(Predigt gehalten in der Versöhnungskirche in Köln Rath-Heumar von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)
Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
für die Predigt des heutigen Sonntags habe ich eine Pflanze ausgesucht, die in der Bibel eine besondere Rolle spielt. Im Grunde geht es heute um zwei Pflanzen. Die eine der beiden ist der Weizen. Der kommt bei Jesus in mehreren Gleichnissen, also Beispielerzählungen vor Das Gleichnis, um das es heute geht, befindet sich im Matthäusevangelium Kap.,13, 24-30. Achtet einfach mal beim Zuhören darauf, welches wohl die andere, die zweite Pflanze sein könnte, die ich meine.
Da heißt es: „Jesus legte ihnen ein weiteres Gleichnis vor und sprach: Mit dem Reich Gottes verhält es sich so: Ein Mensch säte guten Samen auf seinen Acker. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut darunter. Da traten die Knechte zu dem Landherrn und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt denn das Unkraut?
Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausreißen?
Er sprach: Nein! Sonst reißt Ihr den Weizen mit aus, wenn Ihr das Unkraut ausreißt.
Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.“ Amen
Na, so schwer war es glaube ich, nicht, zu herauszufinden, welches die andere Pflanze ist, um die es heute neben dem Weizen geht, denn sie hat ja ganz schön Mühe bereitet. Und wie viele Mühe sie bereiten kann, ist vielen aus der eigenen heimischen Gartenarbeit bekannt, gerade im Frühling und Sommer wächst das Zeug, wie verrückt – richtig: Unkraut.
Eigentlich ist Unkraut ein Unwort für die gemeinte Pflanze, denn es ist kein Name für eine Pflanze, sondern eine Sammelbezeichnung und will lediglich ausdrücken, dass eine Reihe von Pflanzenarten dem Menschen unmittelbar nichts nützen, mehr nicht. Unkraut ist nicht gleich Unkraut. Es gibt da ganz viele verschiedene Pflanzenarten, die so bezeichnet werden, obwohl sie in der ein oder anderen Weise dennoch nützlich sind, wenn auch nicht unmittelbar für den Menschen, so doch zumindest im Ökosystem. Und trotzdem – Brennnesseln oder Disteln etwa möchte man natürlich nicht so gern im eigenen Garten haben. Das ist ja wohl nachvollziehbar. Auch für einen Hardcore-Grünen hört da der Spaß an der Nachhaltigkeit auf.
Wenn man wie in unserem Gleichnis das Feld mit dem Weizen vor Augen hat, denkt man bei Unkraut an irgendetwas Grünes, leicht vom gelben Weizen unterscheidbares, was dazwischen wächst und z. B. so aussieht wie Löwenzahn oder aber Disteln, Brennesseln oder anderes hoch gewachsenes Grün.
Das Unkraut, um das es aber in dem Gleichnis tatsächlich geht, ist ein ganz Besonderes. In den meisten Bibelübersetzungen kommt das leider nicht zum Vorschein, auch nicht in der Martin Luthers. Und dabei ist das gar nicht so unwichtig, um welches Unkraut genau es hier geht. Ja, es ist sogar elementar zum Verständnis dessen, was Jesus mit diesem Gleichnis eigentlich sagen will.
Das Unkraut, um das es hier geht, sieht dem Weizen nämlich zum Verwechseln ähnlich. Leider wächst es nicht mehr in Deutschland. Deshalb konnte ich es Euch als Pflanze nicht mitbringen. Im Orient und einigen anderen Erdtteilen ist es noch verbreitet.
Aber immerhin habe Ich Euch ein Bild mitgebracht, das Ihr anschauen könnt. Oben seht Ihr den Taumellolch.

So heißt nämlich dieses besondere Unkraut. Der Taumellolch ist oft von einem Pilz befallen, der Bitterstoffe produziert, wodurch die Pflanze giftig wird. Und bei Gift in größeren Mengen fängt man eben irgendwann an, zu taumeln. Deshalb heißt die Pflanze so – Taumellolch.

Das untere Bild zeigt den Weizen. Und nicht, dass jetzt ein paar besonders Kluge wieder auf die Idee kommen, mich verbessern zu müssen und sagen: Aber Herr Wenzel, das ist doch kein Weizen. Das ist doch Gerste. Da sieht man doch an diesen fädenartigen Blattröhren zu den Seiten der Körner. Ihr Lieben, da würdet Ihr Euch täuschen: Das ist Urweizen. Der sieht so aus. Und das Bild habe ich extra mitgebracht, weil nämlich diese Weizenart damals im Alten Israel wuchs und nicht die heutige.
