Predigt 09.08.2020 9. Sonntag nach Trinitatis
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Predigt 09.08.2020 9. Sonntag nach Trinitatis

(von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)

Lesung vor der Predigt, auf die in der Predigt Bezug genommen wird:

Der besessene Gerasener
1 Und sie kamen ans andre Ufer des Meeres in die Gegend der Gerasener. 2 Und als er aus dem Boot stieg, lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist. 3 Der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit einer Kette; 4 denn er war oft mit Fesseln an den Füßen und mit Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. 5 Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen. 6 Da er aber Jesus sah von ferne, lief er hinzu und fiel vor ihm nieder, 7 schrie laut und sprach: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! 8 Denn er hatte zu ihm gesagt: Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen! 9 Und er fragte ihn: Wie heißt du? Und er sprach zu ihm: Legion heiße ich; denn wir sind viele. 10 Und er bat Jesus sehr, dass er sie nicht aus der Gegend vertreibe. 11 Es war aber dort am Berg eine große Herde Säue auf der Weide. 12 Und die unreinen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren! 13 Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren sie aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter ins Meer, etwa zweitausend, und sie ersoffen im Meer. 14 Und die Sauhirten flohen und verkündeten das in der Stadt und auf dem Lande. Und die Leute gingen, um zu sehen, was da geschehen war, 15 und kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, der den Geist »Legion« gehabt hatte, wie er dasaß, bekleidet und vernünftig, und sie fürchteten sich. 16 Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, was dem Besessenen widerfahren war und das von den Säuen. 17 Und sie fingen an und baten Jesus, aus ihrem Gebiet fortzugehen. 18 Und als er in das Boot stieg, bat ihn, der zuvor besessen war, dass er bei ihm bleiben dürfe. 19 Aber er ließ es ihm nicht zu, sondern sprach zu ihm: Geh hin in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, welch große Dinge der Herr an dir getan und wie er sich deiner erbarmt hat. 20 Und er ging hin und fing an, in den Zehn Städten auszurufen, wie viel Jesus an ihm getan hatte; und jedermann verwunderte sich. Amen

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

ich möchte Euch von einem besonderen Haus erzählen – nämlich der „Arche Königsforst“. Äußerlich sieht es wie jedes andere Haus aus.

Aber es ist ein besonderes Haus. Es wurde 1996, also vor fast 25 Jahren auf Initiative einiger Gemeindemitglieder und des damaligen Pfarrers unserer Kirchengemeinde Dr. Theodor Goebel in Rath-Heumar gekauft und als Projekt für Wohnungslose ausgestattet. Es befindet sich an der viel befahrenen Eiler und ist ein ganz normales zweistöckiges Wohnhaus. Es gibt auch kein Schild, das extra auf dieses Haus hinweisen würde. Denn es ist Absicht, den wohnungslosen Menschen ein normalisiertes Wohnen zu ermöglichen, das sich möglichst wenig abhebt von dem der übrigen Menschen, also auch von der Nachbarschaft nicht.

