Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet – Predigt für den 29. März
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Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet – Predigt für den 29. März

Predigt für den 29. März 2020
(von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
wir können zur Zeit nicht in unseren Kirchen zusammenfinden. Ich predige heute gewissermaßen vor leeren Bänken und ins stille Kämmerlein hinein, wenn ich zu Euch rede, aber nicht in leere Herzen. Jeder von uns spürt in diesen Tagen, wie sehr uns diese Pandemie verunsichert, wie sehr wir uns Fragen nach unserem Sein und Bleiben stellen und nach dem Sinn des Lebens auf dieser Welt.

Ein Schöpfergott – gibt es den? Ein Gott, der auf uns Acht gibt? Gibt es den? Oder ist nur unser Wunsch Vater dieses Gedankens? Vater dieses Gedankens, dass es einen Gott-Vater gäbe? Ist Gott überhaupt ein guter Vater? Oder ist Gott einfach nur gnadenloses Prinzip, das irgendwo abläuft und das Andere einfach nur die Natur nennen oder das Universum.
Mir persönlich wird ganz übel, wenn ich mir Letzteres vorstelle. Anonym, kalt, distanziert, bedeutungslos für mein Leben wäre so ein Gott.
Natürlich kann ich nicht beweisen, dass das Gott nicht ist, genauso wenig wie man beweisen könnte, dass es tatsächlich einen Gott gibt, der anders ist. Aber solch ein Gott könnte mir gestohlen bleiben. Bei solch einem Gottesbild würde mir eisig kalt im Innern werden. Das Universum oder die Natur wenden sich mir nicht zu. Die funktionieren einfach nur und ich bin nur Teil mitten drin. Deshalb noch mal: So ein Gott könnte mir gestohlen bleiben, von dem es heißen würde, dass es reiner Zufall ist, dass wir da sind und da bleiben oder auch nicht. Ich bräuchte ihn nicht als mein Gegenüber in meinem Leben. Ich brauche ein Gegenüber. Das ist, was ich brauche.

Ein Gegenüber stellt man sich oft als Person vor, was keineswegs so sein muss. Aber das liegt daran, dass sich Personen zuwenden können, was Maschinen, Computer oder Naturgesetze und Naturphänomene nicht können. Die sind da und funktionieren gnadenlos (oder auch nicht). Die kennen nur ja oder nein und Kausalketten, aber keine Zuwendung oder Anteilnahme.

Zuwendung und Anteilnahme an unserem Leben ist etwas personenhaft Menschliches. Und darum stellen wir uns Gott, wenn wir uns ihn als unser Gegenüber vorstellen, oft als Person vor. Kinder stellen sich Gott in ihrer ersten Kindheit oft als alten Mann mit weißem Rauschebart vor. Das liegt daran, dass Gott ja schon immer da war. In der Vorstellungswelt ist das dann eben ein alter Mann. Und es liegt daran, dass sie bedingungslose Anteilnahme und Zuwendung gerade oft durch ihre Großeltern erfahren, die alle Zeit haben oder sich nehmen, um für sie da zu sein. Zeit, die Eltern berufsbedingt, oft gerade fehlt.

Und wir alle wissen, wie schmerzlich es für beide Generationen in diesen Tagen ist, dass gerade sie Abstand zueinander halten müssen, weil die Kinder ihre Großeltern anstecken könnten und diese dann ein großes Risiko hätten. Großeltern vermitteln Kindern oft: Ich bin immer für dich da. Genau das, was wir mit einem anteilnehmenden und zugewandten Gott verbinden. Auch das lässt Kinder bei Gott an einen alten Mann denken…bis hin zum Weihnachtsmann, der für sie Zuwendung und Gnadencharakter symbolisiert, also auch wieder Zuwendung, denn schließlich bringt der die Geschenke und nicht das Jesuskind oder die Eltern. So hat man es ihnen zumindest beigebracht.

