Predigt für Sonntag 09.05.2021
Bunte Fragezeichen - oopyright: Gerd Altmann auf pixabay

Predigt für Sonntag 09.05.2021

(gehalten von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel in der Versöhnungskirche in Rath-Heumar und der Auferstehungskirche in Ostheim)

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

der Name des heutigen Kirchensonntags gäbe Anlass heute nur über ein einziges Wort zu predigen, nämlich Rogate.

Rogate heißt nämlich im Lateinischen nicht nur “beten” bzw. “betet!”, sondern auch fragen bzw. “fragt!”.

Ein Wort für ein und dasselbe: Beten und Fragen. Und je mehr wir das auf uns wirken lassen: Beten und Fragen, desto mehr merken wir: Die Römer spinnten nicht nur, wie es immer wieder in den Comics von Asterix und Oberlix begegnet. Die Römer hatten manchmal auch tatsächlich richtig gute Gedanken. Es ist kaum zu glauben. Aber stimmt.

In dem Wort kommt ein Verständnis von Beten zum Ausdruck, das ich persönlich nicht besser ausdrücken könnte.

Beten ist Fragen. Wer betet, fragt nach dem Leben, fragt nach Gott. Beten bedeutet, die Dinge, die mir zur Frage werden, vor Gott zu bringen. Damit ist Beten auch ein „in Frage stellen“, mich selbst, die Welt, die Corona-Politik oder was auch immer. Schauspieler dürfen in Deutschland ja offenbar nicht ungestraft Dinge in Frage stellen. Ungestraft Beten darf man hingegen schon. Erst Recht bei dem, der ein Ohr für uns hat. Denn Beten ist so gesehen ein Suchen und Ersuchen.

 

Viele sagen ja: Beten ist Bitten – jemanden um etwas bitten. Sicher nicht verkehrt, aber darin geht Beten nicht auf. Das ist nicht Alles.

Beten ist sicher nicht dasselbe wie eine  Wunschliste für den Weihnachtsmann aufstellen.

Das hat schon die amerikanische Rocksängerin Janis Joplin in einem ihrer Lieder karrikiert, wo sie sang: „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz“ Auf gut deutsch: „Herr, willst Du mir nicht einen Mercedes Benz kaufen?“ Ein keckes Wortspiel, denn genauso ausgesprochen, aber anders geschrieben heißt “Mercy dispense” auch „Gnadengabe“. Diejenigen, die von der Gnade Gottes reden, aber Gott in Wirklichkeit oft nur zum Erfüllungsgehilfen eigener Sehnsüchte machen, berauben ihn seiner Souveränität. Er ist kein souveräner gnädiger Gott mehr, auf dessen Gnade und Solidarität ich angewiesen wäre, kein echtes Gegenüber mehr, sondern nur ein Mittel zum Zweck, wenn er lediglich mein Wunscherfüller ist. Ja, Gott wird in solch einem Gebetsverständnis förmlich zum Spielzeug meiner Sehnsüchte und vielleicht auch Süchte.

In der französischen Sprache wiederum gibt es das Wort „Demander“. Und demander quel’qun heißt nicht nur „jemanden bitten“, sondern auch „jemanden fragen“. Selbst in dieser alltäglichen Ausdrucksweise, werden wir daran erinnert, dass auch jedes Bitten ein Fragen ist.

Bringen wir wirklich unsere Fragen vor Gott oder hämmern wir ihn schon mit unseren Bitten und Wünschen zu, bevor wir überhaupt fragend in uns selbst und in die Welt hineingeschaut haben?

Die Religionskritiker des 19. Jh. haben den Kirchen vorgeworfen, dass sie zu sehr vom Diesseits und seinen Missständen abgelenkt hätten durch ihre Reden von Gott und vom Himmel. Auch das Gebet würde doch nur ablenken und sei doch all zu oft nichts als reine Wunschprojektion. Ich wünsche mir was und das soll mir Gott eben bringen. Dabei würde die eigene Verantwortung ganz auf Gott abgeschoben, statt sich auf die Veränderung der bestehenden Verhältnisse zu konzentrieren und selbst zu handeln und die Welt zu verbessern.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, ist das wirklich so? Will derjenige, der betet, die Verantwortung für diese Welt abschieben? Und will er sie nicht ändern? Und ist Gebet nichts als Wunschliste?

