Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis 06.06.2021
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Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis 06.06.2021

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
die heutige Predigtgeschichte von Jona und dem großen Fisch passt zu mir. Sie bedeutet für mich eine solche Fülle, dass es mir schwer fällt, nicht gleich drei Predigten auf einmal darüber zu halten.
Warum passt sie zu mir?
1) In der Geschichte kommt Wasser vor. Ich liebe Wasser, es ist ein Element in dem ich mich wohlfühle und seit der ganzen langen Coronazeit war ich gestern das erste Mal wieder im Schwimmbad – ein sehr besonderes Gefühl. Und – obwohl ich normalerweise mindestens 1x pro Woche im Wasser Sport mache, glauben Sie mir – gestern habe ich mich eher wie ein träger großer Fisch darin gefühlt. Auch beim Schwimmen fehlt die Kondition und die Muskulatur durch die Coronapause.
2) Warum passt die Geschichte noch zu mir? In der Geschichte geht es um eine große Angst und Sorge – mit einer Situation im Leben nicht fertig zu werden. Es geht um das elementare Gefühl des Ausgeliefertseins. Und um das sich in dieser Angst und in diesem Ausgeliefertsein doch geborgen zu wissen. Jona, der Prophet, singt laut im Moment der größten Angst. Und glauben Sie mir – ich habe auch schon in vielen Angstmomenten meines Lebens laut gesungen, angefangen als Kind, wenn ich aus dem dunklen Keller etwas heraufholen sollte oder als junges Mädchen, wenn ich im Dunklen alleine heimging und mich beobachtet fühlte, dann habe ich vor mich hingesungen.
Kommt Ihnen vielleicht das eine oder andere bekannt vor?
Kennen Sie Momente, Augenblicke in Ihrem Leben, an denen Sie laut, wirklich laut und hoffnungsvoll gesungen und gelobpreist haben?
Der eine oder die andere hat jetzt vielleicht noch den Gottesdienst im Ohr, den wir als Gäste bei der afrikanischen Siongemeinde mitgefeiert haben. Da ist das auch üblich, das laute, befreiende Rufen, Beten und Singen, und es ist uns irgendwie zugleich etwas fremd und nicht ganz geheuer.

Schauen wir mal auf den Predigttext, die Fortsetzung der in der Lesung begonnenen Geschichte aus dem Ersten, Alten Testament.
Und lassen wir uns doch mal Jonas Worte anhören!
Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.
2Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches 3und sprach: Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme. 4Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer,dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, 5dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. 6 Wasser umgaben mich bis an die Kehle, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. 7Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich. Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott! 8Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel. 9Die sich halten an das Nichtige,verlassen ihre Gnade. 10 Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen. Hilfe ist bei dem Herrn.

Wie war es nochmal dazu gekommen?
Gott schickt den Profeten Jona ausgerechnet nach Ninive, in die Hauptstadt der Assyrer. Ninive stand für alles, was einem Israeliten zuwider sein musste. Ninive war das Zentrum der militärischen Großmacht, die immer wieder unsagbares Leid über Israel gebracht hat. Von den Niniviten wird erzählt, dass sie ihre Feinde folterten und ihre Körper an der Außenseite der Stadt aufhängten. Ninive stand für alles, was böse und gottlos war und so gab es in dieser Zeit eine starke Strömung in Israel, für die es ganz wichtig war, zu diesem Volk und zu diesen Menschen Distanz zu halten. Dieser Abstand zu den Gottlosen stärkte gleichzeitig die eigene Identität.
Wenn es also etwas für einen Hebräer gab, was er definitiv nicht wollte, dann war es mit irgendetwas aus Ninive in Verbindung gebracht zu werden.
Aber die Reise nach Ninive und der Ruf zur Umkehr zu Gott wird zu dem Auftrag, den Jona erhält. Und es gibt genau zwei Möglichkeiten, mit diesem Auftrag umzugehen: Ja sagen oder Nein sagen.
Dazwischen gibt es nichts. „Ein bischen nach Ninive“ gehen, geht nicht. Irgend jemand dahinschicken als Stellvertreter oder einen Schriftrolle entsenden geht auch nicht.
Jonas spontane Reaktion ist die Flucht.
Er besteigt ein Boot, dass ihn exakt in die entgegengesetzte Himmelsrichtung führen soll. Statt nach Osten Richtung Westen. Nach Tarsis, an die Westküste Spaniens.
Auf dieser Schiffsreise empfängt Jona noch einmal den Ruf Gottes, jetzt auf eine deutlichere Weise: Er schickt einen schweren Sturm, der die Schiffsbesatzung in Todesangst versetzt. Auch vor dem Sturm versucht Jona zu fliehen, indem er sich in den unteren Teil des Schiffes zurückzieht, die Augen schließt und schläft. Einfach nichts sehen und hören.
Kennen Sie die drei Affen: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen?
Jona flüchtet vor der Wirklichkeit,
und das ist zunächst mal ganz menschlich.
Wir Menschen flüchten vor notwenigen, aber bedrohlichen oder mühevollen Situationen. Manch einer betrinkt sich, eine andere stürzt sich in ständige Ablenkung und Arbeit, nur um sich nicht selbst begegnen zu müssen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, nicht das zu tun, was gerade dran ist. Jona steckt in der verzweifelten Situation eines Menschen, der in seinem tiefsten Inneren spürt, was seine Bestimmung und seine Wahrheit ist, der aber vor lauter Angst nicht in der Lage ist, sich dieser Wahrheit zu stellen. Eine Situation, die sich auch heute erleben lässt, wenn jemand spürt, was sein eigentlicher Weg ist, aber aus Angst, Misstrauen oder scheinbarer Vernunft es nicht wagt, auf diese Stimme zu hören.

