Predigt für Palmsonntag – 5. April 2020 (Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)
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Predigt für Palmsonntag – 5. April 2020 (Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)

Predigt am Palmsonntag , 5. April 2020
(Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

mitten in der Passionszeit, in der Leidenszeit Christi, wird uns im Markusevangelium von einer sehr sinnlichen Geschichte erzählt. Von einer Frau, die Jesus mit einem kostbaren Nardensalböl salbt. Eine sinnliche Erfahrung steht da im Vordergrund. In der evangelischen Kirche sind wir gewohnt, daß bei uns in den Gottesdiensten als Sinne vor allem das Gehör und der Verstand stark angesprochen werden. Das ist bei uns sehr wichtig – die Predigt und die Lieder. Das ist auch gut so.

Aber zu den Sinnen gehört ja noch mehr als nur Gehör und Verstand. Die Augen beispielsweise. Da haben wir uns als Protestanten inzwischen weiterentwickelt. Man braucht sich in unserer Gemeinde in der Auferstehungskirche in Ostheim und in der Versöhnungskirche in Rath-Heumar nur umzusehen. Da wird einem einiges an Bildern und Skulpturen für die Augen geboten. Da kann man sich schon mal für einen Moment dran festhalten und sie auf sich wirken lassen.

Selbst das Schmecken hat bei uns einen Ort. Das Abendmahl ist eine Einladung, die Botschaft Christi auf ganz sinnliche Weise zu erfahren: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“, sagen wir. Aber dann ist da ja auch noch unser Tastsinn. Der kommt in unseren Gottesdiensten noch am wenigsten vor. Und dabei ist gerade das etwas, was wir als Menschen manchmal am meisten brauchen: Berührung. In Zeiten von Corona, wo wir uns alle gezwungen sehen, uns nicht die Hände zu geben, oder gar zu umarmen oder zu küssen, mag die Sehnsucht den Anderen zu berühren und berührt zu werden, also die Sehnsucht nach Körperlichkeit, die Nähe und Verbundenheit  vermittelt, besonders ausgeprägt sein.

Ich glaube, wenn wir uns beim Abendmahl die Hände reichen, dann ist das immer ein sehr bewegender Moment. Jedenfalls erlebe ich das so. In dem Moment der Berührung, des gemeinsamen Anfassens, da steht alles im Raum: Unser Scheitern im Miteinander und unser Bedürfnis nach Versöhnung, unsere gemeinschaftliche Verbundenheit durch die Liebe Gottes, die alles Krankhafte und Totgefahrene heilt, unsere gemeinsame Hoffnung. Eine Kraft, die durch alle Hände geht.

Und schließlich gibt es da ja noch den Geruchssinn. Geruch, das ist für uns Evangelische etwas, was wir ganz und gar nicht mit Gottesdienst verbinden würden. Weihrauch usw. das scheint eher Sache unserer katholischen Glaubensbrüder und -schwestern zu sein. Da sind sie besser drin geübt. Das Spannende an dem heutigen Predigttext ist aber, dass gerade die beiden zuletzt genannten Sinne dort eine große Rolle spielen, eben die Berührung, der Tastsinn also und der Geruchssinn.

In Kapitel 14, Verse 1-9 wird im Markusevangelium erzählt: „Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten überlegten, wie sie Jesu mit List habhaft werden und ihn vernichten könnten. Sie sprachen untereinander: Nur nicht während des Festes, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe. Und als Jesus in Bethanien, im Hause Simons, des Aussätzigen war, da kam während er bei Tische saß eine Frau mit einer Alabasterflasche voll echter, teurer Nardensalbe. Sie zerbrach die Alabasterflasche und goss ihm das Salböl über sein Haupt. Da murrten etliche bei sich selbst: „Wozu ist diese Verschwendung geschehen? Man hätte dieses Salböl ja für mehr als dreihundert Denare verkaufen und den Erlös den Armen geben können. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was betrübt Ihr sie? Sie hat eine schöne Tat an mir getan. Die Armen habt Ihr allezeit bei Euch! Sooft Ihr wollt, könnt Ihr ihnen wohltun. Mich aber habt Ihr nicht allezeit. Was sie vermochte, hat sie getan. Sie hat im voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt. Wahrlich, ich sage Euch: Wo immer in der ganzen Welt das Evangelium verkündet wird, da wird auch das, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis erzählt werden.“ Amen

