Predigt zum Himmelfahrtstag, Donnerstag 21. Mai 2020
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Predigt zum Himmelfahrtstag, Donnerstag 21. Mai 2020

(von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus

Christi Himmelfahrt ist so ein Tag, dessen Bedeutung kaum einer kennt. Auch Theologen kommen ganz schön in Verlegenheit, wenn sie erklären sollen, was dieser Tag für uns eigentlich bedeutet.
Ich erinnere mich an ein witziges Bild. Als ich in Bochum Theologie studiert habe, waren dort die Aufzüge und Toiletten mit Edding-Stiften vollgeschrieben und bemalt, wie es auch sonst woanders an der Uni üblich war. Allerdings zeugten manche Sprüche und Bilder tatsächlich von Weisheit und Humor. Das eine, was ich gut in Erinnerung habe, war dies: Man sah einen gemalten Fernseher und am oberen Bildschirmrand zwei Beine, die Hosenbeine eines Mannes. Unten stand geschrieben: „Christi Himmelfahrt Live-Übertragung “.

Dieses Bild bringt es auf den Punkt: Wie soll der moderne Menschenverstand das begreifen, was da erzählt, beschrieben ist? Von einer Wolke emporgehoben? Was soll das sein? Wie soll das gehen?
Die Geschichte, die da von Jesus Christus erzählt wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes kaum begreifbar. Auch die Jünger können es nicht begreifen. Sie können es nicht fassen, was da passierte, so wird es uns auch von ihrem Erleben beschrieben. Denn im selben Moment, wo Jesus ihnen ermutigende Worte mitgegeben hatte, so wird es erzählt, war er schon entschwunden. Aber wie sich das

Es geht gar nicht um das „Wie“. Auch den Menschen von damals ging es nicht darum, wie sich das genau vollzogen hat. Es war vielmehr allen Lesenden und Zuhörenden schon damals klar, dass es beim Himmel und der Himmelfahrt um ein Bild geht, ein Sinnbild. Vielmehr als um das Wie ging es um das „Wer“. Von wem also diese „Himmelfahrt“ erzählt wird.

So eine Himmelfahrt, also eine Entrückung in den Himmel war in antiken Zeiten ein weit verbreitetes Bild, ein Erzählmotiv, das einem immer wieder begegnete. Über große Philosophen wurde das gerne erzählt, über Aristoteles und Platon, aber auch über Propheten wie Elia – immer, wenn man eine besondere göttliche Nähe ausdrücken wollte, also die Personen im wahrsten Sinne des Wortes als „erhöht“ ansah, als von Gott selbst erhöhte Wesen.

So liegt es nahe, dass uns all das nun auch von Jesus erzählt wird, um deutlich zu machen: Dieser, der am Kreuz ganz erniedrigt wurde, der ist erhöht worden. Dieser, der bei uns ganz unten war, ist der Höchste.

Aber die Geschichte aus der Apostelgeschichte hat noch zwei Besonderheiten – ohne diese Besonderheiten wäre sie nur eine von vielen Himmelfahrtsgeschichten, die einen Menschen auf einen Sockel stellen will.

Die eine Besonderheit ist der Rahmen, in dem sie erzählt wird, also etwas, was wir nicht der Geschichte selbst entnehmen können, aber uns bewusst machen müssen, um zu verstehen, worauf die Erzählung eigentlich hinaus will, warum sie den Menschen damals so wichtig war und uns auch heute noch wichtig sein könnte.

Himmelentrückungsgeschichten wurden nämlich nicht nur von großen Philosophen und Propheten erzählt, sie wurden zur Zeit Jesu auch zunehmend von Herrschern erzählt, insbesondere von den Kaisern. Die römischen Kaiser wurden wie Götter verehrt, sie wurden vergöttlicht, zeitlebens schon, und auch indem man von ihnen erzählte, sie seien in den Himmel entrückt. Gleichzeitig wurde der römische Kaiser auch gerne als „Soter“ als Retter bezeichnet.
Wenn nun also Jesus Christus als unser „Retter“ bezeichnet und von ihm erzählt wird, dass er in den Himmel emporgehoben worden sei, dann sollen Bezeichnung und Bild einfach nur sagen: das ist der wahre Herrscher. Es ist eine herrschaftskritische Aussage. Gott liebt die Menschen und deshalb liebt er nicht die Liebe zur Macht, sondern nur die Macht der Liebe. Die Liebe zur Macht bringt Leid und Tränen. Aber die Macht der Liebe bewirkt, dass ein Mensch wieder lachen und hoffen kann. Nicht diese Pappfiguren, die sich mit Gottes Namen schmücken und legitimieren, sollen herrschen. Nein, Jesus Christus soll herrschen auf der Welt und in unserem Leben.

Und das führt uns zu der zweiten Besonderheit der Geschichte. Sie sagt uns nicht nur, wer und was in unserem Leben herrschen soll. Sie sagt uns auch, wie der Glaube an Gott, das Vertrauen auf Christus unsere Perspektive auf die Welt verändern kann. In der Geschichte heißt es: „Und als die Jünger nachsahen, wie er zum Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht Ihr da und seht zum Himmel?“
„Was starrt Ihr in den Himmel?“ so könnte man das auch übersetzen. Die Engel wollen zu einer anderen Blickrichtung einladen.