Und wenn Ihr das jetzt mal vergleicht – also diesen Weizen und den Taumellolch, seht Ihr, dass gerade die Körner und ihre Anordnung an den Ähren sich sehr ähneln können. Ihr könnt euch vorstellen, daß man Weizen und Taumellolch auch schon mal verwechseln könnte.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus, Weizen und Taumellolch haben uns etwas zu sagen. Sie erzählen uns etwas vom Reich Gottes. Für viele von uns – ich schließe mich da gar nicht aus – ist das Reich Gottes, das was wir auch Himmelreich nennen – zum Fremdwort geworden. Man kann sich das so schwer vorstellen. Und wir fragen uns immer wieder, was hat das mit unserem Alltagsleben zu tun? Ich weiß nicht, wie Euch das geht, aber an die Herrschaft Gottes in unserem Leben zu glauben fällt mir manchmal schwer. Da sind doch so viele Enttäuschungen und da ist so vieles, was in dieser Welt nicht im Sinne Gottes ist und trotzdem munter weiterexistiert. Reich Gottes, wo soll das denn sein? Kommt es erst nach dem Tod oder ist es schon hier in unserem Leben wirklich anwesend? Kleinen Kindern sage ich oft: „Der Himmel, also das Reich Gottes, ist überall da, wo Gottes Liebe herrscht – wo Gottes Liebe da ist.“ Das verstehen die und ich selbst auch noch am ehesten.
Auch die Jünger Jesu haben damals wie wir erlebt, dass es mit der Welt nicht immer bergauf Richtung Gott geht. Sie haben erlebt: Jesus war gekommen, aber die Welt hat sich nicht auf einmal um 180 Grad gedreht. Auch in ihren eigenen Kreisen konnten sie das erleben. Einer, der besser sein wollte als der andere. Neid und Mißgunst untereinander. Und das, obwohl ihnen Jesus alles zum gelingenden Leben gegeben hatte, was sie brauchten. Und so ist es auch in der Welt und ebenso in unserer Kirche bis heute geblieben. Wir sind trotz fast 2000jähriger Existenz als Kirche nie ein Verein von Engeln geworden.
Weizen und Taumellolch haben uns gerade dazu etwas zu sagen. Um diese Widersprüchlichkeit, die wir erfahren und mit der wir leben müssen, geht es auch im Gleichnis. Da ist auf der einen Seite der gute Same, der von Gott gesät wird, aus dem sich schließlich der Weizen entwickelt. Auf der anderen Seite der Taumellolch, der unbeabsichtigt von Gott auch auf das Feld gekommen ist und mitwächst. „Ein Feind hat das getan“ heißt es in der Geschichte – eine Gegenkraft Gottes. Wie sollte man pilzbefallenen Taumellolch oder giftigen falschen Weizen, müsste man vielleicht besser sagen, damals auch anders erklären? Das Gleichnis aus der Alltagswelt entsprach den Erfahrungen der damaligen Zuhörer. Dass sich der Taumellolch, also Unkraut, von irgendwoher im Feld niederlässt, war und ist ja bis heute eine immer wiederkehrende Erfahrung. Ein dauerhaftes Ärgernis. Eine bleibende Herausforderung.
Wie ist nun damit umzugehen? Was können wir für uns heute von dieser alten Geschichte mitnehmen?
Natürlich wächst beides auf, wenn man das Unkraut nicht vorher irgendwie erkennt und zeitig ausreißt. Im Normalfall würde man es rausreißen.
Und genau das ist im Gleichnis Jesu ganz anders. Der Schreiber bzw. Jesus setzt damit bewusst einen anderen Akzent. Es war normal, das Unkraut auszurupfen, um dem Weizen Platz zu bieten. Aber der Landherr, also im übertragenen Sinne Gott, an den sich die Knechte hilflos fragend wenden, empfiehlt und fordert hier ein anderes Verhalten. Den Taumellolch sollen sie stehen lassen. Unkraut und Weizen soll man miteinander wachsen lassen. Der Landesherr, also Gott wird zur Zeit der Ernte, also am Ende selbst entscheiden, was wegkommt und was an Frucht geerntet wird.