„Und das ganze Haus wurde vom Geruch des Salböls erfüllt.“ So heißt das zwar nicht im Markusevangelium, aber im Johannesevangelium, wo dieselbe Geschichte erzählt wird. Das Angenehme an dem Salböl oder an der Salbung ist zunächst einmal ihr wohltuender Geruch. Als wenn da etwas Wunderschönes in meinen traurigen Alltag hineingeblasen wird. Ein Geruch, der mich wachruft, ja gewissermaßen ins Wohlbefinden entführt, wenigstens für einen Moment, wo ich vielleicht gerade in einer Untiefe oder Traurigkeit versinke. Ich denke da z. B. auch an unsere Konfirmanden, deren Konfirmation wegen Corona im Mai vielleicht nicht stattfinden können wird und verschoben werden muss. Schulaufgaben zu hause in der Isolation verrichten, Treffen mit mehreren Freunden zusammen nicht möglich usw. Das zieht runter. Da tut alles gut, was für Wohlbefinden sorgt. Alles, was die Traurigkeit ein Stück weit aufhebt und deutlich macht: Du bist nicht allein und es gibt durch Gottes Hilfe immer auch Schönes zu erleben.

Geruch kann ein Wohlgefühl erzeugen. Es ist so ähnlich wie die Wirkung eines Parfums, das mich an eine ganz bestimmte Person erinnert, eine Freundin, mit der ich mal zusammen war. Von einer Frau aus unserer Gemeinde weiß ich, dass sie das Parfum ihres verstorbenen Mannes bei sich zuhause hat, um sich immer wieder seiner zu erinnern. Es vermittelt ihr eine ganz besondere Nähe zu ihm.

Salben können ganz unterschiedliche Wirkung vom Geruch her entfalten. Sie können erfrischend, anregend wirken, andere wieder sehr entspannend und wieder andere vielleicht beruhigend. So oder so tun sie einfach gut. Salben, Cremes haben bekanntlich heilende oder schmerzlindernde Wirkung. Jeder, der sich gesundheitlich bedingt eincremen muss, weiß das, wie wertvoll da so eine Creme sein kann. Aber auch beim Sonnenbrand. Das Sortiment der Cremes und Salben für die Körperpflege ist schier unüberschaubar geworden. Und ich höre schon den Einwand: Alles überflüssiges Zeugs! Die Körperpflege-Industrie will doch nur Geld machen. Und so reden ja auch die Menschen im Haus des Lazarus. Für das viele Geld, was die Nardensalbe gekostet hat, hätte man manchen Armen ernähren können. Verschwendung ist der Vorwurf.

Nüchterne Nützlichkeitserwägungen, wie sie uns auch heute begegnen. Und dabei sind sie gar nicht von böser Absicht getragen. Manches, was an Steuergeldern verschwendet oder aber unterschlagen wird, könnte sicher viel Gutes gegen die Armut bewirken. Aber darum geht es in der Geschichte gar nicht, nicht um die Gegenüberstellung von Luxus und Armut, auch nicht um die Frage, ob die Kunst in der Kirche nicht genauso wichtig ist wie eine gute Tat.

Tatsächlich geht es bei dieser Salbung um den, der bedürftig ist, um Christus – um den, der weiß oder spürt, daß Leid und Tod auf ihn zukommen werden oder zumindest zukommen könnten. Ähnlich bedrohlich, bedrückend, beklemmend wirkt auf manche der perspektivische Ausblick, dass Corona ja auch sie treffen und im schlimmsten Fall zum Tod führen könnte.