Der für den heutigen Sonntag vorgesehene Abschnitt aus dem 2. Mose, Kap 32, Verse 7-14 lehrt uns das genaue Gegenteil. Wer betet, übernimmt Verantwortung und will die Welt und ihre Verhältnisse verändern. darauf läuft der ganze Text, die ganze Erzählung hinaus.

Es wird erzählt: Das Volk Israel war aus Ägypten befreit worden. Es zog seinen Weg in die Freiheit und in eine neue Heimat – freilich ein Weg, der mit viel Angst und Ungewissheit verbunden war. Mose war gerade auf den Berg gestiegen, zog sich dorthin zurück und empfing schließlich die Weisungen, die Gebote Gottes, die als Lebenshilfe gedacht waren für ihn und sein Volk. Da ereignete sich der Erzählung nach Folgendes:

„Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, ist dabei, Unheil anzurichten. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass dieses Volk ein hoffnungslos starrköpfiges Volk ist. Und nun halte Du mich nicht auf: Ich will meiner Wut auf sie freien Lauf lassen und sie vernichten. Dich aber mache ich zu einem großen Volk. Mose aber versuchte den HERRN, seinen Gott zu besänftigen, und sprach: Ach HERR, warum willst Du deiner Wut freien Lauf lassen gegen dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen dürfen: „Ha, er hat sie in böser Absicht befreit: Er wollte sie nur im Gebirge vernichten und ganz vom Erdboden vertilgen.? Kehre um von deiner brennenden Wut und bereue, dass du über dein Volk ein solches Unheil bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. Da bereute es der Herr, dass er im Sinne hatte, seinem Volk solch ein Unheil zuzufügen.“ Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, entgegen der Behauptung der Religionskritiker und Atheisten hören wir hier nicht, dass der Kontakt zu Gott und dem Himmel von der Weltverantwortung und Weltgestaltung ablenkt. Im Gegenteil, wir hören, dass dieser Kontakt, dieses Öffnen, Fragen und Suchen vor Gott zur Weltverantwortung hinführt. So jedenfalls im Fall von Mose. Und wir hören auch, wie er durch sein Gebet keineswegs die bestehenden Fakten und Verhältnisse gutheißen und absegnen lassen will, sondern etwas ändern will. Nicht nur das. Das Spannende an dem Text ist ja, dass Mose sogar Gott ändern will, jedenfalls seine Gemütsverfassung – oder besser die Handlungsabsicht Gottes, die aus dieser Gemütsverfassung folgt.

Und gegen Ende des Textes hören wir, dass Mose damit sogar erfolgreich war. Er hat Gott umgestimmt. Er hat ihn zur Umkehr bewegt. „Kehre um von deiner brennenden Wut und bereue, dass du über dein Volk ein solches Unheil bringen willst.“, mit diesen Worten hat Mose Gott zur Umkehr aufgefordert. Wir denken immer Umkehr gilt nur für uns Menschen. Umkehr gegenüber Gott, Umkehr von unseren schlechten Wegen – Rückkehr zu Gott auf einem guten Weg. Hier erfahren wir: Nein, es gilt nicht nur für Menschen. Offensichtlich kann auch Gott umkehren.

Aber wenn Gott von seinem Weg umkehren kann, ist er dann überhaupt verlässlich? Die Antwort finden wir im Text selbst. Gott ist nicht verlässlich im Sinne, dass er für uns einfach berechenbar und verfügbar wäre, sich dem fügt, was wir wollen und sagen. Gott ist kein Gott, der immer nur das macht, was wir gerade wünschen. Dann wäre er ja nicht Gott. Aber auch wenn Gott so gesehen für uns unberechenbar bleibt, bleibt er für uns dennoch verlässlich. Ja, gerade indem er unberechenbar bleibt. Gerade, indem er seine Richtung wechselt und umkehrt, erweist Gott sich Mose und seinem Volk und auch uns immer wieder neu als letztlich eben doch verlässlich, nämlich darin, dass er uns liebevoll zugewandt ist. Er ist verlässlich in seiner Liebe zu uns.