Ihr kennt alle die Redeweise: „die Spreu vom Weizen trennen“. Es ist in unsere Alltagssprache übergegangen. Und oft wird diese Redeweise in Zusammenhängen verwendet, wo es nicht hingehört. Als Schüler musste ich mir oft anhören, wie einer meiner Lehrer vor den Klassenarbeiten uns mit dem Spruch begrüßte: „So jetzt wird wieder die Spreu vom Weizen getrennt“. Mir ging der Bezug auf ein aus der Bibel entlehntes Bild im Zusammenhang von Klassenarbeiten ziemlich auf den Zeiger, weil es Angst machte! Irgendwann sagte ich dann zu dem Lehrer, er solle das doch besser Gott überlassen, denn so ähnlich begegnet das ja auch hier im Gleichnis. Es ist hier zwar nicht die Spreu, wie in einem ähnlichen überlieferten Gleichnis. Aber es steht uns nicht zu, das Unkraut, den Taumellolch, den giftigen falschen Weizen vom Weizen zu trennen, auszusondern, zu vernichten. Sondern wenn überhaupt, dann Gott selbst am Ende aller Zeiten.
Trennen, bewerten, ausgrenzen, ja ausmerzen, das ist das übliche Verfahren, das wir kennen und immer wieder anwenden, wenn wir uns als Menschen von anderen abheben wollen. Wir verteufeln, diabolisieren. Besonders extrem hat man das in der Zeit des sogenannten tausendjährigen Reiches zur Zeit des Nationalsozialismus erleben können. Diese Idee von einem großen Reich verband sich mit „Säuberungsaktionen“, bei dem unzählige Menschen ihr Leben lassen mussten, nur weil sie anders waren. Damals sprach man von diesen Menschen übrigens auch als Ungeziefer und Unkraut. Wir sehen, wo das hinführt, wenn man glaubt zu wissen, wer Unkraut ist und wer nicht und was ausgerupft werden muss und was nicht und wer Teufel ist und wer nicht.
Wir müssen aber gar nicht in diese ruhmlose Vergangenheit schauen. Die Verteufelungen finden ja aktuell nach wie vor statt. Kaum fliegt irgendwo eine Drohne herum, waren es die bösen Russen, Putin der Teufel hat sie geschickt. Solch billige und dumme Propaganda muss doch für jeden kritisch und unbefangen denkenden Menschen selbstentlarvend sein. Einen Drohnenkrieg in Deutschland anzuzetteln und dann auch noch so stümperhaft, dass ein Busfahrer sie mal so eben mit einem Fußtritt ausschaltet, wäre militärischer und politischer Selbstmord für Putin. Andere profitieren viel mehr davon, wenn man dies den Russen anhängen kann. Da muss man nur 1 und 2 zusammen zählen. Hier werden also willkürlich oder gar absichtlich Feindbilder bedient anstatt kritisch und ergebnisoffen zu denken und zu recherchieren und man fragt sich, ob Putin bald auch noch für das Wetter und die drohende Klimakatastrophe verantwortlich gemacht wird. Wir sind ja der gute Weizen und er ist der böse Taumellolch. Ach ne, ich ich wollte sagen: Wir sind ja der gute Westen und er ist der böse taumelnde Strolch. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich möchte Putin keineswegs verharmlosen. Aber mir geht es um diese Dynamik vor der uns das Gleichnis warnt und die am Ende zerstörerischer ist als das, was schon zerstört ist. Und was wir brauchen, ist ohnehin nicht das Ende des Feindes, sondern das Ende der Feindschaft. So etwas ist ein weit mühsamerer Weg, wird aber vom Gleichnis Jesu umso mehr ans Herz gelegt.
Mit dem Gleichnis verbinde ich aber auch , wie wenig Bereitschaft im Innern unserer Gesellschaft da ist, mit dem Anderssein Anderer zu leben oder aber mit ihren anderen unorthodoxen Meinungen. Da kommt dann schnell das Correctiv von irgendwo daher statt das Ohr. Und diese Menschen werden oft, noch bevor man hinhört, verteufelt und passend zur Hölle macht man da Brandmauern auf, statt sich engagiert in die inhaltliche Debatte hinein zu begeben und Probleme zu lösen. Das ist nicht Demokratie, wenn ich sage, dass bestimmte Meinungen keine Meinungen sind. Das ist Meinungsunterdrückung, Denkverbot und Gesinnungsdiktatur. Und auch als Christ geht es nicht darum, die Moral auf der eigenen Seite zu haben udn sich auf die Schulter klopfen zu können oder die richtige Gesinnung zu haben, sei es die linke, sei es eine rechte, sondern als Christ geht es darum, ein Gewissen, einen von Gott geschenkten Verstand, ein Ohr, eine Verantwortung und als Basis für all das einen Glauben zu haben.
