, dann verlieren sie ihren Hoffnungsträger und dann ist am Ende nur Kulturniedergang und Krieg da. Und ihre Totengräber glauben auch noch das Richtige zu tun.

Kommen wir zurück zu meiner Aussage: Unser Blick ist nach unten gerichtet und zu wenig nach oben. Bekanntlich ist es auch unser Selbst, auf das vornehmlich unser Blick gerichtet ist, ja, das wir in unserem Zeitalter förmlich vergöttern. „This is the age of self“ singt der britische Rockmusiker Robert Whyatt in einem seiner songs der Neunziger Jahre. Zu deutsch: „Dies ist das Zeitalter des Selbst“. Wir haben nicht nur Selbstbedienungsläden, sondern verinnerlichen auch mehr und mehr das entsprechende Denken. Eine Beziehung sehen wir nicht als etwas, das uns geschenkt ist und herausfordert, sondern dessen Mehrwert wir nüchtern kalkulieren oder sie getrost ins Regal zurückstellen. Und wir beten die in unserer Gesellschaft viel beschworene Autonomie und das Auto an und wundern uns dann, was dabei herauskommt. Bekanntlich fängt jedes Auto mit „Ah“ an und hört mit „Oh“ auf. Was gewiß alles mal eine tolle Errungenschaft war, zeigt heute sein ganzes, doppeltes Gesicht. Während die Israeliten der Erzählung nach um das Goldene Kalb herum getanzt sind und dies zu ihrem Gott gemacht haben, als Mose gerade die Gebote Gottes auf dem Berg Sinai empfing und sie weitergeben wollte, tanzen wir um das Goldene „Selbst“ herum. Das Selbst entfremdet uns vom Wir. Wo so viel Selbst ist, da ist es schwierig, Verbindendes und Verbindliches miteinander zu entwickeln. Aber genau das vermissen heute so viele Menschen und drohen deshalb auch in Vereinsamung zu erkalten, weil jeder nur mit seinem Selbst beschäftigt ist

Ich möchte die These aufstellen, dass uns der Blick nach oben, der Blick auf den Himmel von vielem befreien kann, was uns einengt, bannt oder unseren Blick nach unten zieht. Das ist das eigentliche Potential unseres christlichen Glaubens.

Genauer und ehrlicher gesagt habe ich diese These geklaut. Es ist nämlich die Weihnachtsbotschaft des Apostels Paulus, der das den Mitchristen in der römischen Provinz Galatien geschrieben hatte. Paulus kannte weder die tollen Weihnachtsgeschichten von Jesus – die sind aller Wahrscheinlichkeit zeitlich erst nach ihm aufgeschrieben worden – noch kannte er irgendwelche weihnachtlichen Tannenbaumtraditionen oder Festessen wie die Weihnachtsgans oder die schlesischen weißen Würstchen, wie es die bei Pfarrer Wenzel gibt und den Tag von allen anderen herausheben sollen. Und dennoch war Paulus glücklich, Weihnachten zu haben – ohne all diese Sachen zu haben – und sich bewusst zu machen, was es für ihn und seine Mitchristen bedeuten mag.

Paulus schreibt an die Christen in Galatien Folgendes: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Er wurde als Mensch geboren von einer Frau und unter das Gesetz gestellt, auf dass er die, die unter dem Gesetz standen, befreite, und wir das Glück empfingen, Gottes Kinder zu sein. Weil ihr nun Gottes Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr irgendjemandes Knecht, sondern ein von Gott befreites Kind; wenn Du aber ein solches Kind bist, dann bist Du zugleich auch Erbe durch Gott.“

Diese Verse gilt es nun etwas genauer unter die Lupe zu nehmen bzw. zu entfalten.

