Gedanken zur Tageslosung, Samstag 30.05.2020

Gedanken zur Tageslosung, Samstag 30.05.2020

Bileam sprach: Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könnte ich doch nicht übertreten das Wort des HERRN.
4.Mose 22,18

Wir sind ja nicht wie die vielen, die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen; sondern wie man aus Lauterkeit und aus Gott redet, so reden wir vor Gott in Christus.
2.Korinther 2,17

Als Martin Luther 1517 gegen den sogenannten Ablasshandel der damaligen Kirche seine 95 Thesen schrieb und daraus letztendlich die Reformation hervorging, die Entstehung und Trennung der Evangelischen Kirche von der Katholischen Kirche hatte, hätte der ansonsten so bibelfeste Mönch und Theologieprofessor dies eigentlich noch zum guten Schluß zusammenfassend unter seine Thesen schreiben können: “Wir sind ja nicht wie die vielen, die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen; sondern wie man aus Lauterkeit und aus Gott redet, so reden wir vor Gott in Christus.” Denn die damals etablierte Kirche hatte von der Kirchenleitung vorgegeben und gefördert sehr wohl Geschäfte mit dem Wort Gottes gemacht – man konnte sich durch den Erwerb eines Ablassbriefes mittels einer Geldzahlung von seinen Sündenstrafen freikaufen und somit dem Zorn Gottes und ewiger Verdamnis bzw. einem Leben in der Hölle nach dem Tod entgehen. Die Kirche hatte in der Tat Geschäfte mit dem Wort Gottes und mit der Angst der Menschen gemacht. Sie war an ihrem eigenen (Macht)erhalt mehr interessiert als an ihrer Aufgabe der Verkündigung der Frohen Botschaft.

Man darf sicher ein wenig stolz darauf sein, der Evangelischen Kirche anzugehören, die da ihre Ursprünge hat und sich genau dagegen abgegrenzt hat, auf kritische Distanz dazu gegangen ist und in jeder Hinsicht die Freiheit der Verkündigung des Wortes Gottes propagiert hat und in vielen Teilen Europas sogar Verfolgung dafür in Kauf genommen hat (insbesondere in Süd- und Osteuropa). Das muss hier erinnert werden, weil es heute kaum noch im gesellschaftlichen Gedächtnis zu sein scheint und auch im spirituellen Gedächtnis der Kirchen nicht mehr all zu sehr verankert ist, auch wenn diese mit dem Wort Gottes heute kaum noch Geschäfte machen, sondern in der Tat seriöse Arbeit leisten. Sie versuchen es fruchtbar zu machen und umgekehrt, Geld, das sie durch Steuern einnehmen, für die Verkündigung des Wortes Gottes, eine gute Seelsorge und Werke der Nächstenliebe einzusetzen.

Im Gedächtnis scheinen diese Dinge aber dennoch etwas verloren gegangen zu sein, wo die Abschaffung der Kirchensteuer immer mehr und lauter propagiert wird. Paradoxer Weise wird da gerne genau damit argumentiert, dass die Kirche viel zu reich sei etc. , was freilich Unsinn ist, denn alles Geld und Besitz (auch der Katholischen Kirche) arbeitet für die hier genannten Aufgaben. Solche Ansinnen der Abschaffung der Kirchensteuer verdanken sich in der Regel nicht redlichen Motiven, wo Menschen sich letzten Endes nur ihrer Verantwortung zur Mitfinanzierung entziehen wollen oder aber klaren Denkfehlern. Denn Geld wird so oder so gebraucht, ob als Steuer oder freiwillige Abgabe und schafft man die Kirchensteuer ab, brechen erst einmal alle Arbeitsbereiche in der Kirche zusammen und Menschen gehen massenweise in die Arbeitslosigkeit. Das schafft nicht nur Notsituationen, sondern macht die Kirchen auch entsprechend handlungsunfähig. Natürlich gibt es Kirchensteuer in vielen anderen Ländern nicht – sie ist eher wenig verbreitet. Aber sie ist historisch gewachsen und man kann diesen Prozess nicht einfach gedankenlos umkehren, ohne sie zu zerstören oder erheblich zu destabilisieren und überflüssig zu machen. Niemand käme auf die Idee, ein großes Fischereischiff, das hier und da schwerfällig sein mag, aber gute Dienste leistet. in ein kleines Fischerboot umzuwandeln oder einfach das Öl zu entziehen, um es fahrunfähig zu machen. Und die Arbeit der Fischer wird so oder so gebraucht und sie müssen so oder so leben.

Wir haben heute allerdings zunehmend das Problem, dass Kirchenaustritte das Schiff seeunfähig machen. Die Kirche braucht heute nicht Menschen, die ihr predigen, dass sie mit dem Wort Gottes keine Geschäfte machen soll wie damals zu Luthers Zeiten, sondern Menschen, die der Öffentlichkeit predigen, dass sie eine Verantwortung hat für die Entwicklung der Kirchen und damit auch der gesellschaftlichen Entwicklung und die den Menschen in der Gesellschaft ins Gewissen redet, dass sie falschen Göttern hinterherlaufen. Die so selbstherrlich über die Kirchen reden und ihr gerne privat oder politisch die Steuer entziehen wollen, beten selbst in vielen Fällen lieber den Gott Mammon (Geld) an als den Gott der Frohen Botschaft. Den wollen sie oft bewusst ausblenden aus ihrem Leben und hintergehen oder haben ihn leider nie kennengelernt. Das führt zu keinem guten Ende. Immer wenn in der Geschichte andere Götter angebetet worden sind, wurde das der Tod im Topfe – ob es früher die Kaiser waren oder später der Nationalsozialismus oder der Kommunismus oder heute eben der Kapitalismus. Der Mensch schafft sich seine Götter, um sich Gott vom Halse zu halten. Freilich gibt es auch innerhalb der Kirchen ungesunde Tendenzen und selbst dort werden mitunter falsche Götter angebetet, wenn man zum Beispiel zu sehr auf Sicherheit und Bürokratie setzt aus Angst, die Kirche könnte ganz untergehen. Da ist zu wenig Vertrauen auf Gottes Geist und falsches Investment. Aber wir sind miteinander auf dem Weg, korrektur- und lernfähig und zumindest in der Evangelischen Kirche bislang noch recht diskussionsfreudig. Selig die Menschen, die sich nicht falschen Göttern unterwerfen, sondern ein unbestechliches Herz und einen Glauben haben wie Bileam. (Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)