Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis
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Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis

Predigt Römer 12, 17-21 (mit einem musikalischen Zwischenspiel)
Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. AMEN

Liebe Gemeinde,
kennen Sie das Sprichwort „Rache ist süß“? Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Rache süß sein soll, und nicht salzig, sauer oder bitter?
Rache ist zugleich Lust und Befriedigung, die gefährliche Stiefschwester vermeindlicher Gerechtigkeit, irgendwie Selbsthilfe. Also so gut wie ein Stück Schokolade, wenn man erschöpft oder traurig ist?
Rache ist ein beliebtes Thema in der Bibel. Unser Sprachgebrauch kennt ein Sprichwort zur Rache, das biblischen Ursprungs ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – oder anders gesagt: „Wie du mir, so ich dir.“
Rache ist ein uraltes Rechtswort, es bedeutet, dass ein Übeltäter durch den Geschädigten verfolgt wird.
Aber das Wesen der Rache ist, dass sie im rechtsfreien Raum vollzogen wird, und meist einfach subjektiv und leidenschaftlich, zumindest emotional aufgeladen verübt wird.
Dann bleibt der Kopf meist außen vor, umso schlimmer ist es, wenn Rache wohlüberlegt und von langer Hand geplant ausgeführt wird, das ist dann quasi schon organisiertes Verbrechen.

Ein kleiner Rächer wohnt in jedem und jeder von uns. Und selbst, wenn wir uns aus ethischen und religiösen Gründen davon völlig frei machen, dann fühlen wir uns immer noch irgendwie befriedigt, wenn einem wirklichen Übeltäter selbst etwas Übles wiederfährt.

Warum redet eine Pfarrerin am Sonntagmorgen von der Kanzel so viel von Rache?
Nein, der Grund ist nicht, dass ich gerade aktuelle Rachegedanken habe, keine Sorge.

Der Predigttext des heutigen 4. Sonntags nach Trinitatis, mitten in der grünen Zeit, wo die Sonntage nur Nummern bekommen, der führt uns weiter in ethische Themen hinein.
Und heute eben zum Thema Rache und wie man ihr begegen kann, so wie es Paulus im Römerbrief aufnimmt, also in christlicher Perspektive, ohne aber die Perspektiven des ersten alten Testaments dabei außer Acht zu lassen.

Ich lese Römer 12, 17-21 und würde Sie herzlich dazu einladen, dem Klang dieser Worte einmal nachzuspüren, welches Wort oder welcher Satz dabei ins Ohr oder auch ins Auge springt (denn Sie können den Predigttext auf dem Blatt mitlesen.)

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Evtl. musikal. Zwischenspiel

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“.
Gleich der letzte Vers ist mir ins Auge gesprungen, da er vor einigen Jahren die Jahreslosung war. Ich kann mich erinnern, wie sehr wir uns da immer mit den Begriffen „Das Böse“ und „Das Gute“ auseinandergesetzt haben, und wie schwierig das ist.

Vielleicht haben Sie beim Hören oder Lesen gedacht: Ein solcher Text enthält genau das, was man von Kirche erwartet.

Oder das genaue Gegenteil – sie sind über Sprüche gestolpert, wie:
„Die Rache ist mein, spricht der Herr“ oder „Wenn Du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“.
Letzteres war auch mir in der Predigtvorbereitung noch einmal als unverständlich aufgefallen, und ich habe recherchiert. Paulus zitiert diese Worte aus dem Buch der Sprüche, einer Weisheitssammlung, und dieser Spruch geht wohl auf einen Bußritus aus Ägypten zurück: Da musste derjenige, der schuldig war, ein metallenes Becken mit glühenden Kohlen auf dem Kopf tragen, bis ihm so richtig heiß am Kopf wurde, es dem Delinquenten einerseits richtig schlecht ging und andererseits man von weither den Schuldigen als solchen erkennen konnte (ein wenig davon ist im Mittelalter in das „Am Pranger stehen“ eingegangen). Ein Bußritus bedeutet aber immer: Eine Chance, das Blatt zu wenden und sich wieder dem Richtigen und Guten zuzuwenden.

Paulus überträgt das auf das menschliche Miteinander. Wenn ich einem Feind etwas Gutes tue, dann mache ich ihm damit ein schlechtes Gewissen, ihm wird heiß und er bekommt die Chance, selbst sein Leben zum Guten hin zu verändern.

Also – es geht darum, gut, gerecht, nicht nachtragend, demütig zu sein. Und schon ärgert man sich vielleicht über diesen Text. Ist ja typisch für Christinnen und Christen, mag der eine oder die andere denken.
Man sagt Christinnen und Christen ja bisweilen sogar nach, dass wir Auseinandersetzungen gerne meiden, Fehler oder Mißverständnisse am liebsten unter den Teppich kehren und nach außen und innen immer das Wort „Harmonie“ wie eine neon-blinkende Leuchtreklame auf der Stirn tragen.

