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Pfingsten: Wachsen und Sein in der Liebe Christi (Predigt am Pfingstmontag 20.05.2024)

(gehalten von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel in der Versöhnungskirche in Köln-Rath-Heumar)

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Viele tun sich schwer mit der Vorstellung eines Heiligen Geistes bzw. vom Geist Gottes. „Was soll das sein?“ , fragen sie sich. Wo sehe oder finde ich den? Eins ist klar. Ein Gespenst ist der Geist Gottes nicht. Gespenster, die auch oft als Geister bezeichnet werden, sind nichts als Hirngespinste, also Projektionen des Menschen oder menschlicher Ängste. Menschen, die Gespenster sehen oder behaupten, dass es böse Geister gäbe oder Geisterwesen etc., sind geleitet von ihren eigenen Ängsten, die sie beherrschen. Ein ganz einfaches Beispiel erzähle ich immer den Kindern im Kindergarten oder im Schulgottesdienst, damit sie verstehen, dass es keine Gespenster gibt und sie davor auch keine Angst haben müssen. Ich erzähle immer: Als Kind hatte ich immer Angst, wenn ich abends im Dunkeln einschlafen sollte und ich habe im Raum Gespenster gesehen. Aber seltsam, sobald meine Mutter dann das Licht angeschaltet hatte, weil ich sie rief, waren alle Gespenster auf einmal weg. Deshalb sind meine Mutter und auch meine Tante, wenn ich mal bei ihr übernachtet habe, dazu übergegangen, dass sie die Tür immer einen Spalt offen gelassen haben, so dass ein klein wenig Licht den Raum erfüllte. Ich habe nie mehr Gespenster gesehen. Es sind unsere eigenen Ängste, die im Dunkeln Figuren sehen. Es ist unser eigenes Gehirn, das so auf das Dunkel reagiert und die Auge Dinge sehen lässt und Figuren malen lässt, die gar nicht da sind.

Es gibt keine Gespenster. Das sind eben wie der Name von Gespenster sagt, nichts als Hirngespinste, nichts als Einbildungen. Und der Geist Gottes – ist das etwa auch nichts als ein Hirngespinnst? Nichts als eine Einbildung der Christen?

Nein, keineswegs. Im Johannesevangelium heißt es: „Der Wind weht, wo er will. Du hörst ihn zwar, aber du kannst nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ Auf gut deutsch. Den Geist Gottes kann man nicht sehen oder materiell irgendwo festmachen. Man kann nur seine Auswirkungen sehen. Es ist wie eine Energie. Eben wie der Wind. (ich nehme ein buntes Windrad zur Hand) Es ist wie mit diesem Windrad. Ich blase: den Wind selbst kann man nicht sehen, aber man sieht, dass sich das Rad dreht. Man sieht die Auswirkungen, die Folgen. Man sieht, was der Wind zustande bringen kann und so ist es eben auch beim Heiligen Geist.

Das Pfingstgeschehen wird sehr bildhaft beschrieben:  Über dem Haus, in dem sich die Jünger mehr oder minder aus Angst im Untergrund zurückgezogen hatten nach nach Jesu Kreuzigung, fängt es an zu stürmen. Und dann fallen da auch noch Feuerzungen vom Himmel und erfüllen die Herzen der Jüngerinnen und Jünger.  So wird in Bildern das innere Erleben Jünge rudn Jüngerinnen beschrieben. Sie sahen keine Gespenster oder hatten Geisterscheinungen. Aber die Auswirkungen des Wirkens von Gottes Geist, sind dafür umso realer und deutlicher. Endlich finden sie den Mut, aus ihrem Versteck herauszutreten und in die Welt zu ziehen. Sprachgrenzen werden in der Kraft des Geistes überwunden. Die Menschen hören sie in ihren Sprachen und Dialekten zu sich reden. Ein neues Geistesuniversum entsteht, könnte man sagen. Pfingsten – das ist der Urknall des Glaubens, weil sie mit ihren Worten die Herzen der Menschen erreichen und ein ungeheurer Aufbruch entsteht. Es ist zugleich die Geburtsstunde der Kirche, denn es bilden sich nach und nach überall nicht nur in Jerusalem, sondern an unterschiedlichsten Orten Versammlungen von Menschen, die gemeinsam Christus nachfolgen und im Glauben gemeinsam unterwegs sein wollen. Es ist nicht nur der Urknall des christlichen Glaubens, sondern auch die Geburtsstunde der Kirche.