Mose konfrontiert Gott in betender Zwiesprache damit, dass Gott seiner Eigenheit, nämlich seiner eigenen solidarischen Verbundenheit mit den Menschen des Volkes Israel, das er aus der Not befreit hatte, nun völlig zuwiderhandeln würde, wenn er es in der Not untergehen lassen würde oder gar hineinführen würde: „Warum sollen die Ägypter sagen dürfen: „Ha, er hat sie in böser Absicht befreit: Er wollte sie nur im Gebirge vernichten und ganz vom Erdboden vertilgen.“?

Mich faszinieren zwei Dinge ganz besonders an diesem Text, die ich gerne herausstellen möchte.

Da ist einmal der Umgang mit dem Unheil oder der Katastrophe, wie man auch übersetzen könnte. Der Begriff „Unheil“ kommt in dem Textabschnitt mehrfach vor.

Einmal heißt es aus dem Munde Gottes ganz am Anfang: „dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, ist dabei, Unheil anzurichten.“ Damit ist zunächst einmal deutlich, dass es Unheil in dieser Welt gibt, für das Gott ganz und gar nicht verantwortlich ist, sondern die Menschen. Dasselbe Wort begegnet aber noch an zwei weiteren Stellen. Einmal als Mose Gott auffordert: „Kehre um von deiner brennenden Wut und bereue, dass du über dein Volk ein solches Unheil bringen willst.“ Und dann schließlich als Gott auf die hartnäckige, engagierte Fürbitte Mose reagiert: „Da bereute es der Herr, dass er im Sinne hatte, seinem Volk solch ein Unheil zuzufügen.“

Was wird darin deutlich? Deutlich wird darin, dass die Kette des Unheils unterbrochen werden kann, dass die Verstrickungen des Unheils entwirrt und aufgehoben, aufgelöst werden können.

Unheil – jedenfalls solche Art von Unheil –  ist nur das Schicksal, das wir selbst nicht in die Hand nehmen. Nochmal: Unheil ist nur das Schicksal, das wir selbst nicht in die Hand nehmen. Das Unheil tritt letztlich nur dann ein, wenn wir es gewähren lassen. Beten, so zeigt dieser Text über Mose und das Volk Israel, ist also alles andere als Weltabgewandheit oder gleichgültige Schicksalsergebenheit, bei der man die eigene Verantwortung an einen Gott abgeben möchte, wie es die Religionskritiker unterstellten, sondern das genaue Gegenteil. Wer betet, will Unheil in Wort und Tat abwenden, die unheilvolle Kette durchbrechen. Die Verstrickungen durchbrechen, die drohen, das Unheil eintreten zu lassen, oder das einmal eingetretene Unheil, weiter zu entfachen.

Und damit sind wir nicht bei irgendwelchen Naturkatastrophen, sondern mitten in unserer Geschichte, bei uns selbst als Menschen. Das hebräische Wort für „Unheil“, das dort steht, kann man ebenso mit „Katastrophe“ übersetzen. Aber hier im Zusammenhang der Geschichte von Mose und dem Volk Israel, das sich mit dem goldenen Kalb einen neuen Gott geschaffen hat und es anbetet, aus Angst, Unsicherheit oder aber Berechnung, ist ganz klar, dass mit „Katastrophe“ nicht etwas gemeint ist, was von außen über die Menschheit hereingebrochen ist, sondern, was selbst verursacht ist. Genauso wenig wie der Nationalsozialismus in Deutschland damals von außen über die Menschen hereingebrochen wäre oder die Kriege und gewalttätigen Auseinandersetzungen, die heute im Gang sind. Oder die Nähfabriken, die vor wenigen Jahren Bangladesch einstürzen, weil sie die Textilien unter den billigsten Bedingungen herstellten, die bei uns für teures Geld verkauft werden, sind auch keine von außen herbeigeführten schicksalhaften Katastrophen, sondern Unheil, bei dem wir gefragt sind und in Frage gestellt werden und deshalb diese Frage auch vor Gott bringen wollen.