Auch auf ganz anderen Ebenen sind wir oft nicht bereit, mit dem ganz Anderen oder Unvollkommenen zu leben. Alles was oder wer unschön ist, hat es in unserer Gesellschaft schon mal von vornherein verdammt schwer. Wir leben in einer Zeit, wo der menschliche Körper, seine Schönheit und ewigen Jugend förmlich und faktisch vergöttert wird. Diese Form der selbstbezogenen Körpervergötterung hat den Körperkult der Nazis bald wieder eingeholt, wenn das so weiter geht.
Es wird uns immer wieder eine perfekte Welt vorgegaukelt, in der man verzweifelt versucht, alles passgenau zu machen, statt umgekehrt mit dem Unvollkommenen einfach leben zu lernen. Auch die Bereitschaft, mit weniger Service, weniger Leistung, weniger Angebot usw. zu leben, ist sehr gering. Ich denke da besonders an die Ärzte von denen erwartet wird, dass sie Halbgöttern gleich, Menschen in fünf Minuten gesund machen können. Es wird uns eine perfekte Welt vorgegaukelt ohne Falten und Risse, in der alles machbar ist. Als Christen und als bewusst lebende Menschen wissen wir tief in uns drin: Die Welt ist nicht perfekt. Es gibt auch all die anderen Seiten. In uns sind viele andere Seiten so wie auch in unserem Gegenüber. Als Menschen sind und bleiben wir unvollkommen. Jesus sagt es uns auch in dem Gleichnis: Es ist beides da – Weizen und Taumellolch.
Auf unsere Kirche bezogen, sollten wir besonders aufmerksam auf das Gleichnis hören. Wir könnten ja sagen. Gut, in der Gesellschaft sind die Versuche, etwas Perfektes zu gestalten, zwar gescheitert. Der Sozialismus ist zusammengebrochen. Und der Kapitalismus pfeift auch schon aus dem letzten Loch – sieht man ja an den Kriegen. Überall scheitert es halt am Menschen, auch wenn uns manchmal etwas Anderes vorgekaukelt wird.
Aber wie ist es mit unserer Kirche? Müssten wir da nicht alles daran setzen, dass sie vollkommen wird? Muss das nicht wenigstens da funktionieren? Irgendwie muss doch das Reich Gottes erfahrbar werden. Sollten wir uns da nicht „gesundschrumpfen“? – wie man heute im Zusammenhang mit der Finanznot in der Kirche auch so gerne sagt, und dabei im Blick hat, daß nur noch wirklich klar bekennende und fromme Christen den gesunden Rest bilden. Jesus sagt hier in seinem Gleichnis ein eindeutiges Nein zu solchem Ansinnen. Eine Kirche oder eine Gemeinde von nur noch vermeintlich frommen Bekennenden würde sich schnell selbst genug werden. „Nein“, sagt Jesus „Lasst den Taumellolch stehen“, sagt er, sonst reißt Ihr noch versehens den Weizen mit aus. Ihr seht das auf dem Bild. Weizen und Taumellolch sind gar nicht immer so einfach zu trennen. Da kann man schon mal versehentlich durch ungenaues Hinsehen den Weizen rausziehen oder unabsichtlich durch die Wurzeln, die sich miteinander verbunden haben, ausreißen. Es ist gar nicht immer so einfach zu sagen, was gut und was falsch ist, wer fromm ist und wer nicht, wer zum Unkraut gehört und wer nicht. Im Umgang mit den Menschen, egal ob innerhalb oder außerhalb unserer Kirche, soll es gerade anders sein. Wir sollen behutsam mit ihnen umgehen. Und so hat schon Martin Luther zu diesem Gleichnis richtig bemerkt: „jene Fanatiker, die kein Unkraut unter sich dulden wollen, bewirken letztlich, dass bei ihnen kein Weizen ist. Das geschieht so: wo sie der reine Weizen und die reine Kirche sein wollen, bringen sie es mit ihrer übergroßen Heiligkeit dahin, dass sie überhaupt nicht mehr Kirche sind, sondern eine reine Sekte Satans.“ Um Luther mal zu übersetzen: Das ist dann so wie mit den Islamisten, die auch glauben, dass sie heiliger sind als die Übrigen und am Ende dadurch nicht Gott dienen, sondern dem Teufel, indem sie Menschen moralisch terrorisieren und Leben zerstören.