Aber so wenig, wie sich diese innere Stimme auf Dauer ausschalten lässt, so kann auch Jona seinem Auftrag nicht entkommen. Jona wird schließlich geweckt – und per Losverfahren erkennen die Seeleute, dass er der Grund für das Unwetter ist. Spätestens, als er sich den anderen Seeleuten vorstellen muss, wird deutlich, wie absurd die ganze Situation ist. Jona sagt: „Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat“.

Zumindest in der Theorie glaubt er an einen Gott, der jeden Winkel der Wirklichkeit umfasst. Aber gleichzeitig versucht er vor diesem allgegenwärtigen Gott und vor dieser Wirklichkeit zu fliehen. Dazu kommt, dass die ganze Situation an sich schon fast Comedy-Qualität hat: Derselbe Jona, der sich weigert, ins heidnische Ninive zu gehen, gerät auf der Flucht auf ein Schiff voller heidnischer Seeleute, die an fremde Götter glauben. Das Schiff ist ein Miniatur-Ninive.

Dies alles irritiert, wenn man bedenkt, dass die heidnischen Seeleute deutlich mehr Gottesfurcht an den Tag legen als der „fromme“ Jona. Während sie beten, schläft Jona. Und schließlich rufen Sie sogar Jonas Gott um Hilfe an.
Und immer noch verweigert Jona, seinen Weg nach Ninive anzutreten. Lieber ist er bereit zu sterben. So bittet Jona die Seeleute darum, ihn ins Meer zu werfen. Sofort beruhigt sich das Meer. Die Flucht des Jona ist zu Ende, aber die Geschichte geht weiter.
„Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen.“ Und im Bauch des Fisches ist: LEBEN, nicht TOD.

Schon im Studium war mir aufgefallen, dass es das Motiv „Im Bauch des Fisches sein“ auch außerhalb der Bibel gibt.
Z.B. habe ich die Geschichte von Pinnocchio von Carlo Collodi aus dem Jahre 1940 (verfilmt in den 60 er und 70 er Jahre) geliebt, der seinem Ziehvater Gepetto ungehorsam ist, so dass dieser nach ihm sucht, von einem Wal verschluckt wird und sich Pinnocchio dann auch verschlucken lässt, um Gepetto nahe zu sein, und letztlich mit ihm in die Freiheit zu entkommen.
Die kennen Sie wahrscheinlich auch. Und wenn man darüber forscht, dann findet sich das Motiv in der Weltliteratur unzählige Male, begonnen in den Heldengeschichten des Lukian von Samosata aus dem 2. Jahrhundert über die Bibel, den Baron von Münchhausen, Hemingway, und Geschichten von Kasperl und Seppel.
Der englische Schriftsteller George Orwell hat sich dazu Gedanken gemacht und das folgende aufgeschrieben:
„Tatsache ist, dass es ein sehr angenehmer, gemütlicher und heimeliger Gedanke ist, in einem Wal zu sein. Der historische Jona, wenn man ihn so bezeichnen kann, war natürlich froh, dem Fischbauch zu entkommen. Aber zahllose Menschen haben ihn wahrscheinlich in der Fantasie, in ihren Tagträumen, beneidet. Es liegt auf der Hand, warum: Der Fischbauch ist ganz einfach ein Mutterleib, der groß genug ist für einen Erwachsenen. Da kauerst du im dunklen, weichen und anschmiegsamen Raum, fassweise Fruchtwasser zwischen dir und der Wirklichkeit draußen. Hier fällt es leicht, eine Haltung totaler Gleichgültigkeit aufrecht zu erhalten, was auch immer geschehen mag.“ Orwell bezeichnet den Fischbauch als “Ort der größten, unüberbietbaren Verantwortungslosigkeit”, weil man dort bewahrt, geschaukelt, versorgt, und nicht zu einer Handlung befähigt oder aufgerufen ist.
Ein interessanter Gedanke, finde ich.
Die Situation der Machtlosigkeit und zugleich Bewahrtheit vor dem Tod ist schließlich der Wendepunkt in der Geschichte des Jona.

Wenn ich mich mit Menschen über Situationen unterhalte, die ihren Lebensweg am meisten geprägt haben, erzählen sie in der Regel nicht von ihren großen Erfolgen, nicht vom Urlaub mit Vollpension oder der letzten Beförderung. Sie erzählen von den Punkten, in denen auf einmal alle Sicherheiten weggebrochen sind. Sie erzählen vom Verlust des Arbeitsplatzes. Vom Tod eines geliebten Menschen. Sie erzählen von gescheiterten Plänen und Träumen. Von Tiefpunkten, an denen es scheinbar nicht mehr weiterging.