So wird diese Geschichte nicht ohne Grund vom Schriftsteller des Markusevangeliums in die Leidensgeschichte Jesu eingebettet. Und wir hören zu Beginn deshalb auch von der Intrigenabsicht der religiös Herrschenden, die Jesus aus dem Weg räumen wollen. Jesus, den Christus – denjenigen, den wir Christus nennen. Bei diesem Namen machen wir uns viel zu wenig bewusst, was wir da eigentlich sagen. Christus leitet sich aus dem Griechischen ab, der Sprache des Neuen Testaments. Da heißt das Christos – das bedeutet übersetzt nichts Anderes als „der Gesalbte“. Und im Hebräischen, der Sprache des Alten Testaments und der Sprache Jesu heißt der Gesalbte „Messiach“ , also Messias. Immer geht es um den Gesalbten. Und die Bezeichnung „Christen“ leitet sich ebenso aus dem Griechischen von den „Christianoi“ ab – das sind die Parteigänger Christi oder die, die dem Christus, dem Gesalbten folgen. Sie haben also umgekehrt auch Anteil an dieser Salbung. Haben Anteil daran, dass dieser Jesus der lang ersehnte König, der lang ersehnte Messias war. Die Salbung war ein Zeichen der königlichen Würde.

Und hier in der Geschichte der Salbung in Betanien, schwingt das alles mit. Es ist einmal Ehrerbietung – Anerkennung, dass dieser Jesus, auch wenn sich bald die ganze Welt gegen ihn kehrt und ihn verlassen, verraten, verkaufen und verleumden wird, kein Anderer als der Messias ist – eben der „Gesalbte“, der von Gott gewollte König seines Reiches, wo Gerechtigkeit und Liebe herrschen. Es ist zum Andern Ausblick auf den bevorstehenden Leidensweg und seinen Tod und vor diesem Hintergrund in diesem konkreten Moment nichts als eine reine Wohltat.

In diesem ganzen Geschehen ergibt sich ein spannender Dialog zwischen Jesus und den Jüngern – ja, fast ein Streit. „‘Wozu ist diese Verschwendung geschehen? Man hätte dieses Salböl ja für mehr als dreihundert Denare verkaufen und den Erlös den Armen geben können‘.“ sprachen die Jünger bei sich und fuhren die Frau an.”, heißt es in der Geschichte. Jesus aber sprach: „Lasst sie! Was betrübt Ihr sie? Sie hat eine schöne Tat an mir getan. Die Armen habt Ihr allezeit bei Euch! Sooft Ihr wollt, könnt Ihr ihnen wohltun. Mich aber habt Ihr nicht allezeit. Was sie vermochte, hat sie getan.“ Hier will Jesus die Wohltat und Ehrerbietung nicht gegen die Armenfürsorge ausspielen. Und das ist auch nicht Ziel der Geschichte.

An die Armen zu denken, ist nicht falsch. Das sagt Jesus ja selbst: „Die Armen werdet Ihr immer bei Euch haben“. Das heißt ja nicht, wir bräuchten uns um sie deshalb nicht zu kümmern. Sondern umgekehrt: Wenn wir uns ihnen widmen, dann werden wir alle Hände voll zu tun haben.

Im Verlauf der Kirchengeschichte haben ihre Geistlichen den Prunk im Innern vieler Kirchen oft von dieser Geschichte hergeleitet und mit ihr begründet – das sei eben Ehrerbietung gegenüber Gott und Christus und das sei von dieser Geschichte her das eigentlich Gebotene und von Jesus selbst Auferlegte. Aber werden sie damit dem Dialog in dieser Geschichte und ihrer Kernaussage gerecht? Werden sie damit der Botschaft Jesu gerecht?

Jesus geht es um etwas ganz Anderes. Er lädt uns ein, seine Perspektive einzunehmen. Als Bedürftiger sagt er den Jüngern und uns als nachfolgende Kirche: „Sie hat eine gute Tat an mir getan.“ Und das ist etwas, was wir uns unbedingt bewusst machen müssen. Jesus beschreibt das Geschehen also als erlebte Zuwendung. Es ist etwas Anderes, ob ich mich selbst salbe, und allein das ist schon etwas wunderbar Wohltuendes, oder ob ich gesalbt werde durch einen Anderen. Das ist das eigentlich Schöne. Da geschieht etwas an mir. Da tut mir jemand Gutes. Einen kleinen Vorschein davon erleben wir vielleicht in Momenten, wenn wir im Urlaub von unserem jeweiligen Partner oder Gegenüber mit Sonnencreme eingecremt werden. Da sind wir Empfangende, dürfen es an uns geschehen lassen. Aber noch viel deutlicher ist das doch für all diejenigen, die von Ärzten oder Pflegekräften in diesen Tagen, wo sich Corona wie ein Nebel über uns gelegt hat, aber auch sonst in Krankenhäusern oder zuhause versorgt und gepflegt werden und ebenso natürlich auch, wo Angehörige oder Nachbarn liebevoll Dienst an ihnen tun und Dinge wie Eincremen oder Benetzen der trockenen Lippen oft dazu gehören. .Jesus lädt uns ein, seine Perspektive einzunehmen. Als Bedürftiger sagt er uns: „Sie hat eine gute Tat an mir getan.“

