Abendandacht über “Der Mond ist aufgegangen”
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Abendandacht über “Der Mond ist aufgegangen”

Liebe „virtuelle“ Gemeinde, ihr Seelen da in Euren Häusern und Wohnungen am Computer oder unterwegs am Handy.

Viele Gemeinden läuten ihr gewohntes „Abendläuten“ um 18 Uhr oder 19 Uhr. Und viele Menschen verbinden mit dem Läuten, einen Moment innezuhalten, an einen lieben Menschen zu denken oder ein Gebet zu sprechen.
Die Evangelische Kirche Deutschlands, EKD, ruft dazu auf, täglich um 19.00 Uhr miteinander das Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen und aus den Gärten und von den Balkonen erschallen zu lassen.. Und meine Gedanken zur Zeit des Abendläutens gehen heute zu diesem Lied, welches ich Ihnen und Euch ein Stück näherbringen möchten.

Viele Menschen kennen Worte und Melodie des Liedes von Matthias Claudius. Zur Erinnerung hier das Lied, welches übrigens von einem Freund des Dichters, Johann Abraham Peter Schulz, im Jahre 1790 vertont wurde:
1.Der Mond ist aufgegangen / die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar. / Der Wald steht schwarz und schweiget, / und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.

2.Wie ist die Welt so stille / und in der Dämmrung Hülle so traulich und so hold / als eine stille Kammer, / wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.

3.Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen / und ist doch rund und schön. / So sind wohl manche Sachen, / die wir getrost belachen,weil unsre Augen sie nicht sehn.

4.Wir stolzen Menschenkinder / sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. / Wir spinnen Luftgespinste / und suchen viele Künste / und kommen weiter von dem Ziel.

Als Matthias Claudius (er lebte von 1740-1815 im Norden unseres Landes) im Jahr 1779 den Liedtext schrieb, waren Krankheit und Tod ganz präsent. Das Jahrzehnt, in dem der Text entstand, war von Hungerkatastrophen und neuen, oft tödlichen Infektionskrankheiten geprägt. Auch Matthias Claudius, Sohn eines Pfarrers, hatte in seiner Familie viel Leid, Krankheit und Tod erlebt. Mit großem Gottvertrauen schreibt Claudius seine Zeilen, um Mut zu machen. Unter dem Mond, dessen Licht uns zur Abendruhe geleitet, sollen wir ruhig und zuversichtlich werden, uns an Gott festmachen, aneinander denken und füreinander beten.
Manche Strophen des Liedes wurden in den letzten Jahren nicht mehr viel gesungen, erschienen den Menschen nicht zeitgemäß. Dass das Lied auch den Tod nicht verschweigt, und uns ausrichtet an Gott, der dem Tod nicht das letzte Regiment überlässt, kann uns vielleicht gerade in dieser Krisenzeit wieder zum Glauben und Hoffen führen.

5.Gott, lass dein Heil uns schauen, / auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun; / lass uns einfältig werden / und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.

6.Wollst endlich sonder Grämen / aus dieser Welt uns nehmen durch einen sanften Tod; / und wenn du uns genommen, / lass uns in’ Himmel kommen, du unser Herr und unser Gott.

7.So legt euch denn, ihr Brüder, / in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. / Verschon uns, Gott, mit Strafen / und lass uns ruhig schlafen. / Und unsern kranken Nachbarn auch!

Matthias Claudius lebte in der Zeit zwischen Romantik und Aufklärung. Er hatte Theologie und Jura studiert, sich immer viel mehr aber zur Dichtung und dem Journalismus zugewendet. Im Grunde schlug er sich als freier Literat durch, arbeitete als Sekretär oder Hauslehrer, und wurde bekannt durch die Herausgabe des „Wandsbecker Boten“, einer bürgerlichen, kulturell vielseitigen und auch obrigkeitskritischen Zeitung aus Hamburg- Wandsbek (damals noch mit ck geschrieben und zu Dänemark gehörig.) Eine relativ gesicherte Lebensstellung bekam er durch einen Ehrensold des dänischen Kronprinzen Friedrich, welcher ihm auch zu einem „Revisorenamt“ verhalf, so das Matthias Claudius sich auch mit Verwaltungsdingen herumschlagen musste.
Zu seiner Familie gehörte Anna Rebekka Behn, die er als 17 jährige zu seiner Ehefrau nah. Der erstgeboren Sohn starb, es folgten weitere 5 Söhne und 6 Töchter.
Hinter der Wandsbeker Christuskirche liegt das Grab der Eheleute auf dem historischen Friedhof.

So weit zu Matthias Claudius. Und jetzt zu uns!
Wir sind ja eingeladen, dieses Lied allabendlich – jeder für sich und so doch in Gemeinschaft zu singen und den Abend damit einzuläuten. Für den Tag danken und zur Nacht beten, und dankbar zu sein, dass der Lauf der Welten unter dem Segen Gottessteht.
Aber können wir das angesichts der derzeitigen Lage noch?
Ich muss gestehen, ich bin am Abend oft sehr angespannt. Weiß noch nicht, ob der Tag wirklich erfolgreich war, fühle manche Arbeit vielleicht vergeblich gemacht und fürchte mich auch vor den Folgen der Corona-Zeit für unsere Kirche und Gemeinden.
Ich bin froh, noch relativ wenig Erkrankte in meinem Umfeld wahrzunehmen, und ich bewundere, wie tapfer Familien mit Kindern wie alleinstehen Senioren, überlastete Krankenschwestern und müde Handwerker, Menschen in Freistellung und Kurzarbeit und Menschen, die bei uns Zuflucht gesucht haben, mit der Situation umgehen.