Wenn ich mit Kindern über Gott rede, dann ist das immer wieder spannend und erfrischend. Sie stellen ehrliche Fragen und erwarten ehrliche Antworten. Im Kindergartengottesdienst oder Schulgottesdienst habe ich oft angeregte Gesprächswechsel mit ihnen. Die Kinder bringen sich ein und wollen Bescheid wissen. Aber mit der Weiblichkeit Gottes haben sie so ihre Schwierigkeiten. Wie gesagt, sie stellen sich Gott oft als alten Mann vor. Als ich einmal gesagt hatte: „Gott ist für uns wie ein gütiger Vater oder eine liebevolle Mutter“, widersprach ein Kind: „Aber Gott ist doch keine Frau sein. Der ist doch ein Mann.“ Auf meine Rückfrage: „Wieso meinst Du das? Was macht dich da so sicher, dass Gott ein Mann ist?“ antwortete das Kind: „Na, das heißt doch „der Gott“ und nicht „die Gott“. „Das stimmt“, sagte ich: „aber es gibt viele Dinge, wo wir „der“ sagen und trotzdem ist das kein Mann – „der Tisch“ zum Beispiel oder „der Schulranzten“ oder der „Gameboy“… das Kind fing natürlich an zu lachen und gab mir Recht. Dann fuhr ich fort und erwähnte, dass wir in unserer Sprache zum Beispiel „der Mond“ und „die Sonne“ sagen, also Mond männlich und Sonne weiblich, aber dass es in der französischen oder spanischen Sprache genau anders herum ist. Die Franzosen sagen „la lune“, zu deutsch „die Mond“ und „le soleil“, zu deutsch „die Sonne“. Man merkte, wie es im Köpfchen dieses und der anderen Kinder anfing zu rattern und sie in großes Nachdenken kamen. Dann erwähnte ich, dass die Menschen der Bibel, sich Gott nicht nur immer als Mann vorstellen oder Vater, sondern durchaus auch als Frau oder Mutter und dass in der Bibel erzählt wird, wie Gott über sich selbst gesagt hat: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ „Habt Ihr das schon einmal so erlebt, dass Euch eure Mutter getröstet hat?“ fragte ich und da gingen alle möglichen Hände sofort hoch und jeder konnte eine Geschichte erzählen, wie er gefallen war und die Mutter ihn aufhob und die Hand auf das verletze Knie legte und so weiter und so weiter… „Seht Ihr, jetzt wisst Ihr, wie Gott ist. Er ist so für uns da, wie Ihr das zum Beispiel mit Eurer Mutter erlebt, wenn Ihr mal fallt und euch weh tut oder wenn Ihr mal traurig seid.“ Verstehendes, zufriedenes, glückliches, schmunzelndes Nicken der Kinder – auch des Kindes, das sich Gott ursprünglich nicht als Mutter vorstellen konnte.

Gott als anteilnehmendes und mir zugewandtes Gegenüber. Damit können wir etwas anfangen. Das berührt uns, weil wir das aus bestimmten Situationen unseres Lebens mit uns zugewandten Menschen auch so kennen und erlebt haben. Und es berührt uns nur, weil Gott nicht der Unberührbare ist und mehr ist als nur der „unbewegte Beweger“, wie er gerne von manchen Theologen bezeichnet – freilich im Zusammenhang mit naturwissenschaftlichen Herleitungen der Weltentstehung. Gott ist nicht der „unbewegte Beweger“, sondern allenfalls „der bewegte Beweger“ – einer der sich bewegen lässt, wie eine Mutter, die da ihr leidendes Kind vor Augen sieht.

Die Zeile „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ entstammt dem für den heutigen Sonntag vorgesehenen Predigttext. Er befindet sich im Prophetenbuch Jesaja, Kap. 66, Verse 10 – 14. Da heißt es: „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen wie Säuglinge, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und seinen Zorn an seinen Feinden.“ Amen

„Freuet Euch!“ das ist der Tenor dieses Textes, dieser Worte, die aus dem Munde des Propheten durch Gott zum Volk Israel gesprochen werden. „Freuet Euch!“ – vielen von uns ist nach „Freuen“ im Augenblick nicht gerade zumute. Vielmehr empfinden viele die durch die Pandemie hervorgerufenen Geschehnisse und die Atmosphäre als beklemmend, angsteinflößend und schlicht und einfach traurig. Schließlich sind ja schon zahlreiche Menschen gestorben – nicht nur in China oder Italien, sondern auch bei uns und in vielen anderen Ländern. Da ist es auch unangemessen, in den kirchlichen Medien überall weiterhin immer wieder Bilder des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, zu zeigen, wie er uns mit seinem Dauergrinsen anlächelt. Das muss als Zynismus auf viele wirken, vor allem auf die Betroffenen, die den Tod eines Angehörigen zu beklagen haben.