Paulus, dem Autor des Textes, würden wir aber an dieser Stelle gewiss unrecht tun, wenn wir ihm unterstellen, er wolle uns zu harmoniebedürftigen, braven Schäfchen machen wollen.
Immerhin hat er zu seiner Zeit die Geschichte von Jesus Christus, die er missionierend, gemeindegründend, sich mit Juden und Heiden auseinandersetzend, vertrat, immer als eine ganz revolutionäre Geschichte gesehen. Jesus bezeugen die Erzählungen der Evangelisten nicht immer als lieb, brav und angepasst…..
Und auch Paulus wird in seinen Schriften und den Schriften seiner Schüler nicht als lieb und nett, sondern eher als Kämpfer für die Sache Christi beschrieben.

So ist für mich klar: Dieser Text für heute, der erlöst uns nicht davon, sich einer Lage und Situation zu stellen, danach zu fragen was in Ordnung ist und was nicht, und die Folgen von Urteilen und Handlungen immer neu zu bedenken.
Wir sollen nicht nach „Friede, Freude, Eierkuchen“ streben, sondern nach einer Art von Auseinandersetzung streben, die in eine wirkliche Lösung hineinfließt, wo mehrere Parteien, Menschen unterschiedlichster Meinungen und Beweggründe sich irgendwie berücksichtigt, gehört und beteiligt fühlen.

Außerdem – Christinnen und Christen sind auch nur Menschen. Und als solche wissen wir, dass uns Momente gewisser Schadenfreude und dem Gefühl „das passiert dem oder der recht so“ nicht fremd ist.

Aber kommen wir einmal zum zweiten Stolperstein des Römerbrieftextes – zumindest für mich:
„die Rache ist mein, spricht der Herr“ zitiert Paulus aus dem 5. Mosebuch.
Auch hier lohnt es sich, den Bezug zur Stelle herzustellen, die das Zitat beheimatet.
Es ist die Geschichte des alt, müde und mürbe gewordenen Mose, der am Ende seines Lebens erkennen muss, dass trotz all des von ihm verkündeten Gotteswortes und trotz allem Heilshandeln Gottes, welches das Volk Israel in allem Hadern und allen Widrigkeiten gegen Gott erfahren durfte, er sich nun von seinen Aufgaben verabschieden muss – ein Nachfolger ist bestimmt – und es ist eben noch nicht alles gut: weder zwischen den Israeliten noch zwischen Israel und den Nachbarvölkern und auch nicht zwischen dem Volk und seinem einzigartigen Gott.
Gott drängt den Mose zu Abschiedsworten, ja einem Abschiedslied, das soll verkündet und aufgeschrieben werden und ewig sein.
Und eben darin soll Mose deutlich machen, dass Gott, indem er das wiederholte von ihm abfallende Gottesvolk leiden lässt oder in temporäres Unglück stürzt, der einzige ist, der da vermeintlich Rache ausüben darf, um den Menschen zu zeigen: Diese Rache ihres Gottes ist ein Handeln, das er selbst wieder aufheben wird, er wird seinem Volk wieder Recht schaffen, Erbarmen üben, sie in das Land führen, da Milch und Honig fließt und ihnen dort ermöglichen, gerecht und solidarisch miteinander in Frieden zu leben, weil er sie zuvor dazu befreit hat.

Nur die Rache Gottes ist also quasi „süß“, weil sie den Menschen Einsicht in falsches Handeln, Umkehr und die Möglichkeit beschert, in Frieden miteinander leben zu können.

So weit die alttestamentliche Position, im Zitat des Paulus.
Und wer weiß, vielleicht möchte er den Christen damals und auch uns heute noch sagen: Leute, lasst es soweit gar nicht kommen.
Warum wollt ihr Gottes Heilshandeln in allen Facetten, sogar den Facetten von Zorn und Rache, so begegnen?
Ihr wisst doch, wie es „besser“ geht.
Ihr kennt den Königsweg.
Ihr habt Christus erlebt, und in seiner Auferstehung einen Gott, der nicht einmal für Rache nimmt an denen, die am Tod seines Sohnes Anteil hatten.
Versöhnung – ist das Stichwort. Gott versöhnt die Welt, und sich mit der Welt, und die Welt mit ihm.

Und wir haben die Chance, von dieser Versöhnung noch heute etwas in uns zu tragen, danach zu handeln und so gut miteinander und mit Gott leben zu können.
Wie das gehen soll, fragen Sie?