Durch viel Information wurde das Projekt auch der Nachbarschaft vertraut gemacht und es wurden auf diese Weise Ängste und Vorurteile gegenüber Obdachlosen genommen. Die ein oder anderen Nachbarn denken sogar an uns, wenn mal Möbel oder andere Dinge zu vergeben sind. In dem Haus wohnen zwei Wohngemeinschaften. In der oberen Etage drei Frauen, die sich Küche und Bad miteinander teilen, aber ansonsten ihr eigenes abschließbares Zimmer haben. Das ist wichtig zum Schutz der Privatsphäre und auch, um sich im eigenen Raum zurückziehen zu können. In der unteren Etage wohnt eine Wohngemeinschaft von drei Männern, für die es dieselbe Raumaufteilung gibt. Die Bewohner sind alle in Maßnahmen des sogenannten betreuten Wohnens. Das bedeutet, dass sie als Obdachlose in der Regel nicht unmittelbar von der Straße auf uns zukommen, sondern dass Sie bereits einen Kontakt zum Diakonischen Werk hier in Köln haben, das sie begleitet. Vorher waren sie oft in Frauenhäusern oder Männerheimen oder hatten eine vorübergehende Bleibe bei Freunden oder in einem Hotel. In unserem Haus werden sie fachlich, das heißt sozialarbeiterisch, von Mitarbeitern des diakonischen Werkes in Zusammenarbeit mit uns als Gemeinde begleitet. Von unserer Seite sind es Ehrenamtliche und der Pfarrer, in dem Fall, also ich, die den Menschen in unterschiedlichen Situationen zur Seite stehen. Das können ganz, ganz unterschiedliche Dinge sein vom praktischen Organisieren von Bettwäsche bis hin zum vertraulichen Gespräch bei einer Tasse Kaffee über ihre Probleme oder Begleitungen bei Behördengängen usw. Das Alter der Menschen, wie auch ihre persönliche Situation ist sehr unterschiedlich. Es sind Menschen von 20 bis 64 Jahren. Sie sind oft ohne Arbeit, jedenfalls zu Beginn der Maßnahme. Sie haben nicht selten eine Suchtproblematik – nicht nur Alkohol- oder andere Drogen, sondern auch sogenannte Verhaltenssüchte wie Spielsucht, Kaufsucht etc. Die Süchte oder andere Hintergründe bringen es auch mit sich, dass sie oft unvorstellbar hoch verschuldet sind, was ihnen jeden Lebensmut nimmt. Besonders ausgeprägt sind auch psychische Erkrankungen unter ihnen: Depressionen sind besonders stark vertreten, aber auch alle anderen Erscheinungsformen psychischer Erkrankung können dabei begegnen wie Wahnvorstellungen, Suizidalität und vieles mehr, auch sogenannte Selbstverstümmelungen. Eine Form, die besonders bei Frauen verbreitet ist. Sie schneiden sich im wahrsten Sinne des Wortes ins eigene Fleisch. Es ist eine gegen sich selbst gerichtete Aggression. Im Hintergrund sind oft Beziehungsprobleme, Scheidungen, Kündigungen von Arbeit, Misshandlungen in der Kindheit oder der Ehe usw. All die genannten Dinge beeinflussen sich gegenseitig. Was ursächlich ist, ist im Einzelnen oft schwer auszumachen.

Man könnte unendlich viel erzählen von diesen Menschen, die wir nur ausschnitthaft begleiten. Die Maßnahme dauert im Höchstfall normalerweise drei Jahre. Sie soll Hängematte und Sprungbrett zugleich sein. Hängematte, um zur Ruhe zu finden und an einem der vielen Problempunkte ansetzen zu können – Sprungbrett , um einen Schritt weiter zu kommen zu einem normalisierten Wohnen und Leben.

Ich möchte nun ein wenig an der Geschichte entlanggehen, die wir eben in der Evangelienlesung gehört haben und Bezüge schaffen zu diesen Menschen ohne Obdach, zu diesen Menschen am Rande. Der sogenannte Besessene in der Geschichte ist ja so ein Mensch ohne Obdach und einer, der am Rande lebt – wir hören von ihm: „Der hauste in den Grabhöhlen. Niemand hat ihn festbinden können, auch nicht mit Ketten. Denn oft war er mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben und niemand konnte ihn bändigen. Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen und schrie und schlug sich mit Steinen.“

Was wird uns hier geschildert, liebe Schwestern und Brüder? Ein Mensch, der sich selbst nicht im Griff hat, allenfalls im Würgegriff. Denn was hören wir da? Er war nicht nur voller Aggressionen und sprengte alle Ketten, sondern war auch gegen sich selbst aggressiv. Er schlug sich mit Steinen. Wir sind mitten bei den Selbstverstümmelungsversuchen und Autoaggressionen, die ich vorhin ansprach. Vor wenigen Jahren etwa wohnte eine Frau bei uns, die schnitt sich regelmäßig in den Arm, nicht versehentlich, sondern absichtlich. Tiefe Wunden in der Kindheit haben solche Menschen oft. Bis vor kurzem lebte eine Frau in der WG, die von ihrem Vater in der Kindheit nicht nur sexuell missbraucht, sondern tagtäglich auch geschlagen wurde. Die Kette setzte sich dann fort in ihre Beziehungen hinein. Da waren es die Lebensgefährten, die sie ausbeuteten und schlugen. Ganz wie die Kette des Besessenen, in der er gefangen ist. Etwas, aus dem man sich immer wieder befreit oder befreien will und was einen doch immer wieder einholt und fesselt.