Etwa 70 Jahre später ist der Epheserbrief entstanden, aus dem wir vorhin in der Lesung hörten. Längst ist es in vielen Gemeinden Alltag geworden, kann man sagen. Und die große Aufbruchstimmung am Anfang ist vielleicht einer gewissen Nüchternheit gewichen. Es gibt viele zerstreute Gemeinden, die vor sich hin werkeln und Richtungskämpfe in den Gemeinden – sogenannte Gnostiker, Asketen, Judenchristen, Heidenchristen. Die einen wollen dahin, die anderen dahin. Und dann gibt es auch Grüppchen, die sich selbst genug sind und keinen mehr rein lassen. Und hie rund da ein oberflächlicher Glaube, der nur in Riten aufgeht und auf der Stelle tritt. Es ist ein Vakuum entstanden, in das immer neue griechische Philosophien und Modegedanken hineinströmen, die den Schein von Lebendigkeit bringen. Na, kommt Euch das nicht auch aus unserer heutigen Zeit der Kirche etwas bekannt vor? Was hält diesen „Verein“ noch zusammen? Welches ist seine Richtung? Wofür steht er denn eigentlich noch? Wenn solche Fragen in einer Organisation auftauchen, ist es heute immer höchste Zeit für einen Leitbildprozess. Das kennt man nicht nur von Kirchens, sondern auch von vielen Unternehmen usw. Und dann werden Papiere formuliert, meist für den Papierkorb. Damals war diese Krankheit noch nicht so verbreitet. Man hatte ja auch kaum Papier. Es war ja eher der mühsam hergestellte, seltene und begehrte Papyrus.

Auf einem Papyrus allerdings schrieb der Verfasser des Epheserbriefes – orientierende Worte an die Gemeinde in Ephesus und letztlich auch die übrigen damaligen Gemeinden, die sich darin genauso angesprochen fühlen sollten. Es ging ja um die Frage eines einheitlichen Kurses und der künftigen Weiterexistenz der Gemeinden und der weiteren Überlieferung von Gottes Wort.

Also ganz ähnliche Fragen, wie sie uns heute beschäftigen, wo die Evangelische Kirche sich mit Reformaktionismus überschlägt und trotzdem oder gerade deshalb ihre Mitglieder erdrutschartig die Kirche verlassen. Was hält diese Kirche und ihre Menschen noch zusammen, so groß sie noch sein mag und so klein sie noch werden mag?

Der Verfasser – wir haben es vorhin in der Lesung gehört – entfaltet in seinem mühsam auf Papyrus geschriebenen Brief den Gedanken, dass der Heilige Geist, der einst, also 70 Jahre zuvor, den großen Aufbruch in Jerusalem bewirkt hatte und damit vergleichbar den Auswirkungen des Windes beim Windrad sichtbar und erfahrbar wurde, auch weiterhin sichtbar und erfahrbar sei. Wodurch? Erstens dadurch, dass er allen Christen verschiedene Fähigkeiten und  Gaben verleiht, die sie in die Gemeinden und  in die Kirche nützlich einbringen können.

Zweitens dadurch, dass er so etwas wie das Bindemittel der Gemeinden und der in ihnen existierenden und wirkenden Menschen ist. Es ist dieser Geist, der für den Zusammenhalt sorgt. Er stärkt die Menschen bei der Art und Weise, wie sie miteinander umgehen, neue Wege suchen, aufeinander zugehen, immer wieder vergeben, und konfliktlösungsorientiert den Frieden und die Einträchtigkeit suchen und eben mit ihren jeweiligen Talenten sich einbringen und dazu beitragen. Die Einheit, die der Epheserbrief hier so deutlich ans Herz legt, ist aber nicht verordnete Einheit im Sinne von Uniformität, Einheitlichkeit, sondern im Sinne von Eintracht in der Vielfalt. Alle sollen sich bewusst sein, dass sie ihre Gaben vom selben Geist Gottes haben, alle sollen sich bewusst sein, dass sie alle verschieden sind, aber dieselbe eine Taufe haben und keiner höher steht oder wertvoller ist als der Andere. Alle sollen sich gerne austauschen über das, was nötig ist in den Gemeinden konkret zu tun, jeder soll mit anpacken und mitreden und niemand ausgeschlossen sein. Man darf auch engagiert diskutieren und ganz entgegengesetzter Meinung sein, aber alle sollen sich dabei respektvoll und wertschätzend begegnen. Und es muss zielführend sein. Die Gemeinden sollen als Einheit wahrgenommen werden, weil es eben nur eine Taufe und nur einen Geist Gottes gibt.

Aber was ist das Kennzeichnende der Einheit? Was ist ihr Ziel? Einheit ist hier kein Selbstzweck und soll auch kein Vorwand für Herrschaftsausübung sein, so wie in den politischen Reichen und Bereichen, wo Einheit ja oft gerade dann eingefordert wird, wenn man andere Meinungen unterdrücken will. Das sind dann immer dieselben Parolen, die das Denken ausschalten wollen und schnell den Feind benennen können.

Im Reich Gottes oder Reich Christi sieht die Einheit anders aus. Sie steht auf anderen Pfeilern.

Was macht diese Einheit im Epheserbrief aus? Worauf ist sie bezogen? Dazu möchte ich mit Euch gerne in den zweiten Teil des Textes noch mal genauer hineinschauen. Ich lese ihn noch mal vor:

„Durch all das soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch jede Verbindung, die den Leib nährt mit der Kraft, die einem jeden Teil zugemessen ist. So wächst der Leib und erbaut sich selbst in der Liebe.“ Amen

„So wächst der Leib und erbaut sich selbst in der Liebe“ heißt es. Das Ziel der Einheit ist also das Wachsen und Sein in der Liebe.