Das ist für mich ein Schlüssel zum Verstehen der Geschichte. Es geht um die Frage der Perspektive. Nicht durch die Wohltäter wird bestimmt, was eine gute Tat ist, sondern einzig und allein durch den Bedürftigen, der Hilfe,  Rettung, Wohltat, Barmherzigkeit braucht und erfährt. Und das ist keine reine Kosten-Nutzen-Frage, wie die Jünger sie abwägen oder die Gesundheitspolitik im Allgemeinen, sondern eben mehr. Hier kommt der Mensch selbst in den Mittelpunkt, seine Perspektive, seine Bedürftigkeit, nicht allein die betriebswirtschaftlichen Kategorien eines Krankenhauses.

Da sind dann nüchterne Zahlenabwägungen nicht ausreichend und schon mal gar nicht das Entscheidende. Wichtig ist vielmehr die Haltung, mit der ich dem andern begegne. Was Jesus gut getan hat, war: da hat jemand gespürt, was er braucht. Niemand hatte ihn gefragt: „Jesus, wie geht es dir? Was brauchst Du jetzt? Was könnte dir jetzt gut tun, wo Du gerade auch diese bedrückenden Gedanken hast?“ Und da kommt diese Frau. Und die tut genau das, was der Moment und der „gesunde“ Menschenverstand gebietet. Sie ist nicht „krank im Kopf“, wie die Jünger es ihr mehr oder minder unterstellen. Sondern diejenigen sind nicht gesund in der Seele,  die die Bedürftigkeit eines Menschen nicht wahrnehmen, es ignorieren.  Ich wünsche mir mehr von solchen Frauen, von solcher Sensibilität und Aufmerksamkeit. Diese Frau lädt nicht nur die Jünger in eine neue Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsschule ein, sondern gerade auch uns Frauen und Männer von heute – uns als Gemeinde und Kirche insgesamt, aber auch uns als Teile der Gesellschaft und des Gemeinwesens vor Ort. In diesen Tagen, als wir wegen des Coronavirus die Gottesdienste und gemeinschaftlichen Veranstaltungen und Angebote nun ruhen lassen mussten und damit mehr oder minder unser Gemeindeleben lahmgelegt war, hatten wir an all unsere Gemeindemitglieder einen Infobrief ausgeteilt. Das war gerade für viele ältere Menschen besonders wertvoll, denn die Botschaft in diesem Schreiben war eindeutig: Wir als Gemeinde, als Kirche, sind für Euch da. Mir haben das mehrere ältere Menschen unserer Gemeinde am Telefon oder bei kurzen Begegnungen so übermittelt: „Ich habe mich über dieses Schreiben sehr gefreut. Es hat mir eine innere Ruhe geschenkt und Geborgenheit gegeben, ja, das Gefühl vermittelt, dass die Gemeinde für mich da ist“. Es war keine Salbung. Es war nur ein Brief. Aber es war Balsam für ihre Seele, so würden das manche wohl ausdrücken.

Was Jesus gut getan hat, das war die überschwengliche Liebe. Ricarda Huch hat einmal gesagt: „Die Liebe ist das einzige, was sich vermehrt, wenn wir es verschwenden.“ Um diese spirituelle Wahrheit, um diese spirituelle Erfahrung geht es letztlich – der Überschuss an Liebe, kurz gesagt die Hingabe, die den ganzen Raum mit ihrem Duft erfüllt. Vielleicht ist es nicht von ungefähr, daß hier eine Frau die Hingabe zeigt. Aber um so mehr sind wir Männer, wie die Männer in der Geschichte aufgefordert, zu hören, daß Hingabe das Eigentliche ist, was Not tut und was gut tut, ja, dass Hingabe nicht nur eine Fraueneigenschaft bleiben darf.