Wir müssen uns bewusst machen, dass der Apostel Paulus und die ersten Christen in einer von Gewalt und Unterdrückung geprägten römischen Gesellschaft lebten. Das, was sich ideologisch gerne als der römische Frieden zum Wohle der übrigen Welt verkaufte und aus der Sicht der Römer Freiheit bedeutete, war aus der Wahrnehmung der unterjochten Völker Unfriede und Unfreiheit und alltägliche Drangsalierung oder um es in der Sprache der Politiker von heute auszudrücken. Sie erlebten diese Wirklichkeit als ziemlich alternativlos. Und allein daran sehen wir, wie relativ Freiheit und Frieden sein kann. Historiker, die heute vom großen römischen Friedensreich sprechen, und das quasi wie den ersten Vorboten des modernen Rechtsstaates verkaufen wollen, haben glaube ich, neben der gezielten Ausbeutung und Unterdrückung anderer Völker (Rohstoffe und Energieversorgung waren schon damals sehr beliebt) die Kleinigkeit der Christenverfolgungen übersehen.

Aber wie dem auch sei. Was will Paulus mit diesen eigentümlichen Formulierungen eigentlich ausdrücken, wenn er sagt: „Gottes Sohn wurde als Mensch geboren von einer Frau und unter das Gesetz gestellt, auf dass er die, die unter dem Gesetz standen, befreite.“ Hier ist keineswegs nur an die jüdischen religiösen Gesetze zu denken, auf die Jesus auf seine Weise auf relativierende Distanz ging, indem er sagte: Diese Gesetze sind für den Menschen da und nicht der Mensch für die Gesetze, was er zum Beispiel bekanntlich am Gesetz zur Einhaltung des Ruhetaggebotes deutlich machte. Sondern hier ist in einem grundsätzlichen Sinne an die Gesetze der Welt zu denken. Die Gesetze oder Gesetzmäßigkeiten der Welt sind hier im Blick oder mit anderen Worten all das, was Politiker so gerne mit dem Wort „alternativlos“ beschreiben.

Man könnte auch sagen, all die Realitäten, die sich wie Naturgesetze gebärden, es aber nicht unbedingt sind. Heutzutage redet man auch gerne von Sachzwängen.

An diese Gesetze der Welt, wie ich sie nennen möchte, die sehr wohl von den Gesetzen Gottes zu unterscheiden sind, für diese Sachzwänge soll aber eben nach Paulus nicht die Menschlichkeit geopfert werden und an die Gesetze und Gewalten der Welt soll nicht die Seele verkauft werden. Gesetze der Welt sind sicher auch „Haste was, biste was“ und „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Das sind die sogenannten ungeschriebenen Gesetze der Welt.

Weihnachten bedeutet nach Paulus, dass Gott seinen Sohn vom Himmel gesandt hat, um uns davon zu befreien. Natürlich ist die Rede vom Sohn Gottes keine biologische Aussage, sondern eine Aussage über das Wesen Jesu, über seine Verbundenheit mit Gott, eine Glaubensaussage eben.

Und mit dem einen Satz bringt Paulus alles auf den Punkt. Wir sollen nicht mehr Knechte der Gesetze der Welt sein, sondern Kinder Gottes, die durch Christus befreit sind.

Die Verbundenheit mit Gott, zu der uns dieser Christus herangeführt hat, der Himmel, zu dem uns Christus eine Brücke gebaut hat und ein Fenster geöffnet hat, soll uns befreien von den Gesetzen und Alternativlosigkeiten dieser Welt.

Was heißt das im Konkreten? Hier ist die Rede von Freiheit. Aber es ist sicher eine andere Freiheit als die Freiheit, mit 250 über die Autobahn fahren zu dürfen, oder die Freiheit, die Frau Starck-Zimmermann immerzu im Munde führt, die mehr wert sein soll als ein Menschenleben und angeblich irgendwo ganz anders verteidigt werden muss, bevor der Russe im Vorgarten steht.

Die Freiheit, die Paulus hier anspricht, ist eine ganz andere Freiheit. Es ist eine innere Freiheit. Man könnte aber auch sagen: sie ist eine himmlische Freiheit. Der Himmel schafft Raum. Er schafft Abstand zwischen mir und den Gesetzen dieser Welt und schenkt mir Atem in der vorgeblichen Alternativlosigkeit.

