Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis zu Lukas 5,1-11
© epd-bild/Frank Molter

Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis zu Lukas 5,1-11

Predigt Lukas 5, 1-11 (Evangelium des Tages, mit einem musikalischen Zwischenspiel)
Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. AMEN

Liebe Gemeinde, es war einmal ein Forschungsschiff getauft auf den Namen „MS Poseidon“, das im GEOMAR Zentrum in Kiel eingesetzt war und mit 60 m Länge und 11 m Breite das größte und wichtigste Forschungsschiff für das Land Schleswig-Holstein war. 2019 fand auf Initiative der Evangelischen Kirche Deutschlands die Gründung des Bündnisses „unitet4 rescue“ statt und eben dieses Schiff wurde 2020 zur Rettung von Menschen aus Seenot erworben. Es wurde getauft auf den Namen „Sea-Watch 4“, hat eine moderne Krankenstation und ausreichend Platz für Gerettete bis hin zu mehreren Wochen Aufenthalt. Am Ostersonntag hätte es zu seinem ersten Einsatz aufbrechen sollen, was durch Corona verhindert wurde. Aber jetzt Anfang August wird es im Mittelmeer eingesetzt werden.
Christen werden zu Menschen-Fischern, um zu verhindern, dass das Mittelmeer nicht mehr für seine Badestrände berühmt, sondern als das größte Massengrab der Menschenheitsgeschichte berüchtigt wird.
Die Besatzung hält nach alten, wackeligen Booten und Schlauchbooten Ausschau. Deren Insassen sind nicht zum Spaß auf dem Wasser. Man wird sich mit Rettungsbooten diesen Nusschalen nähern, Menschen ansprechen, sie beruhigen, ihnen die Verfahrensweise erläutern, ihnen immer wieder zurufen: Ihr seid jetzt sicher, keine Angst, bitte Ruhe bewahren.
Das Rettungsboot ist nur der Vorbote des größeren Schiffes. Dessen Kapitän sieht man nicht. Darum stelle ich mir einen vor. Petrus. In jeder Zeit gibt es einen Petrus. Mindestens. Auch wenn er vielleicht anders heißt. Er fischt die Menschen aus dem Wasser. Und Jesus sagt:
„Fürchte dich nicht. Von nun an wirst du Menschen fangen“.

Lukas 5, 1-11
1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. 2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Lassen wir die Worte des Predigttextes einmal während des nächsten Musikstücks auf uns wirken….

Liebe Gemeinde,
„Von nun an wirst du Menschen fangen“? Na vielen Dank auch! Ich will nicht gefangen werden! Fangen ist etwas Gewaltsames. Jemand wird überwältigt, unfreiwillig festgehalten, eingesperrt. Fische, die gefangen werden, werden getötet und aufgegessen.
Und niemals würden wir jemanden „Menschenfänger“ nennen und das positiv meinen. Menschenfänger sind böse. Solche Typen, vor denen man Kinder beschützen muss. Sie sind Kidnapper oder Leute, die andere dazu bringen, sich ausnutzen zu lassen. Oder es sind Leute, die Menschen mit einfachen Botschaften zu locken versuchen, um selber mehr Macht zu bekommen.

„Von nun an wirst du Menschen fangen“. Ob Jesus diesen Satz nun selbst gesagt hat oder ob er ihm vom Evangelisten Lukas in den Mund gelegt wurde – die Metapher ist ziemlich verunglückt. Natürlich weiß der wohlwollende Hörer oder Hörerin, was gemeint ist: Simon Petrus soll nicht mehr fischen gehen, sondern mit Jesu Hilfe Gottes Willen verkünden, den Menschen richtiges Handeln vermitteln, ihnen die Angst vor dem Verlust, vor Krankheit und sogar vor Tod nehmen. Simon Petrus soll auch mithelfen, Menschen zu versammeln. Es ist ein Auftrag an den Einzelnen, und doch auch der Hinweis darauf: Es geht um die Rettung vieler Menschen.
Den frühen Christen war es wichtig zu zeigen: Die Apostel haben von Jesus den Auftrag und die Fähigkeit bekommen, richtig zu predigen, und die Autorität, Menschen zu versammeln.
Wenn das stimmt, waren die Fischer wohl auch eine ganz gute Wahl dafür. Simon Petrus und seine Kollegen fuhren ja nicht nur für sich selber hinaus auf den See. Es war ihr Beruf und Lebensunterhalt, Fische wurden gefangen und verkauft.
Und wenn du etwas verkaufen willst, ist es von Vorteil, wenn du gut mit Menschen umgehen kannst. Du willst das Vertrauen deiner Kunden gewinnen – oder nicht verlieren, denn du kennst sie natürlich alle. Die Frauen aus dem Dorf, die eine Familienportion für das Abendessen brauchen; den Alten, der allein in seiner Hütte wohnt und immer nur die ganz kleinen Fische nimmt, die andere wegschmeißen würden. Und den Händler, der gleich ganze Körbe abnimmt, um sie woanders weiterzuverkaufen.
Du zeigst ihnen, dass die Ware frisch ist und nicht schon von vorletzter Nacht. Du hebst die Fische hoch, zeigst auf die glänzenden Schuppen und lässt deine Kunden schnuppern. Du nennst ihnen einen Preis, der zu hoch ist, weil du weißt, dass sie dich noch herunterhandeln werden. Am Ende einigt ihr euch. So wie immer.