Natürlich fehlen mir besonders die vielen Resonanzen durch Gespräche, Begegnungen und gemeinsame Planungen und Veranstaltungen.
Gerne würde ich Matthias Claudius dies alles mal sagen oder schreiben.

Doch da ist mir schon einer zuvorgekommen. Seinen Brief an Matthias Claudius darf ich in Auszügen verlesen:

Bergisch Gladbach bei Köln, im März des Jahres des Herrn 2020

Sehr geehrter Herr Claudius,
ich wende mich mit einer etwas außergewöhnlichen Bitte an Sie und hoffe inständig auf Ihr Wohlwollen und auf Ihre Zustimmung.
Mein Anliegen bezieht sich auf das von Ihnen verfasste „Abendlied“, an das Sie sich sicher gut erinnern werden. Dieses Ihr Lied ist heute, über zweihundert Jahre nach Ihrem Ableben, immer noch eins der bekanntesten deutschen Volkslieder. Das Abendlied hat die Generationen überdauert und Eingang gefunden sogar in ein evangelisches Kirchengesangbuch, was Sie als Pfarrerssohn sicherlich besonders freuen mag. Auch in einem Liederheft eines „Christlichen Vereins junger Menschen“, der „Mundorgel“, ist es heutzutage noch nachzulesen; es fehlen dort allerdings unbegreiflicher Weise die Strophen fünf und sechs.
Verschiedene Sänger haben sich ebenfalls mit Interpretationen an Ihrem Lied versucht. Ich möchte an dieser Stelle nur einen gewissen Hannes Wader und einen Herrn Grönemeyer erwähnen. Letzterem gelang es bei Konzerten, mehrere tausend Menschen zum Mitsingen anzuhalten. Auf etliche Parodien zu Ihrem schönen Lied will ich an dieser Stelle allerdings nicht eingehen.
Ihr Lied spiegelt für mich ein fröhliches Gottvertrauen wieder sowie Ihre kirchlich fromme Grundhaltung. Ferner hat mich Ihre Verskunst begeistert.
…..
Ich bitte Sie hiermit, der Überarbeitung Ihres Liedtextes „Abendlied“ in eine aktualisierte Fassung zuzustimmen und begründe das mit der Tatsache, dass sich augenblicklich die gesamte Bevölkerung des Erdballs durch einen Virus bedroht sieht und in dieser weltweiten Krise und Verängstigung des Zuspruchs, der Ermutigung und des Trostes bedarf.

Dazu bietet Ihr Lied eine gute Grundlage, und ich habe mir erlaubt, auch einige Textzeilen wörtlich zu übernehmen. Angeblich sollen ja auch Sie seinerzeit Anleihen bei dem Lied „Nun ruhen alle Wälder“ von Paul Gerhardt genommen haben. Solches Vorgehen fand und finde ich legitim.
Ich füge meinen aktualisierten Liedtext diesem Brief bei und hoffe auf eine baldige zustimmende Antwort von Ihnen.
Ich verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebenster
Jochen Gippert

Und mit seinem Liedtext zur bekannten Melodie, und der neuen Fassung, die uns vielleicht auch in die kommenden Abende begleitet, möchte ich mich für heute von Ihnen verabschieden.
Bleiben Sie behütet!

Abendlied, viral

1) Der Mond ist aufgegangen, / die goldnen Sternlein prangen, am Himmel, blass, nicht klar. / Die Stadt liegt still und schweiget / und aus den Straßen steiget jetzt Angst- wahrlich nicht wunderbar.

2) Die ganze Welt wird stille, / Beklommenheit als Hülle ist traulich nicht und hold. / Verbannt in unsre Kammer / befällt uns Frust und Jammer, und Demut wär’s, die uns jetzt zollt.

3) Wir sehn den Mond dort stehen, / noch ist er hell zu sehen trotz Dunst und Staub zuhauf. / So sind wohl viele Sachen,/ die wir als Fortschritt achten, nicht dienlich für der Erden Lauf.

4) Hochmut der Menschenkinder, / der macht uns doch nur blinder, was wissen wir schon viel? / Es zeigt sich hier auf Erden, / dass klüger wir nicht werden, und kommen weiter ab vom Ziel.

5) Gott, lass‘ dein Gnad uns schauen / und Menschenwerk nicht trauen, nicht Größenwahn uns freu’n. / Lass uns demütig werden, / uns Völker hier auf Erden,
und endlich, endlich friedlich sein.

6) Trotz unsrer großen Sorgen / magst Hoffnung du uns borgen auf eine bessre Welt. /
Sind wir zwar alle Sünder / so doch auch deine Kinder, und von dir in die Welt gestellt.

7) Ihr Schwestern und ihr Brüder / so legt auch heut euch nieder, trotz kaltem Abendhauch. / Verschon uns Gott mit Strafen, / lass uns trotz Virus schlafen,
und unsren alten Nachbarn auch.

JG 2020