Die Engel laden uns ein, nicht in den Himmel zu starren, sondern vom Himmel auf die Erde zu schauen. Sie erinnern, dass wir einen Auftrag haben, gerade wegen unserer Verbundenheit zum Himmel, zu Gott und zu diesem Menschen Jesus. Die Engel erinnern uns an unseren Auftrag: taufen, Menschen zusammen bringen zu einer Vertrauensgemeinschaft und aus dem Geist Gottes Leben, Menschen Mut machen, den Alltag aus der Hoffnung auf Christus zu leben, Frieden und Liebe unter die Menschen bringen als Zeichen von Gottes Reich, von Gottes Himmel, der schon angefangen hat. All das ist unsere Aufgabe, an die uns die Engel erinnern. Aber diese Aufgabe setzt eine ganz andere Blickrichtung voraus oder zeiht eine ganz andere Blickrichtung nach sich.
Glauben heißt im Grunde: vom Himmel aus auf unsere Welt schauen und dort vom Himmel her Kraft, Fantasie und Hoffnung schöpfen. Glauben heißt, immer wieder auf Distanz zu unserer eigenen erlebten Wirklichkeit gehen. Vom Himmel aus gesehen, sieht alles anders aus, auch Corona und die Einschränkung der Bürgerrechte.
So wie der Blick aus dem Himmel, also etwa aus dem Flugzeug, manche Dinge klein und nichtig erscheinen lässt, so verhilft auch unser Blick auf den himmlischen Gott zu einer ungeheuren Freiheit auf dieser Erde. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ hat Reinhard Mey gesungen und wir vorhin mit ihm.
Wie sehr vom Himmel alles anders aussieht, wie sehr das unsere Perspektive ändern kann, davon singt auch ein Lied, das ich Euch als Einspielung mitgebracht habe. Ein tief berührendes Lied der deutschen Gruppe Novalis. Das werdet Ihr beim Hören des Liedes und Mitlesen des Textes sicherlich auch so empfinden.
Liedeinspielung: „Als kleiner Junge“
(Novalis, LP „Augenblicke“ 1979)

Als kleiner Junge lag ich tagelang im Gras
Starrte in den Himmel und träumte davon
Mit den Wolken fortzufliegen
So wie der Wind zu leben
Mit den Vögeln zu schweben
Auf Dächer, Straßen, Menschen seh’n

Und alles wird mein Spielzeug
Diese riesengroße, kugelrunde Welt
Sogar die Sterne und den Mond
Werd’ ich in meine Hände nehmen

Oohh, ich wünschte mir so sehr
Das sich mein Traum erfüllt
Und eine schneeweiße Wolke
Mich auf ihre Reise nimmt

Und ab und zu weinte ich
Vergrub mein Gesicht im Gras
Weil ich spürte, da oben ist eine Freiheit, eine Stille
Eine ungreifbare Weite

Mit den Wolken fortzufliegen
So wie der Wind zu leben
Mit den Vögeln zu schweben
Auf Dächer, Straßen, Menschen seh’n

Oohh, ich wünschte mir so sehr
Das sich mein Traum erfüllt
Und eine schneeweiche Wolke
Mich auf ihre Reise nimmt

Wie toll die Melodie und der Text uns förmlich in die Lüfte gehoben haben – Leichtigkeit und Schwerelosigkeit vermittelt haben von den Dingen, die uns in der Welt so groß und mächtig erscheinen oder Angst einflößen wollen. Und damit trifft das Lied eine tiefe Sehnsucht in uns, die auch wir kennen. Da im Himmel ist unser Potential des Glaubens, das die Welt verwandeln kann. Wir sind „Bürger des Himmels“ so schreibt Paulus auch an die Christen in Philippi.

Wie halten wir Kontakt zum Himmel?
Ganz einfach dadurch, dass wir mit ihm im Gespräch bleiben. Das ist nicht nur im Gebet mit Gott, in der Zwiesprache, sondern auch durch Hören auf Jesu Worte. So lang wir mit ihm im Gespräch bleiben, wird etwas von seinem Himmel, für den er auf unsere Erde gekommen ist, lebendig und erfahrbar. Es ist also ein ganzes Stück von uns abhängig, womit wir den Sinn dieses Tages „Himmelfahrt“ füllen. Sicher nicht nur mit Bier und Bollerwagen.
Aber vielleicht mit der Erkenntnis, dass für uns alle der Himmel auf Erden aufgeht, wenn wir ein Stück weit selbst dazu beitragen. Eine jüdische Geschichte erzählt, wie ein Schüler mal seinen Rabbi, also seinen Lehrer fragte: „Woran erkenne ich, dass ein neuer Himmel kommt, wo doch alles voller Dunkelheit und Leid ist?“ „Dass ein neuer Tag anbricht, dass ein neuer Himmel kommt, sehe ich dann, wenn ich die Umrisse des Gesichtes meines Nächsten erkenne.“ Antwortete der Rabbi. Auf gut deutsch: wo wir den Menschen und das menschliche Miteinander wieder in den Mittelpunkt, beginnt auch ein neuer Tag, ein neuer Himmel. Amen

Lied: „Der Himmel geht über allen auf“