Der Glaube lässt mich also genauso wie der Humor auf Distanz zur Wirklichkeit gehen, zu der Wirklichkeit, die sich so gerne als alternativlos ausgibt.

Die Freiheit des Glaubens, meine Anbindung an den Himmel durch Christus, kann mir sagen: ich bin niemandes Knecht, so wie Paulus es sagt. Ich brauch mich im Betrieb nicht klein machen. Ich brauche mir da nicht alles gefallen lassen und ich muss da auch nicht alles mitmachen, nicht zu jedem Preis. Ich bin nicht der Knecht der Manager. Ich bin ein geliebtes und befreites Kind Gottes. Ich mach mein Maul auf in der Hoffnung, dass es auch andere tun werden, die sich nicht als Knechte, sondern Kinder Gottes fühlen.

Die Freiheit des Glaubens, meine Anbindung an den Himmel durch Christus, kann mir sagen: ich bin niemandes Knecht, auch nicht der der Generäle und Machthaber. Als Soldat kann ich sagen: Führt doch Euren Scheiß Krieg allein! Ich bin ein Kind Gottes – ein freies von Gott geliebtes Wesen, der Besseres mit mir vorhat, als das, was Ihr im Schilde führt. Zu Weihnachten 1914 mitten im ersten Weltkrieg, gab es an den Fronten tatsächlich Waffenstillstand und Verbrüderungsszenen. Das war historische Wirklichkeit, bevor das von Generälen beider Seiten gewaltsam unterdrückt worden ist. Aber an diese Alternative zur Alternativlosigkeit ist immer wieder zu erinnern.

Es gäbe noch viele Beispiele, um deutlich zu machen, wie Weihnachten uns befreien kann und uns stark machen kann.

Glaube ist alles andere als Moral. Glaube bedeutet vielmehr Lebenshilfe, weil er mir Distanz zu erlebter Wirklichkeit verschafft. Ich muss in den Gesetzen der Welt genauso wenig wie in meinen Niederlagen untergehen, denn ich habe diese Verbindung zum Himmel, der mir eine neue Perspektive eröffnet.

Wir müssen jeder uns selbst fragen: Wo stehe ich da? Gehorche ich den Gesetzen und Gewalten der Welt oder meinem inneren Kind, das da zu mir spricht und sagt: Du bist mehr als Sklave, mehr als ein Sklave von Bildschirmen und mehr als ein Sklave welcher Ideologien auch immer. Du bist ein Kind Gottes.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich zum Himmel hin auszustrecken. Sie sind all zu geblendet durch die Heilsversprechen der Technologie oder aber der Medizin, die ewige Jugend und ewige Schönheit verspricht. Sie glauben, die Glückseeligkeit in den Perfektionierungen des Diesseits zu finden.

Auch da mache ich mich zum Sklaven von Idealen, die mich am Ende beherrschen und unfrei machen. Dazu ein Witz: Ein herzkranker Jesuit im Krankenhaus vor einer Not-OP fragt Gott ängstlich: »Hat mein letztes Stündlein geschlagen?« Gott antwortet: »Nein, du hast noch 40 Jahre.« Die OP gelingt, glücklich über die gewonnene Zeit beschließt der Jesuit, das Beste draus zu machen. Er lässt sich die Falten straffen, Fett absaugen, die Zähne weißen, das Haar verpflanzen. Nach der letzten Schönheits-OP geht er aus der Klinik – und wird prompt von einem Auto überfahren. Wütend kommt er in den Himmel, beschwert sich bei Gott: »Du hast mir doch noch 40 Jahre versprochen!«

Sagt Gott: »Ach du bist es! Ich habe dich gar nicht erkannt!«

Der Witz hat eine tiefe Aussage: Unsere Identität macht aus, dass wir Kinder Gottes sind. Wir sind von ihm geliebt und angenommen und so gewollt, wie wir sind. Wir brauchen uns nicht verbiegen und an uns rumbasteln. Sondern allen geht es gut und sogar besser, wenn wir akzeptieren und damit leben, dass wir begrenzte Wesen sind, aber mit allem Unperfekten in Gottes Liebe gehalten bleiben.