Aber was ist eigentlich Besessenheit? Früher gebrauchte man das Wort oft im Zusammenhang mit dem Teufel. Und das erschwert uns vielleicht heute den Zugang und das Verstehen dieser Geschichte. Wenn wir sagen: „Der ist vom Teufel besessen“ oder: „Der ist verrückt“, so machen wir nur Schubladen auf. Mit solchen Etiketten halten wir uns andere Menschen und diese Geschichte vom Leibe. In Wirklichkeit geht die Geschichte viel tiefer, geht sie uns an. Denn „besessen“ bedeutet einfach nur das Gegenteil von „frei“. „Besessen sein“ ist nichts anderes als „Besetzt sein“. Besetzt sein, unfrei sein – davon erzählt uns die Geschichte zunächst. Vielleicht entdecken wir an manchen Punkten sogar uns selbst oder uns nahestehende Menschen.

Der Name des unreinen Geistes – der Macht, die den Menschen gefangenhält – ist so­etwas wie der Schlüssel zum Verstehen dieser merkwürdigen Geschichte. Als Jesus fragt: „Was ist dein Name?“ lautet die Antwort: „Legion ist mein Name, denn wir sind viele.“ Sicher habt Ihr Euch alle gefragt, was diese Antwort soll. Eine  „Legion“ war damals eine Militär­einheit. Das Gebiet, in dem der Besessene sich aufhielt, war besetzt von den Römern. Im Unterschied zu uns heute, die wir einen Abstand zu diesem biblischen Text haben, dürfte es damals keinen einzigen Hörer gegeben haben, der diese Anspielung bzw. Aussage nicht verstanden hätte: Legion – Es wird das benannt, was den Menschen so unfrei und abhängig machte. Es sind keine umherschwirrenden bösen Geister von einem imaginären Teufel, sondern die Abhängigkeit  hat einen realen konkreten Hintergrund im Erleben dieses Menschen. Die römische Besatzung zog damals Gewalt, Ausbeutung und vieles mehr nach sich. Diese Erfahrungen besetzten offenbar Denken und Fühlen dieses Menschen. Und wieder denke ich an die Bewohner des Hauses in der Eiler Straße. Wie unterschiedlich ihre Lebensgeschichten auch sein mögen und die Ursachen ihrer Problemlage. Erfahrene Gewalt und Ausbeutung in früherer Zeit war da oft im Spiel bei der Auflösung des Selbst in Sucht und Alkohol, in Flucht und Straßenleben. Oder aber die Verführung der Geister unserer Zeit zu der Illusion des großen schnellen Glücks – wir sind heute vom Besitz besessen. Wir leben nicht im Sein, sondern vom Haben, würde man das mit Erich Fromm wohl benennen. Eine ganze Gesellschaft ist krank – süchtig und abhängig von dieser Lebensmaxime des „Haben Wollens“. Vielleicht würde es aus dem Munde eines heutigen Besessenen auf Jesu Frage hin: Wer bist Du? Nicht heißen: Legion, denn wir sind viele. Vielleicht würde ein Kaufsüchtiger, wie es ihn in unserer Wohngemeinschaft auch schon gab, eher irgendeinen Markennamen oder auch mehrere Markennamen nennen und wir würden ebenso hören: „denn wir sind viele“. Dieses „Denn wir sind viele“ klingt seltsam im Text. Es drückt die Übermacht aus. Die Entfremdung von sich selbst – die Fremdbestimmung durch starke andere Kräfte.