Das Reich Gottes als Insel der Glückseeligen und Vollkommenen? Luther hat Recht. Das ist nicht die Vorstellung Jesu vom Reich Gottes, nicht seine Vorstellung davon, wie das Reich Gottes richtig zum Zuge kommen kann.
Es soll und muss sich offensichtlich vielmehr entwickeln mit und in allem Unvollkommenen. Wenn überhaupt irgendeine Gesinnung bei Christen gefragt ist, dann doch wohl am ehesten diese. Eine ganz ähnliche Zielrichtung hat die Geschichte, die ich Euch gerne an dieser Stelle erzählen möchte. Ich bin sicher, ich habe sie auch hier von der Kanzel schon einmal mal erzählt:
Es ist die Geschichte vom weisen Hofgärtner: Ein Mann beschloss, einen Garten anzulegen. Also bereitete er den Boden vor und streute den Samen wunderschöner Blumen aus. Als die Saat aufging, wuchs auch der Löwenzahn. Da versuchte der Mann mit mancherlei Methoden, des Löwenzahns Herr zu werden. Weil aber nichts half, reiste er in die ferne Hauptstadt, um dort den Hofgärtner des Königs zu befragen.
Der weise alte Gärtner, der schon manchen Park angelegt und immer bereitwillig Rat erteilt hatte, gab ihm umfangreich Auskunft, wie er den Löwenzahn loswerden könne.
Aber alles, was der Hofgärtner aufzählte, hatte der Fragende schon selbst probiert. So saßen die beiden eine Zeitlang schweigend zusammen, bis am Ende der Hofgärtner den ratlosen Mann schmunzelnd anschaute und sagte:
„Wenn denn alles, was ich dir vorgeschlagen habe, nichts genutzt hat, dann gibt es nur noch einen Ausweg: Lerne den Löwenzahn zu lieben.“
Soweit diese fernöstliche Geschichte, liebe Schwestern und Brüder in Christus. Es ist offensichtlich, dass sie auf Dasselbe hinaus will, wie Jesus mit seinem Gleichnis. Jesus sagt, das Reich Gottes soll und muss sich entwickeln mit und in allem Unvollkommenen.
Für uns gilt also, mit unseren Unvollkommenheiten, den persönlichen und denen unserer Kirche leben zu lernen. Auf unsere Kirche bezogen heißt das dann auch, Raum füreinander zu lassen, auch für Menschen, die ganz anders sind als ich oder aber auch etwas falsch gemacht haben mögen. Es steht mir nicht zu, über sie den Stab zu brechen und zu sagen, wer weniger Sünder ist und wer mehr, wer näher von Gottes Reich entfernt sein mag und wer weiter entfernt sein mag. Es steht mir besser an, auch gemachte Fehler zu verzeihen und gnädig mit den Anderen umzugehen.
Und auf die Finanznot in der Kirche bezogen nicht eng machen, sondern das Wesentliche nicht aus dem Auge zu verlieren, nämlich Gottes Reich, d. h. Gottes Liebe, die unter uns sein will. Das bedeutet nicht auf einmal nur noch das Allernötigste zu tun – Minimalprogramm, weil es ja nicht anders geht oder aber frömmelnd und fundamentalistisch zu werden, sondern aus dieser verheißungsvollen Kraft der Liebe Gottes und seinem Geist heraus leben und handeln. Davon getragen können wir behutsam mit Weizen und Taumellolch umgehen. Unvollkommenheiten und Fehler benennen und eingestehen und gemeinsam in Liebe daran arbeiten, dann wird auch das Richtige daraus wachsen. Wo wir in dieser Liebe miteinander umgehen, in der Kirche, wie in der Gesellschaft, da wird auch Gottes Reich sichtbar. Mit Taumellolch müssen wir leben, aber der Weizensame ist uns geschenkt und Gottes Zusage bleibt, dass daraus etwas wachsen wird. Und vielleicht sollte man besser sagen: der Himmel, also Gottes Reich ist nicht da, wo Gottes Liebe ist, sondern wo sie wächst. So gesehen ist Gottes Reich der sich durchsetzenden Liebe kein Zustand, sondern ein Prozess, an dem wir alle noch wachsen müssen, sollen und können.
Amen.