Aber du, Simon, du bist jetzt kein Fischer mehr. Jetzt geht es nicht mehr darum, Fische zu fangen und zu verkaufen, auch jene, die nicht so schön sind. Jetzt geht es darum, Menschen zu fangen und das Evangelium an den Mann zu bringen.

Nein, die Rede vom Menschenfangen ist nicht besonders gut gelungen, denn sie weckt Assoziationen, die man eigentlich nicht so gerne hätte. Deswegen wird in kirchlichen Kreisen auch lieber von „Menschenfischern“ gesprochen.

Damit es einladender und offen klingt, nicht gewaltsam und manipulativ. Die Einladung zum Glauben hat nichts mit “Menschenfangen” zu tun.
Obwohl – es gibt Menschenfänger in allen Religionen. Die benutzen Gott oder ihr Bild einer höheren Macht dann als Mittel zum Zweck, um das zu kriegen, was sie wollen. Sie sagen, wenn du mir dienst, dann dienst du Gott. Sie sagen, Gott kann dir helfen, wenn du mich an dich heranlässt. Oder sie sagen, ein christliches Abendland verträgt keine Menschen, die nicht hier geboren sind. Gott selber ist ihnen egal.

Andere dagegen meinen es ernst mit ihrer Religion. Das denken sie jedenfalls. Sie glauben, genau zu wissen, was richtig ist. Sie sagen, Gottes Willen könne man leicht in der Bibel nachlesen. Wörtlich. Sie nehmen die Bibel zu Hilfe, wenn sie argumentieren, z.B. gegen Homosexualität, gegen Gleichberechtigung oder gegen andere Dinge, die ihnen unheimlich sind. Das Unheimliche schicken sie dann zur Hölle. Mit Hilfe von Bibelworten.

Man kann alles Mögliche mit der Bibel begründen. Es ist nicht schwer, denn sie hat über tausend Jahre zum Wachsen gebraucht und wurde von vielen Zeiten und Menschen und Gesellschaften mitgeformt. Deswegen steht da eine Menge drin. Auch vieles, was nicht mehr in unsere heutige Zeit passt. Wer mit der Bibel Menschen einwickeln will, der mag die Vorstellung nicht, dass es Menschenworte sind, mit denen sich Gottes Wort verbunden hat.

Aber weil genau das der Fall ist, und weil es schwer ist, beides auseinanderzuhalten, ist Glauben kompliziert. Menschenwort und Gotteswort, Zweifel und Vertrauen haben von Anfang an nebeneinander gelegen. Auch der Fischer Simon war sich seiner Sache nicht immer sicher. Und doch oder gerade deswegen ist er ein Jünger geblieben. Und sogar ein besonderer: Er hieß ja Simon, der Fels. Simon Petrus. Möglicherweise hat Jesus ihm diesen Namen gegeben, so ist es aufgeschrieben.
Was wir sicher wissen ist, dass Jesus gepredigt hat, dass er auf neue Art und Weise gepredigt hat, dass er sich taufen ließ und dass sich eine Reihe von Leuten, auch Fischer, Jesus angeschlossen haben.
Jesus weckte Begeisterung und erkannte den Anfang des Reiches Gottes in seiner Zeit. Als nach Ostern die Jünger seine Predigt fortsetzten, bildeten sich Gemeinschaften – erst in Jerusalem, dann bald auch an anderen Orten. Man half sich gegenseitig, teilte, was man hatte, und wartete darauf, dass Jesus bald wiederkommen würde. Immer neue Geschichten über ihn wurden erzählt. Wie er geboren wurde, was für Wunder er getan hatte und wie er seine Jünger beauftragt hatte, allen seine Botschaft weiterzugeben.
Zwischendurch stritten die Apostel sich, ob man Jude sein musste, um Christ werden zu können. Petrus gegen Paulus. Paulus gewann, sodass bald das Evangelium auch Nichtjuden verkündet wurde. So reisten die Apostel durch die Welt, predigten leidenschaftlich, warben und schrieben Briefe hin und her.