Der Mensch in der Geschichte erlebt durch Jesu Zuwendung, durch seine Frage nach seinem eigenen Ich: „Wer bist Du?“ nun etwas ganz Besonderes. Seine Identität der Fremdbestimmung löst sich allmählich auf. Das wird grammatikalisch deutlich in der Formulierung: „Legion, denn wir sind viele.“ Jesus hat den Menschen gefragt. Es antwortet ihm aber jemand, der viele ist. Dieser vermeintliche grammatikalische Unsinn ist in der Bibel beabsichtigt. In der Bibel steht nichts unabsichtlich:  In dem Moment, wo die Sache, die ihn ge­fan­genhält, beim Namen genannt wird, erlebt der Betroffene Befreiung und ent-deckt sein eigenes Ich, stößt zu seinem eigenen Ich vor, legt es frei von den ganzen vielen Schichten seiner Fremdbestimmung. Der Mensch erlebt auf diese Weise schließlich, wie er zu sich selbst findet. Das Besessensein wird zur Vergangenheit. Er beginnt zu leben. Wir erfahren ja, wie er anfangs war und wie er hinterher, nach der Begegnung mit Jesus, wurde: Was für eine Wandlung am Schluß!:  Da ist ein Mensch, der nicht mehr länger Opfer sein will. Ein Mensch, der womöglich sogar entdeckt hat, dass er sich in seinen Kränkungen und Krankheiten versteckt hat. Ein Mensch, der aus der Reserve kommt. Ein Mensch, der etwas zu sagen hat. Er geht und erzählt von seiner Geschichte, erzählt von Jesus, erzählt wie seine Liebe, seine rechten Worte ihn befreit haben. Er findet nun selbst Worte und nimmt sein Leben in die Hand. Er läßt sich nicht mehr beeindrucken von Fremdbestimmungen oder der Übermacht Anderer. Er läßt sich nicht mehr von seiner Angst fesseln oder über den Mund fahren. Er braucht das nicht mehr. Aber er weiß, er braucht Gemeinschaft und geht heraus aus seiner Einsamkeit. Vom Tod geht er ins Leben. Er verlässt die Grabhöhlen und geht zurück zu den Häusern der übrigen Menschen.

Dieser Weg zurück zu den Häusern, zum Behaustsein in normaler Geborgenheit führt aber eben nur über den Weg der Benennung dessen, was unfrei macht und die Bereitschaft zur Veränderung.

Ich muss wieder an unsere Bewohner. Der Dreh- und Angelpunkt aller Suchtkrankheiten ist, dass ich erkenne, dass ich süchtig bin und dazu stehe. Solang ich es verleugne und mir und anderen etwas vormache, ist keine Heilung, keine Distanzierung vom Saufdrang, von allem, was mich unfrei macht, möglich. Ich muss in den Spiegel schauen. Wir haben eine Regel im Haus, die wichtig ist, in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Drogen- und Alkoholkonsum ist absolut verboten. Sollte einer allerdings einmal einen Rückfall haben, wird er nicht aus dem Haus verwiesen, solang er sich selbst einem Entzug bzw. einer Therapie unterzieht. Auch hier ist also die Voraussetzung die Selbsteinsicht – die eigene Bereitschaft. Das Ich kann nicht befreit werden, wenn das Ich nicht Ich sagt.

Jesus hat dem Betroffenen geholfen, sein Ich zu entdecken. Liebe Schwestern und Brüder, man könnte fast sagen: Von einem vegetierenden Tier wird der Betroffene in der Geschichte  zu einem Menschen, der nun aufrecht geht. Und ich denke, das ist der Grund, weshalb die Schwei­ne hier in der Geschichte eine Rolle spielen. Sie sind nur ein Bild dafür, wie dieser Mensch sich von all dem Unmenschlichen und Menschen Unwürdigen, was ihn gefangenhält, endgültig trennt. Denn das, was vorher mit ihm passiert war, war ja eine Schweinerei. Und auch hier wieder hörten die Menschen im Blick auf die Schweine von damals mit, was in der Geschichte hier angedeutet werden sollte. Das „Schwein“ zierte nämlich das Wappen der römischen Legion, die damals dort in dieser Gegend untergebracht war. Das steht nicht im Text, weiß man aber durch archäologische Funde. Und so ergibt die Sache mit der Schweinerei einen Sinn.