Manchmal entdecken wir im Nachhinein, dass solche „Fischbauch-Erfahrungen“ dazu beigetragen haben, unseren ganz persönlichen Weg zu finden. Es geht in diesem Teil der Geschichte nicht um die Frage, ob es möglich ist, ob ein Mensch drei Tage im Bauch eines großen Fisches überleben kann. Es geht um die Erfahrung einer bestimmten Phase eines Lebens, eines Tiefpunktes, wo man scheinbar nicht zu einer Handlung in der Lage ist, wo Flucht oder Entrinnen nicht möglich und man wieder ganz auf sich selbst und – so wie Jona – vielleiht auch heute noch bisweilen ganz auf das Zwiegespräch mit Gott geworfen ist.
Und das ist es – ein Zwiegespräch mit Gott, denn Jona singt , und wenn er anhebt „Ich rief zum HERRN in meiner Angst und der HERR antwortete mir“ dann mag einem Hörer das bekannt vorkommen und eine Hörerin mag aufhorchen: Ja, das kenne ich. Und wirklich: für die 8 Verse des Jonapsalm nennt die Lutherbibel 10 Belegstellen aus anderen Psalmen der Bibel, Versatzstücke also. Jona betet als Hebräer, der den Gott des Himmels und der Erde kennt, und er kennt die Lieder seiner Herkunft. Er besinnt sich auf das, was Kraft gibt und Mut macht.

Das übrigens ereignet sich ganz häufig im Zweiten, dem Neuen Testament, dass wir in Geschichten, Dialogen, Reden das Alte, Gelernte wieder aufblitzen hören. Auch Jesus von Nazareth borgt sich Worte aus dem Psalter, seine letzten Worte am Kreuz, gleich welchen Evangelisten man da zitiert, sind Teile der Gebete und Lieder, die er gelernt hat. An Orten der scheinbaren Ausweglosigkeit, Gottverlassenheit helfen sie, das Gehaltensein, die Geborgenheit und die Bestimmung zu einem Leben mit Gott zu erkennen, in dem man sie singt.
Genau da, in seinem Lied, da erlebt Jona eine Verwandlung.
Zum ersten Mal in der ganzen Geschichte sucht er den Kontakt zu Gott, und am Ende aller Fluchtversuche erfährt Jona die Gegenwart Gottes und seine Botschaft zum ersten Mal nicht als Bedrohung, sondern als liebevollen Trost. In den drei Tagen und Nächten im Bauch des Fisches erlebt er eine Verwandlung, an deren Ende ein
Neuanfang steht.
Denn so endet die Geschichte, wie wir alle wissen:
(Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.)

Wie bei einer Geburt wird Jona aus dem Bauch des Fisches herausgeworfen, um sich dann auf den Weg zu machen, zu dem Gott ihn gerufen hat.

Ja, ich weiß, was sie jetzt erwidern wollen. Es hat ja nicht so ganz geklappt mit der Verwandlung.
Jona bewirkt in Ninive tatsächlich viel, aber er kann sich Gott und seinem Willen immer noch nicht ganz stellen oder fügen.
Immer noch ist er voller Widerstände, steht sich mit seinen Gedanken im Weg und kann v.a. eines nicht verstehen:
Wie groß die Güte Gottes ist.
Schritt für Schritt lernt Jona, dass Gottes Herz größer ist als seine engen Vorstellungen und Abgrenzungen. Mit Hartnäckigkeit und Humor spricht Gott immer wieder zum widerwilligen Jona, dem es schwerfällt, seine inneren Grenzen und Widerstände zu überwinden und ein Bote zu sein für Gottes grenzenlose und leidenschaftliche Liebe zu allen Menschen.

Gott spricht zu Jona durch den Sturm, er benutzt heidnische Seeleute, den dunklen Bauch eines Fisches und die Erfahrung des völligen Scheiterns – und im späteren Verlauf des Buches sogar einen Rizinusstrauch und einen Wurm, um diese Botschaft zu vermitteln und das Herz des Jona zu weiten. So lädt uns das Jonabuch bis auf den heutigen Tag dazu ein, wachsam zu sein für das Reden Gottes in unserem Leben und für die unzähligen Momente und Situationen, in denen er unser Herz weiten und berühren möchte.

Wie bei Jona spricht Gott auch zu uns – durch die leise Herzensstimme, durch andere Menschen, durch Lebensstürme und manchmal auch durch die dunkle Nacht der Seele. Er spricht auch heute in Situationen hinein, in denen wir auf der Flucht sind vor ihm und vor uns selbst und in denen wir unbarmherzig auf andere Menschen herabschauen. In allem, was geschieht, ruft er uns wie Jona zurück zu unserer Bestimmung: Dass wir immer mehr zu weitherzigen und liebenden Menschen werden, die etwas von Gottes großer Menschenfreundlichkeit widerspiegeln.
Und das, liebe Schwestern und Brüder in Christus, ist eine wahre Lebensaufgabe.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.