Das ist das Ziel aller gemeindlichen Existenz dem Epheserbrief nach. Aber das ist nicht irgendeine beliebige Liebe, sondern sie macht sich fest an Christus. Kirche und Gemeinden müssen Christus selbst im Blick behalten und immer wieder neu in den Blick nehmen und dabei sich tragen und bewegen lassen von Gottes Geist. Das ist eine Vertrauensfrage, eine echte Glaubensfrage. Glauben wir an die Macht und Magie spektakulärer Events und an ein Top-Management des Kirchenlebens (nach dem Motto: Wir reformieren die Kirchen bis die Mitarbeitenden passgenau sind und  wo alles nach einem Masterplan wie in einem Betrieb abläuft, der sich lediglich als Servicedienstleister für die Bedürfnisse und Ansprüche irgendwelcher Gelegenheitschristen versteht.) oder vertrauen wir auf die Wirkmacht des Heiligen Geistes in unserem Tun in den Gemeinden und als Kirche. Der Wind bewegt ja das Windrad und nicht wer anders!

Eine Zukunft der Kirche gibt es nur durch den Heiligen Geist. Und wenn das Ziel allen Unternehmens in der Kirche und die Pfeiler der Einheit der Kirche die Liebe bildet, wie ich ausgeführt habe  bzw. der Schreiber des Epheserbriefes uns ermutigend und orientierend ans Herz legen will, dann verbindet sich noch eine weitere ganz deutliche Orientierung damit. Das Wachsen und Sein in der Liebe, funktioniert nicht losgelöst vom Blick auf Christus.

Das positive Ziel ist die Liebe – das Wachsen und sein der Gemeinschaft in der Liebe. Aber es ist immer verbunden mit der Erkenntnis des Sohnes Gottes, wie es der Verfasser des Epheserbriefes sagt. Auf Christus sollen wir unseren Blick bei alledem konzentrieren. Weshalb?

„damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch das trügerische Würfeln der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.“ – so die Worte aus dem Epheserbrief. Das halte ich für einen sehr hilfreichen wichtigen Hinweis, der auch und gerade heute nichts an Aktualität verloren hat. Immer wieder gab und gibt es Heilslehren und Ideologien in der Geschichte und Gegenwart, von denen wir als Menschen und Christen haben umhertreiben lassen. Sei es die Ideologie der Nazis damals, seien es Ideologien anderer Parteien heute, die sich modernistisch und liberal geben oder fortschrittlich und zur Rettung der Welt, aber fernab von der Lebenswirklichkeit vieler heutiger Menschen und ohne ihre Fragen und Sorgen wirklich ernst zu nehmen und zu hören und mach Lösungen zu suchen. Statt dessen macht man es sich leicht. Man erstickt die Anfragen, indem man den Gegner bei den Nazis verortet. Das geschieht nicht nur auf unfaire und perfide, allzu selbst überzeugte Weise und politisch-strategisch gewollt gegenüber der AFD, die zugegebener Maaßen etwas für ihre Selbstreinigung an ihren Rändern tun müsste, sondern auch in ganz anderen Kontexten, wo versucht wird, Druck auszuüben, Menschen auszugrenzen oder zu diskreditieren. Einige Kirchenleitungen und der Vorsitzende der Diakonie Deutschlands z. B. wollen Mitarbeitende, die die AFD wählen oder mit dieser sympathisieren, entlassen.

Oder ein anderes Beispiel: Frau Charlotte Knobloch, die  Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München bezeichnet ein Gedicht zum Gazakrieg von Dieter Hallervorden als antisemitisch, nur weil dieser es wagte den Krieg in Gaza zu kritisieren und sein Ausmaß in Frage zu stellen.

Wenn man dadurch Antisemit wird, dass man die Staatsführung in Israel kritisiert und die von ihr getroffenen politischen Maßnahmen, dann müssten Millionen Juden, die in Israel leben und dasselbe tun, Antisemiten nach dieser Logik sein. Solidarität mit Israel kann ja wohl nicht bedeuten, dass wir als Christen alle Ja und Amen zu allem Möglichen sagen und uns einen Maulkorb umbinden lassen. So etwas ist an Absurdität nicht zu toppen und richtet großen Schaden im ehrlichen Miteinander der Menschen an, auf dem Weg der Liebe und der Aussöhnung mit dem jüdischen Volk erweist so etwas Bärendienste.

Darum: wer auf Christus schaut, der bleibt wachsam und lässt sich von keiner Ideologie fangen – aber auch wirklich von keiner! – oder zum Spielball der Mächtigen machen. Wer auf Christus schaut, schaut auf Niemanden verächtlich und bleibt oder wird liebender Mensch einer Gemeinschaft von Liebenden, die gemeinsam unterwegs ist. Das ist die Einheit, zu der wir unterwegs sind. Und dazu möge uns Gottes guter Geist verhelfen. Amen