Gedanken zur Tageslosung für Dienstag, den 12. Mai 2020

Gedanken zur Tageslosung für Dienstag, den 12. Mai 2020

Der HERR sprach zu Salomo: Bitte, was ich dir geben soll! Salomo sprach: Du wollest deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, dass er dein Volk richten könne und verstehen, was gut und böse ist.
1.Könige 3,5.9

Paulus schreibt: Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei.
Philipper 1,9-10

Die beiden Verse aus völlig unterschiedlichen Zusammenhängen klären uns darüber auf, wie die Bibel Gebet versteht und wie sie Spiritualität versteht im Unterschied zu weit verbreiteten Missverständnissen in der Christenheit einerseits und in heutigen sogenannten spirituellen Bewegungen und esoterischen Kreisen andererseits. Ja, das ist sogar ganz konkret im Sinne von “Aufklärung” zu verstehen, wie er sich in unseren Breitengraden als Begriff entwickelt hatte, der einen historischen Prozess beschrieben hat, bei dem etwa ab dem 18. Jahrhundert die Menschen der Wissenschaft, Gesellschaft und teils auch der Kirche die Reflexion ihres Handelns an der Vernunft ausgerichtet haben. Vernunft (Ratio) statt Irrationalität stand auf dem Programm und führte zur Emanzipation von vielen althergebrachten Sitten, Sichtweisen und Herrschaftsformen. Bisheriges wurde hinterfragt und das war gut zu. Dass sich später im Gewand der Ratio ganz andere negative Dynamiken entwickelt haben, die ihrerseits wieder von der Vernunft her hätten hinterfragt werden müssen (sogenannte Dialektik der Aufklärung) ist ein ganz anderes Problem. Aufklärung bedeutete: “Ich denke, also bin ich” (René Descartes). Gemeint war, dass das Denken befreit und zur Gestaltung des Lebens hilft wie auch umgekehrt ein befreites Denken erst die eigene Lebensgestaltung ermöglicht.

Viele Menschen sehen seit diesen Zeiten Glauben als Widerspruch zum Denken. Das ist Unsinn. Darüber klären uns gerade die beiden Verse der heutigen Tageslosung auf. Denn, um was bittet Salomo? Was ist das Gebet des Salomo? Ein “gehorsames Herz” (in der Bibel ist das Herz nicht etwa der Ort des Gefühls, sondern des Verstandes und der eigenen Identität) und um Weisheit, also letztlich um das, was wir Vernunft oder “Denken” nennen.

Ganz ähnlich bittet Paulus im Gebet darum, dass die “Liebe” der Christen in Philippi “immer noch reicher an Erkenntnis werde”. Die Nächstenliebe oder Liebe ist für ihn nicht nur eine Frage des Mitleids und Gefühls sondern bedarf der vernunftorientierten Reflexion des Verstandes. Ziel ist, wie Paulus es sagt: “, dass Ihr prüfen könnt, was gut und böse ist.” Das deutsch Wort “prüfen” ist Übersetzung des griechischen Wortes “kritein“, das da im Text steht. Richtig, da klingt das Wort “kritisch” mit an. Kritisch sein bedeutet im Ursprung des griechischen Wortsinns “unterscheiden”, also den Verstand so einsetzen, dass man die Dinge abwägt und von einander unterscheidet, auf gut deutsch: ein differenziertes Denken im Unterschied zu einem plakativen, einseitigen  oder von Vorurteilen geprägtes Denken.

Sowohl im Alten Testament als auch in Neuen Testament soll das jeweilige Gebet also die eigenen Sinne und den eigenen Verstand schärfen und zu einem vernunftorientierten Handeln führen. warum ich das alles so sehr betone?

Weil damit erstens deutlich wird, dass Denken und Glauben keine Gegensätze sind, wie viele heute meinen, sondern Glauben führt zum Denken. Ja, und das kritische Nachdenken kann sogar wieder neue Perspektiven des Glaubens eröffnen, wo Glauben einmal missbraucht oder zugedeckt wurde durch fragwürdige Erziehungsmethoden und Bibelinterpretationen, wie etwa ihren Missbrauch zur eigenen Herrschaftssicherung.

Und wir werden durch die beiden Verse auch darüber aufgeklärt, wie die Bibel Beten versteht. Beten bedeutet nicht einfach die Verantwortung für mein Leben an Gott delegieren, sondern umgekehrt, mich in der Verantwortung für mein Leben stärken zu lassen, Vergewisserung für meine vernunftorientierte Gestaltung der Welt zu finden und Gewissenserforschung im Gebet zu betreiben, wo die Unvernunft regiert – Unvernunft in mir oder in der Welt. Natürlich geht es im Gebet um die Öffnung gegenüber Gott selbst, also gegenüber dem Göttlichen und der göttlichen Wirkkraft. Aber das Göttliche, das Spirituelle (Geistliche) ist nicht etwa all das, was unerklärlich oder irrational ist (wie bei vielen spirituellen Modebewegungen oder den Geisterbeschwörungen der Esoteriker). Das Göttliche ist also nicht einfach ein Name für all die Dinge, die sich außerhalb unseres Verstandes bewegen, sondern das Göttliche leitet , wie es diese biblischen Verse zum Gebet zeigen, zur vernunftorientierten Gestaltung der Welt an. weder Weltflucht noch Weltenhass kann damit göttliches Programm sein und schon mal gar nicht Denkverbot, sondern nur vernunftorientierte Liebe zur Welt. Dafür hat Gott uns den Verstand und die Vernunft gegeben. damit wir selbstständig handeln. Darum bitten Salomo und Paulus und nicht etwas darum, dass aus dem Himmel heraus jemand für uns die Welt auf magische Weise wieder in Ordnung bringt. (Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)