„Die Katastrophe“, so hat glaube ich einmal Walter Benjamin oder Theodor Adorno gesagt, „ist nicht, dass die Katastrophe einmal eingetreten ist, sondern dass sie in der Geschichte weitergeht und sich immer wieder wiederholt.“

Und wir merken, wie nah Walter Benjamin oder Theodor Adorno an dieser Dynamik des Bibeltextes dran sind. Es geht darum, die Dynamik, der sich hochpuschenden Katastrophe zu durchschauen und zu durchbrechen und damit auch die Ketten von Gewalt und Gegengewalt. Und wenn Gott selbst sich nicht von Zorn, eigenen Verletzungen und Rachegedanken lösen kann, wer denn dann? Darauf will diese Geschichte doch hinaus: Gott macht uns etwas vor, und zwar im positiven Sinne dieses Wortes. Er kehrt um, damit sich die Dinge umkehren. Er ändert sein Verhalten, damit die Verhältnisse unter uns Menschen sich ändern. Er selbst ist uns in der Zwiesprache mit Mose ein Beispiel, wie sehr es Not tut, aus der eigenen Verfangenheit in der Katastrophe herauszukommen, zu erkennen, dass wir selbst Anteil daran haben und Möglichkeiten des Handelns haben und dann auch handeln. Und wenn wir das nicht im Sinn bewahren, was wir hier lesen und hören – wenn wir also nicht im Sinn bewahren, dass Gott anders ist als wir Menschen und im Gegensatz zu uns, an seiner Liebe und Treue festhalten will und wir dem gleich tun sollen, wie können dann noch Katastrophen abgewendet oder gewendet werden?

Ein engagiertes Beten führt zu einem veränderten Bewusstsein und damit auch zum Handeln in der Welt. Die Welt wird bestimmt nicht durch gedankenlosen Aktionismus gerettet, wohl aber durch ein Beten und Handeln, das Ehrfurcht vor Gott und den Menschen anzeigt. Das kann tatsächlich unsere Welt verwandeln.

Und ich muss an die Zeilen aus dem Stuttgarter Schuldbekenntnis denken. Mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis bekannte die nach dem Zweiten Weltkrieg neugebildete Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erstmals eine Mitschuld evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Im Blick auf diese Katastrophe schrieben die Autoren: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Nicht treuer gebetet – Beten ist in der Tat ein treues Festhalten an der Liebe Gottes, ein Fragen nach der Liebe Gottes, um menschliches Unheil abzuwenden, um diese Welt in einem Licht anzusehen, das Klarheit und Güte verleiht und Mut und Kraft bereitet, diese Welt entsprechend zu gestalten.

Manchmal kann ich nicht beten. Manchmal fehlt mir die Kraft und der Glaube. Auch in unserer Gemeinde habe ich das manches Mal erlebt, wenn Menschen Schlimmes in ihren Familien wiederfahren ist, Krankheit oder Tod. Da tut es ihnen gut zu wissen, dass andere für sie beten, auch denjenigen tut es gut, die in diesem Jahr in unserer Gemeinde einen Menschen durch Corona verloren haben, die also das Unheil ganz leibhaftig erlebt haben und Kraft brauchen auf ihrem Weg. Das gibt ihnen das Gefühl, nicht allein zu sein und schenkt Verbundenheit. Dafür ist eine lebendige Gemeinde da – füreinander beten, für konkrete Menschen beten und nicht nur anonym.

Das besondere an der Fürbitte Mose ist nicht nur, dass er Gott selbst zur Umkehr bewegt, ruft, sucht, herausfordert und hier solidarisch für sein Volk eintritt, also mitleidend betet, wenn man so will, sondern auch, dass er die Größe hat, diejenigen aus seiner Fürbitte nicht herausfallen zu lassen, die das genaue Gegenteil von dem machen, was er vertritt und wofür er steht. Ja, auch sie kommen in seiner Fürbitte vor.

Für die Menschen beten, die mir Spinne Feind sind oder mir zumindest als die vermeintlichen Gegner erscheinen oder als welche, deren Verhalten ich nicht verstehe, bedeutet, suchen sie zu verstehen, auch das fragend vor Gott zu bringen. Das ins Gebet legen, könnte auch ein wichtiger Schritt zum Frieden in mir, also auch zur eigenen Umkehr sein. Rogare – fragend beten. Ich will meine Sehnsüchte vor Gott bringen. Nicht damit meine Wünsche erfüllt werden, wohl aber, dass diese Welt eine andere werden kann. Und das wird sie nur, wenn ich im Gebet demütig mich selbst in Frage stelle und erkenne, dass auch ich dazu ein Anderer werden muss. Gott möge uns allen dazu die Kraft geben.

Amen