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Nein, ihr Lieben, mit allen Menschen habe ich keinen Frieden. Jedenfalls nicht so einen Frieden, dass ich alle zum Essen einlade, gemeinsam mit jedermensch Zeit verbringen würde, allen in schwierigen Situationen helfen würde und jederzeit für jeden da sein kann, egal was er oder sie mir für eine Geschichte erzählt.

Frieden halten, ist nicht Gutgläubigkeit und nicht Harmoniesucht und nicht Feigheit vor Auseinandersetzungen.

Frieden halten, ist die Konsequenz daraus, dass Gott trotz allem in der Geschichte zwischen seinen Menschen und ihm nicht Groll, Hass, Zorn, Rache, für uns hat, sondern: Versöhnung und Liebe.

In der Lesung haben wir einen Teil der Josephsgeschichte des Alten Testaments gehört. Joseph hätte man bei all dem, was ihm durch seine Familie widerfahren ist, durchaus Rache zugetraut. Doch von ihm lesen wir.
Josef aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“ Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Frieden zu versuchen, freundlich zu reden, das hat etwas fürsorgliches. Fürsorglich für den und die andere, aber auch fürsorgliches für mich selbst.
Wer das versucht, was Paulus sagt:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Der und die tut nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst Gutes.

Mir fiel dazu eine kleine Geschichte in die Hände – übrigens ganz ähnlich einer Geschichte, die ich schon viele Jahre bei Einschulungsgottesdiensten erzählt habe, hier aber in einer etwas anderen Version:

In einem fernen Land gab es vor langer, langer Zeit einen Tempel mit tausend Spiegeln und eines Tages kam, wie es der Zufall so will, ein Hund des Weges. Der Hund bemerkte, dass das Tor zum Tempel der tausend Spiegel geöffnet war und vorsichtig und ängstlich öffnete er das Tor und ging in den Tempel hinein. Und Hunde wissen natürlich nicht, was Spiegel sind und was sie vermögen und nachdem er den Tempel betreten hatte, glaubte er sich von tausend Hunden umgeben. Und der Hund begann zu knurren und er sah auf die vielen Spiegeln und überall sah er einen Hund, der ebenfalls knurrte. Und er begann die Zähne zu fletschen und im selben Augenblick begannen die tausend Hunde die Zähne zu fletschen und der Hund bekam es mit der Angst zu tun. So etwas hatte er noch nie erlebt und voller Panik lief er, so schnell er konnte, aus dem Tempel hinaus. Dieses furchtbare Erlebnis hatte sich tief in das Gedächtnis des Hundes vergraben. Fortan hielt er es für erwiesen, daß ihm andere Hunde feindlich gesinnt sein mussten. Die Welt war für ihn ein bedrohlicher Ort und er ward von anderen Hunden gemieden und lebte verbittert bis ans Ende seiner Tage.

Die Zeit verging und wie es der Zufall so will, kam eines Tages ein anderer Hund des Weges. Der Hund bemerkte, dass das Tor zum Tempel der tausend Spiegel geöffnet war und neugierig und erwartungsvoll öffnete er das Tor und ging in den Tempel hinein. Und Hunde wissen natürlich nicht, was Spiegel sind und was sie vermögen und nachdem er den Tempel betreten hatte, glaubte er sich von tausend Hunden umgeben. Und der Hund begann zu lächeln und er sah auf die vielen Spiegeln und überall sah er einen Hund, der ebenfalls lächelte – so gut Hunde eben lächeln können. Und er begann vor Freude mit dem Schwanz zu wedeln und im selben Augenblick begannen die tausend Hunde mit ihrem Schwanz zu wedeln und der Hund wurde noch fröhlicher. So etwas hatte er noch nie erlebt und voller Freude blieb er, so lange er konnte, im Tempel und spielte mit den tausend Hunden. Dieses schöne Erlebnis hatte sich tief in das Gedächtnis des Hundes vergraben. Fortan sah er es als erwiesen an, dass ihm andere Hunde freundlich gesinnt waren. Die Welt war für ihn ein freundlicher Ort und er ward von anderen Hunden gern gesehen und lebte glücklich bis ans Ende seiner Tage.

Wir, liebe Gemeinde, können – wollte ich diese Fabel aus Indien als Gleichnis verstehen – nicht immer mit dem Schwanz wedeln und der freundliche Hund sein.
Wir knurren auch manchmal und fletschen die Zähne.

Ich würde mir wünschen, wir könnten zu den Spiegelteilchen werden, die das freundliche und zugewandte Antlitz Gottes zeigen. Mit großem Dank für einen menschenfreundlichen und gnädigen Gott und unermüdlicher Zuversicht, dass sich Frieden lohnt und er möglich ist.
Amen.

Und der Friede Gottes der höher ist als alles, was wir denken und begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem HERRN, Amen.