Es gibt in der Tat unheilvolle Zustände wie damals, die uns auch heute auf die Dauer krank machen können. Ich überlasse es Eurer eigenen Fantasie, was heute alles dazu gehört. Fakt ist: Im Unheilvollen erfährt der Betroffene Heil von Jesus, Heil von Gott – eine menschliche Zukunft. Das alles wäre nicht passiert ohne die menschliche Begegnung mit Jesus, ohne Jesu Worte, ohne Jesu provozierende Frage. Ohne seien Frage nach dem Ich des Betroffenen. Und so höre ich Jesu Frage auch heute noch an uns gerichtet: Was ist dein Name? „Wer bist Du?“ „Wer willst Du eigentlich sein?“ Es ist eine Frage, die mir hilft – eine Frage, die mich zur Besinnung bringt, eine Frage, die mir hilft, gesund zu werden, Abschied zu nehmen von der Vergangenheit. Es ist eine Frage, die mich sucht, den Menschen in mir. Vor allem ist es eine Frage, die mir Mut macht: „Ich“ zu sagen, frei zu werden, statt in einer wie auch immer gearteten Besessenheit zu verharren.

Der Betroffene in der Geschichte ent-deckt sein menschliches Antlitz und legt das tierische sozusagen ab, in die Schweine – da, wo es hin gehört. Das Tierische verliert seine Macht. Die Schweineherde stürzt ins Meer, hören wir in der Geschichte. Das ist freilich nur ein Bild. Befreiung geht nicht ohne den Untergang oder das Ende dessen, was gefangen hält oder Furcht einflößt. Und so dürfen wir auf uns heute bezogen fragen: Bedienen wir in dieser Gesellschaft lediglich weiter die tierischen Triebe oder entdecken wir langsam unser menschliches Antlitz?

Ein letzter Gedanke:  Der eben Befreite will Jesus wie ein Kind am Rockzipfel der Mutter anhängen. Aber wir hören, wie Jesus sagt: „Geh in dein Haus, Geh zu den deinen.“ Er soll also seinen eigenen Weg gehen und ein Zuhause finden, wie auch unsere Wohnungslosen ihren Weg selbst gehen und ihre eigenes Zuhause finden müssen. Die Station bei uns ist nur eine Zwischenstation. Und als Helfende dürfen wir sie nicht all zu sehr an uns binden. Nicht das muss uns leiten, auch nicht ihre Dankbarkeit, mit der wir womöglich unser Ego streicheln wollen, sondern die Förderung ihrer Eigenständigkeit ist das Ziel. Es bleibt dabei: Wir Menschen sollen frei sein. Kein Wechsel von der einen Abhängigkeit zu einer neuen. Keine erneute Flucht vor der Wirklichkeit. „Geh zu den deinen“ sagt Jesus – kein Leben mehr am Rande! Geht aufrecht in eurer Umgebung! Für manch einen ist das wie ein neues Laufen lernen. Und das ist nicht immer einfach. Deshalb hat der ehemals Besessene seine Geschichte weitererzählt und deshalb wurde sie aufgeschrieben. Eine unserer ehemaligen Mitbewohnerinnen ist heute eine engagierte Küsterin in einer katholischen Kirchengemeinde hier in Köln. Sie hatte die Fortbildung dazu mit Bravour abgeschlossen. Und eine andere hatte vor wenigen Jahren ihr Lehramtsstudium in Wuppertal begonnen unter anderem mit dem Fach Evangelische Theologie. Diese Frauen und auch manche Männer der Arche Königsforst können heute ein Loblied darüber singen, wie Gott sie aus der Tiefe geholt hat, damit sie leben. Amen

Lied: 35, 1-3 „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“