Gedanken zur Jahreslosung 2020

Gedanken zur Jahreslosung 2020

Ich glaube, hilf meinem Unglauben
(Markusevangelium 9, 24)

Als der Rettungswagen kam, hatte die junge Frau gerade den Steingut-Topf voll Milch durch das geschlossene Küchenfenster geworfen. Vor den Sanitätern krachten die Scherben aufs Pflaster. Sie hatte wieder eine manische Phase, wie das Erscheinungsbild bei bestimmten psychischen Erkrankungen tituliert wird.

Sie weigerte sich, in das rote Auto zu steigen, wehrte sich kreischend gegen die Männer. Da legte ihr Mann ihr eine Tavor 1.5 unter die Zunge. Er gab ihr einen Schluck Wasser dazu. Sie tobte zuerst weiter. Er durfte selbst mit in den Wagen klettern, um ihre Hand zu halten und mit ihr in die Psychiatrie fahren. Sonst wäre sie nicht eingestiegen. Der böse Geist der Unruhe aber wollte sie nicht verlassen. Ihr Mann begann zu beten. Er flehte zu Jesus: „Ich glaube, dass Du sie heilen kannst. Hilf uns jetzt. Jetzt!“ Die Sanitäter wurden schon unwillig. “Beruhige sie. Heile sie.“ betete er „Und wenn mein Glaube zu schwach ist, Dich zu bewegen, so nimm mir meinen Unglauben ab. Hilf meinem Unglauben. Nur heile sie. Denn Du bist ja der Heiland.“
Er musste das Wort „Heiland“ halblaut ausgesprochen haben, denn seine Frau wütete plötzlich nicht mehr. Heiland. Jesus, der heilt. Ob sie sich erinnerte an die Geschichten, die sie im Kindergottesdienst gehört hatte? Vom treuen Heiland. Der Wunder tun konnte und getan hat. Sogar Tote auferweckt, heißt es?

Jesus hatte zu Lebzeiten ja die Königsherrschaft Gottes nicht nur angekündigt, sondern in seinem Tun selbst schon begonnen. Hatte Menschen das schlechte Gewissen genommen und Lähmungen. Hatte ihren Zweifeln Klarheit geschenkt und ihren blinden Augen Licht. Darin zeigte er Gottes Liebe. Dass beides, das Heilen und das Sündenvergeben, ineinander ging in seinem Gesundmachen, das war der jungen Frau jetzt gerade nicht möglich, zu begreifen.

In der Psychiatrie-Ambulanz in Erlangen bereitete man sich für die Nacht vor, als der Rettungswagen ankam. Auch die Kranke wurde ruhiger. Hatte sie nicht wie ihr Mann immer unverbrüchlich an diesen, ihren Heiland geglaubt! Hatte selbst Theologie studiert, war aber dann nicht zum Pfarramt zugelassen worden, gerade wegen ihrer seelischen Labilität! Jesus hatte immer für sie bedeutet: Das Wichtigste schenkt er den Menschen, was sie erbitten, das Ende von Krankheit.

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„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“, die Jahreslosung 2020, ist der Ausruf eines Vaters, der seinen von bösen Geistern besessenen Sohn vor Jesus bringt. Einen Epileptiker, würden wir heute wohl sagen. Der Vater vertraut darauf, dass Jesus den Jungen heilt. Er ist seine letzte Hoffnung. Damals gab es noch keine prall gefüllten Apotheken mit hochwirksamer Chemie.

So verlief die Begegnung:
Markus 9,20 - 27: „Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte den Vater des Kranken: „Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt?“ – Er sprach: “Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn Du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Jesus aber sprach zu ihm: “Du sagst: Wenn Du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Sogleich schrie der Vater des Kindes: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: “Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!“ Da schrie der Geist und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und der Kranke lag da wie tot, so dass alle sagten: Er ist tot. Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.“
Der Vater vertraut darauf, dass Jesus den Jungen heilt. Das ist sein Glaube. Eine andere Art von Glauben hat er nicht. Und Jesus erlöst den Sohn wie den Vater. Zusammen gehen sie nach Hause.

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Nach Hause durfte die junge Frau aus der Psychiatrie erst nach fünf Wochen. Sie wurde nicht nur medikamentös, sondern auch psychotherapeutisch behandelt, lernte Entspannung und Töpfern. Außerdem wurde ihre Diabetes 2 endlich erkannt, sie wurde eingestellt. (Alles Berichtete ist genau so geschehen, aber Namen muss ich wohl nicht nennen.)

Eins scheint mir unabweisbar: dass Gott heute nicht nur durch die Hand wirkt, die sein Sohn einst einem Kranken reichte, sondern durch kundige Ärzte voll Verantwortung. Ich sage das ungeschützt. Ich muss nicht sofort eine fundierte Würdigung unseres Gesundheitswesens nachschieben oder die Missstände der konkurrierenden Krankentransportfirmen aufzeigen.
Ich berichte aus der Psychiatrie in Erlangen, weil ich gewiss bin, dass Gott heute Wunder tut durch Ärzte und Schwestern und auch durch Angehörige, die kranken Menschen zu helfen versuchen. Gott hilft hier. Denn das ganze Leben und die wichtigste Botschaft seines Sohnes sind ein Zeugnis für das Leben und gegen den Tod.

Schauen wir uns aber um: Viel Krankheit trotz Fortschritt. Unheilbares, trotz Glaube. „Was fällt, das soll man auch noch stoßen“ (Nietzsche). Das ist die Devise einer Welt, die das Überleben der Stärksten zum wichtigsten Grundsatz ihrer Ordnung erhebt. Und unsere alltägliche Erfahrung scheint solche Weltsicht und Welt-Ordnung nur allzu oft zu bestätigen. Auch Jesus, der Heiland, der so gerne half, endete ja am Kreuz, im Tod.

Aber ich denke, dass die Hoffnung auf eine bessere, heilere, friedlichere Welt nicht mit ihm gestorben ist. Denn das bezeugt seine Gemeinde immer wieder mit der Botschaft von seiner Auferstehung. Und an diese Auferstehung darf ich glauben, wenn ich krank werde, wenn mein Mann krank wird oder unsere Enkel, wenn Menschen leiden, die ich liebe. Dann liege ich auf dem Fußboden und weiß nicht ein noch aus und rufe Gott an: – mit der Bitte um Hilfe –
und mit der Bitte, die Schwäche meines Glaubens, die Kraftlosigkeit meiner Hoffnung und die Vergeblichkeit meiner Liebe nicht das letzte Wort bleiben zu lassen.
Und warte, dass der Rettungswagen nun rasch kommt.

Dorothea Kuhrau