Viele machen ihre Identität von dem abhängig, was sie haben und nicht von dem, wer sie sind, nämlich geliebte Kinder Gottes. Sie träumen darum vom großen Glück in diesem Leben und wenn es ein Lottogewinn ist. Auch dazu ein Witz. Ein Mann wünschte sich so sehr, dass er einmal im Lotto gewinnen würde. Dann könnte er sich endlich das ersehnte Haus und das ersehnte Auto kaufen. Und so betete er: „Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.“

Am nächsten Tag betet er wieder: „Herr, bitte mach, dass ich im Lotto gewinnen.“

So geht das Tag für Tag. Nach einem Jahr betet der Mann immer noch: „Lieber Gott, bitte, bitte lass mich auch mal im Lotto gewinnen.“

Nichts passiert. Der Mann betet tapfer weiter, dann erhellt sich plötzlich der Raum und eine tiefe, laute Stimme spricht zu ihm: „Mein geliebtes Erdenkind, gib mir doch bitte eine Chance, kauf dir endlich einen Lottoschein!“

Auch dieser Witz hat eine tiefe Botschaft: Glauben heißt nicht, die Verantwortung für das eigene Leben an Gott zu delegieren. Es bleibt, etwas zu tun. Um glückseelig zu werden, um Weihnachten in mir und auf der Erde zu erleben, muss ich mich als Kind Gottes auf den Weg machen und die Welt so mitgestalten, dass das Licht Gottes für die Menschen tatsächlich in ihr wahrnehmbar wird.

Die Botschaft zu Weihnachten ist: Gott lässt uns mit diesem Auftrag, zu zeigen, dass wir als Kinder Gottes vom Licht leben, nicht allein, so wenig, wie er uns überhaupt beim Mühen in dieser Welt allein lässt. Darum zum Schluß der langen Predigt eine Geschichte, die uns aufzeigt, auf welche Weise Gott zu Weihnachten in die Welt kommt. Ich habe sie bereits einmal in einem anderen Gottesdienst in der Adventszeit erzählt:

Jetzt kann Gott kommen

Ein erfuhr, dass Gott bei ihm zu Besuch kommen wollte. „Zu mir?“, sagte er . „In mein Haus?“ Er rannte schnell durch alle Zimmer, er lief die Stiegen auf und ab, er kletterte zum Dachboden hinauf, er stieg in den Keller hinunter. Er sah sein Haus mit anderen Augen. „Unmöglich!“ ,dachte er, „In diesme Dreckstall kann man keinen Besuch empfangen. Alles schmutzig. Alles voller Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen.“

Er riss FEnster und Türen auf. „Brüder! Freunde!“, rief er, „Helft mir aufräumen – irgendeiner! Aber schnell!“

Er begann sein Haus zu kehren. Durch dicke Staubwolken sah er, dass ihm einer zur Hilfe gekommen war. Sie scheppten das Gerümpel vors Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten Stiegen und Böden. Sie brauchten viele Kübel Wasser, um die Fenster zu putzen. Und imme rnoch klebte der Dreck an allen Ecken udn Enden. „Das schaffen wir nie!“, schnaufte der MAnn. „Das schaffen wir“, sagte der andere. Sie plagten sich den ganzen Tag.

Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. „So“, sagte der Mann, „jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo bleibt er nur?“

„Aber ich bin doch da!“, sagte der andere und setzte sich an den Tisch. „Komm und iß mit mir!“

So macht Gott das: Wenn wir als seine Kinder nicht zum Himmel schauen, kommt er einfach auf die Erde. Amen