Eine Kirche kann viel Geld einsparen, aber sie kann nicht an Hingabe sparen. Da würde sie am Evangelium selbst sparen. Davon sind wir als Christen, als Christusnachfolger nicht suspendiert. Wo Christus und damit zugleich der Bedürftige in unserer Mitte steht, da sparen wir nicht am falschen Ende. Da investieren wir richtig. Da ist die von Jesus selbst gelebte und auch von ihm erlebte Hingabe. Da berühren sich Himmel und Erde, Gott und Mensch.

Ein letzter Gedanke zu der Geschichte: Die Sinnlichkeit! Manchmal hilft nur eine sinnliche Tat gegen das sinnlose Leid. Ich denke an Situationen, wo man mit Worten nicht viel ausrichten kann. Ja, mitunter können unsere Worte sogar verletzend oder zerstörerisch sein. Aber gut tut es, einfach in den Arm genommen zu werden oder eine wohlriechende Blume geschenkt zu bekommen oder ein schönes Stück Musik oder ein gutes Glas Wein oder dass einer mit uns am Grab Blumen pflanzt. All das können Zeichen von Hingabe sein. Zeichen der Hingabe, die die Einsamkeit aufbrechen. Die Frau hat das bei Jesus, der auf den Tot zuging, gespürt. Liebe ist verschwenderisch. So ist es mit der Liebe Gottes. Sie kennt Mittel und Wege, die weit über unser Vorstellungsvermögen hinaus gehen.

Und da komme ich am Schluss nun auf das zurück, was wir sind: Christen – die, die auch Gesalbte sind, weil sie von diesem Gesalbten her leben. Auch wir werden also ganz als Bedürftige gesehen. Ich bin nicht nur in meiner Hingebung gefragt, sondern ich werde auch in meiner eigenen Bedürftigkeit gesehen. Die Salbung ist so ein Zeichen, dass wir an Gottes Liebe und Nähe Anteil haben, so ähnlich wie das Abendmahl. Ich erfahre die Hingabe Gottes an mir. Deshalb gehört die Salbung oder Krankensalbung in der orthodoxen Kirche und römisch-katholischen Kirche auch zu den sogenannten Sakramenten, zu den Zeichen, die uns Gottes Heil besonders nahebringen. Für die Evangelischen ist das meist nur Taufe und Abendmahl. Aber auch bei uns hat sich in der Seelsorge und im ökumenischen Gespräch sehr viel bewegt, so dass es heute in vielen evangelischen Gemeinden selbstverständlich ist, eine persönliche Salbung zu empfangen, etwa auch in sogenannten Salbungsgottesdiensten oder im Krankenbett im Krankenhaus oder Zuhause. Mit einem wohlriechenden Öl kann man eine Berührung, ein Kreuzzeichen auf die Hand oder die Stirn empfangen. Ich selbst habe mich das erste mal auf einem Kirchentag vor etwa zwanzig Jahren salben lassen. Es hat gut getan, zu spüren, dass da einer ist, der mir nahe bleibt und mich anrührt. Ich weiß noch, was mich damals auch alles belastete und wie es mir innerlich leichter um Herz wurde. Im Jakobusbrief heißt es: „Leidet jemand unter Euch, so bete er! Ist jemand guten Mutes, so singe er Psalmen! Ist jemand unter Euch krank, so lasse er die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen, und sie sollen über ihm beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben!.“ Wenn Sie zuhause ein Öl haben oder eine wohlriechende Creme und Partner/in oder Familienmitglieder,dann salben Sie sich doch einfach mal gegenseitig. Wenn Sie allein sind, bitten sie doch mal ihren Nachbarn darum oder auch den Pfarrer/die Pfarrerin, dass sie kommen – freilich mit gewaschenen Händen und Mundschutz in dem Fall. So oder so, dürfen wir alle weiterhin darauf vertrauen, dass wir Gesalbte des Herrn sind – Anteil an ihm haben.

Amen