Es waren ihre große Begeisterung, ihr tiefer Glaube und ihre ehrliche Hoffnung, die die Jünger dazu brachte, Menschen von Jesu Botschaft zu überzeugen. Wer von ihnen gut reden konnte, predigte. Wer gut organisieren konnte, kümmerte sich um die Gemeinschaft. Menschen wurden damals nicht gefangen, überwältigt oder eingesperrt in einen Käfig von Vorschriften. Paulus schwärmte von der Freiheit des Menschen und seiner Unabhängigkeit von religiösen Gesetzen. Petrus war sich da nicht so sicher. Mal wieder. Es war auch schwer, das zu beurteilen. Das Neue Testament gab es noch nicht. Erst mit der Zeit wurden Briefe, Glaubensbekenntnisse, Jesusworte und Jesusgeschichten gesammelt. So manches wurde hinzugefügt, einiges gestrichen oder verändert. Dreihundert Jahre lang, bis man sich darauf geeinigt hatte, was man glauben wollte und was nicht.
Aber trotzdem glaubten nicht alle dasselbe; und kaum wurden Christen nicht mehr verfolgt, fingen einige an, sich gegenseitig zu verfolgen, wenn sie nicht mehr einer Meinung waren. Viel zu viele dachten von sich, Gottes Wesen und Willen zweifelsfrei erkennen zu können. Oder sie strebten nach Macht und Einfluss. Sie erzählten von der Hölle oder von den Offenbarungen, die sie persönlich gehabt haben wollten. Menschen zu gewinnen und Menschen zu fangen, das lag nicht weit auseinander.

Wer das weiß, der sieht schnell, warum gerade die Kirche Jesu sich davor hüten sollte, Menschen zu fangen, zu umgarnen, einzuwickeln.

Trotzdem ist es gut, dass am Ende die Erzählung vom wunderbaren Fischzug des Petrus in der Bibel gelandet ist. Sie erzählt nicht nur vom Gewinnen, sondern auch vom Scheitern. Petrus war nicht an jedem Tag ein erfolgreicher Fischer, ebenso wie auch Jesus seine Metaphern hin und wieder misslungen sind. Oder seinen Evangelisten. Die unglückliche Formulierung vom Menschenfangen erinnert uns daran, in Glaubensdingen unseren Verstand nicht auszuschalten.
Sie zeigt uns die Menschenworte zwischen den Gottesworten. Und doch ermutigt die Geschichte vom Fischzug des Petrus zugleich dazu, Vertrauen zu entwickeln und damit zu rechnen, dass Gott und viele Menschen es gut mit uns meinen.

Sie tut das, gerade weil sie anklingen lässt, dass Glaube und Nachfolge kompliziert sind. Ausgerechnet dem Jünger, der immer wieder an sich und Jesus zweifeln wird, der ihn später verleugnen wird – ausgerechnet dem verheißt Jesus hier eine große Überzeugungskraft. Offenbar ist das Christentum nicht nur etwas für Musterkinder. Stattdessen wird Gott selber Mensch und wendet sich allen Menschen zu. Darin kann ich tatsächlich Gottes Wort erkennen.

So verstehen ich auch das Ansinnen der EKD mit dem Schiff united4rescue.
Die Menschen, die darauf gerettet werden, werden nicht missioniert, zum Christentum verpflichtet. Und ich bin sicher, die Menschenfischer wissen zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme und Lebensrettung nicht, ob und wo diese Menschen eine Zukunft haben, die sich mit ihren Hoffnungen und den Gesetzen und Verwaltungswegen der Zielländer deckt.
Da braucht es dann vielleicht andere, Samariter oder Diakone, nicht Menschenfischer.

Jetzt ist Petrus also Menschenfischer. Er hat sein altes Boot genommen und fischt Menschen aus dem Mittelmeer. Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Nordafrika, egal woher. Er bringt sie an Land und hofft, dass sie dort klarkommen. Aber er fürchtet sich immer noch. Davor, dass das Boot sinken könnte. Sie würden alle ertrinken. Er selber auch.

Deswegen wollte er zunächst nicht alle einsammeln. Er wollte nur die aus dem Wasser ziehen, die seine Sprache sprechen, derselben Religion angehören, dieselben Regeln befolgen. Sein Segelfreund Paulus ist da anderer Meinung. „Jesus ist zu allen Menschen gegangen. Also machen wir das auch“, sagt er. „Und wenn wir untergehen?“, fragt Petrus dann. Er ist sicher, Paulus würde das Boot völlig überfrachten. Er findet: Lieber nicht so viele an sich heranlassen, aber dafür die Chance auf eine echte Gemeinschaft mit ihnen haben. Paulus aber sagt: „Wenn das Boot voll ist, dann laden wir aus und fahren ein nächstes Mal raus. An Land ist Platz genug.“

Amen.

Und der Friede Gottes der höher ist als alles, was wir denken und begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem HERRN, Amen.

(Die Predigt stammt von Andrea Stangenberg-Wingerning mit einer bearbeiteten Vorlage von Gönke Dorothea Eberhard aus “Werkstatt Liturgie und Predigt”, BuHV)