„Freude“ lässt sich auch nicht verordnen. Das weiß auch der Prophet. Und noch vielmehr weiß es Gott, der ihm diese Worte zur Verkündigung aufträgt. Aber es gibt einen entscheidenden Grund, warum Gott ihn dennoch von dieser Freude reden lässt. Denn diese Freude ist eben gerade keine Verordnung wie etwa eine ärztliche Verordnung oder eine militärische Anordnung, der man Gehorsam leisten muss, sondern diese Freude ist Hinweis auf die Zukunft, Hinweis auf eine andere Wirklichkeit, Erinnerung an Gottes Handeln und Gottes Liebe in unserer Welt, aus der heraus wir Hoffnung schöpfen können. Hoffnung für das Volk Israel, das damals in einer sehr leidvollen Situation lebte. Es war verschleppt worden, hat Heimat und alles verloren und lebte nun mit zahlreichen Repressalien verbundenen Gefangenschaft im Exil. Und Hoffnung für uns, die wir auch aktuell Gefangenschaft und Leid erleben, das uns angreift, ergreift und ängstigt. Zuspruch, nicht Verordnung! Zusage von Gottes Solidarität und Ansage, dass da noch etwas Anderes ist, als nur das was wir in diesen Tagen erleben… Tote und Tote, überfüllte Krankenhäuser, erschöpfte Menschen. Etwas Anderes: Gottes liebevolle Anteilnahme und Zuwendung! Licht und Leben! Gerade deshalb kann mir ein anderer Gott gestohlen bleiben. Ein allmächtiger Unberührbarer, der Vulkanausbrüche zulässt oder auch nicht, der Viren zulässt, der geschaffen hat oder auch nicht. Für mich zählt nur ein Gott, kann Gott nur der Gott sein, der um seine Schöpfung kämpft – liebevoll wie eine Mutter, die um jedes ihrer Kinder kämpfen würde, die jedes ihrer Kinder trösten würde: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.“

Ich schreibe diese Predigt am heutigen Sonntag (22. März) – einen Sonntag vor dem Sonntag, für den sie gedacht ist (29. März). Manche werden sie vielleicht erst zu dem Tag aufrufen oder in Papierform in Händen halten und lesen Papierform lesen. Ich schreibe sie jetzt und kann nicht wissen, was bis zum 29. März noch alles passiert sein mag, wie sich die Lage weiter entwickelt haben mag, wieviele Infizierte und wieviele Tote es bis dahin noch mehr geben wird und vor welche Herausforderungen wir uns dann gestellt sehen werden oder was sich auch an Gutem bis dahin entwickelt. Ich bin im Unterschied zu Jesaja kein Prophet und auch keine Weissager. Propheten sind ohnehin keine Weissager. Sie können nicht in die Zukunft blicken wie Gott es vielleicht kann. Sie sagen nur die Wahrheit in der Gegenwart. Sie künden nur von Gott in der Gegenwart. Sie erzählen von seiner Wirklichkeit, damit die Menschen eine Zukunft haben und in der Gegenwart das Richtige dafür tun, zum Beispiel einander zu unterstützen statt nur ängstlich die Geschäfte leer zu kaufen.
Ich bin kein Prophet. Ich bin nur Euer Pfarrer und Seelsorger. Aber das bin ich mit ganzer Leidenschaft für diesen Gott, der uns nicht loslässt – für diesen Gott, der unseren Schmerz und unsere Angst und Sorge sieht und der so ganz uneigennützig handelt wie eine tröstende Mutter oder ein liebevoller Vater. Meine Hoffnung ist, dass ich mit dieser Leidenschaft nicht allein bin, sondern dass es Menschen in unserer Gemeinde gibt, die da mit mir und der Gemeindeleitung und mit allen, die zur Gemeinde gehören gemeinsam unterwegs sind. Und ich habe guten Grund zu dieser Hoffnung. Es gibt die Menschen, die tatsächlich in dieser Hoffnung in unserer Gemeinde und andernorts unterwegs sind. Sie bieten ihre Unterstützung bei uns telefonisch oder per Mail an oder im Lebensmittelladen, wo man ihnen noch begegnet. Und sie schenken Zeit, übernehmen oder bieten Einkaufsdienste an, geben technische Unterstützung bei der Erstellung der Homepage usw., damit unser lebenswichtiges gemeindliches Netz nicht zerreißt. Freilich könnten es noch mehr werden und wir könnten in dieser krisenhaften Zeit erfahren, was eine lebendige Gemeinde und lebendige Kirche ist und warum es Sinn macht, dieser nicht den Rücken zu kehren. Gott möge all diese und Euch alle segnen! Amen

Und der Friede Gottes, der unseren menschlichen Verstand übersteigt, wird unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn bewahren! Amen