Predigt am 30.08.2020 12. Sonntag nach Trinitatis
John George Brown Die Hafenarbeiter von Noon - Oel auf Leinwand 1879. Copyright: Corcovan-Gallery of Art-USA

Predigt am 30.08.2020 12. Sonntag nach Trinitatis

Predigt über 1. Kor. 3, 9-17 (von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)

Lesung  des Predigttextes 1. Kor. 3, 9-17 (Pfarrerin Andrea Stangenberg-Wingerning)

Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bauwerk. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut weiter darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf aufbaut. Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Gott wird Menschen richten, die Gottes Tempel zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig. Ihr aber seid der Tempel. Amen

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

der für den heutigen Sonntag vorgesehene Predigtext, den meine Kollegin eben für uns alle verlesen hat, ist eine Steilvorlage für den heutigen Anlass, wo es ja um die Einführung und Entpflichtung von ehrenamtlich Mitarbeitenden in der Gemeindeleitung geht. Um die in der Gemeinde Mitarbeitenden geht es auch in dem Predigttext, also im Brief des Paulus an die Christen in Korinth.

Die Worte stammen tatsächlich aus der Feder des Paulus, also des wohl bekanntesten und eifrigsten Missionars der ersten Stunde, wenn man so will. Im Jahr 54 nach Christi Geburt ist dieser echte Paulusbrief entstanden. Das kann man ziemlich genau datieren. An einer Stelle in diesem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth bezeichnet sich Paulus als „Vater“ der Gemeinde. Damit will er nicht unbedingt sagen, dass er die Gemeinde gegründet hätte. Denn wahrscheinlich existierte die Gemeinde schon, bevor er selbst das erste mal nach Korinth kam und dann 18 Monate dort geblieben war. Denn bereits im Jahr 44 nach Christus, etwa vier Jahre bevor Paulus dort hingelangte, hatten sich vor ihm bereits einige Christen als Flüchtlinge in Korinth angesiedelt.

Wieso als Flüchtlige werden sich viele fragen? Ja, schon damals wurden Menschen wegen ihrer Rasse oder Religion verfolgt. In diesem Fall hatte der Kaiser Claudius in Rom ein Edikt erlassen, das die neue jüdische Sekte – gemeint waren die Christen -, aus Rom ausweisen, also vertreiben ließ.

Die Flüchtligsgemeinde hat sich insbesondere durch die Aktvitäten des Apostel Paulus bald stark vergrößert. Vor allem viele arme Hafenarbeiter und andere an den gesellschaftlichen Rand gedrängte, Hoffnung suchende Menschen hatten sich ihr angeschlossen. Die Gemeinde verkörperte ein alternatives Glaubens- und Lebensmodell zu dem, was sie tagtäglich erfahren hatten: Willkür, Ausbeutung, Unfrieden, Gewalt und das Recht des Stärkeren.

Und wenn sich Paulus dann schließlich als „Vater“ dieser Gemeinde bezeichnet hat, so war das nicht im Sinne von Gründervater gemeint oder gar eines Herrschaftsanspruches wie der des heutigen „Heiligen Vaters in Rom“, sondern im Sinne von Zuwendung. Er hatte sich dieser Gemeinde und den dortigen Menschen besonders zugewendet. Das wollte er damit sagen.

Und deshalb hat es ihn um so mehr erschüttert und ihm große Sorge bereitet, als er von Streitigkeiten in der Gemeinde hörte. Da war Zoff. Da gab es Parteiungen. Die einen sympathisierten mit dem, die anderen mit dem. Kurz gesagt: es regierte nicht die Liebe zu Gott, sondern menschliche Eitelkeit und Eigeninteressen.

In diese Situation hinein schreibt Paulus seine Worte. Er will die Gemeinde orientieren und ihren Mitgliedern ans Herz legen, worauf es wirklich ankommt. Soviel zur Ausgangssituation.

Nun zum ersten Textabschnitt. Paulus schreibt: „Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bauwerk.“

Wir sind „Gottes Mitarbeiter“ schreibt Paulus. Er weiß, er ist nicht der einzige Mitarbeiter Gottes. Er ist sich also bewusst, dass außer ihm noch andere auf dem Acker Gottes arbeiten oder am Bauwerk Gottes, wie er es mit seinen Worten ausdrückt.

Der Acker Gottes oder das Bauwerk Gottes meint beides dasselbe: Es ist die Kirche, ja im Konkreten die Gemeinde vor Ort, an der ständig zu arbeiten und zu bauen ist.

Und hier spricht Paulus in einer Sprache, die die Menschen von damals verstanden haben.

Ich sagte bereits, dass die Gemeinde in Korinth zum großen Teil aus den eher einfachen und ärmeren Bevölkerungsschichten stammte. „Arbeit“ war für sie ein fest stehender Begriff für Handarbeit oder Hafenarbeit, jedenfalls etwas, mit dem sie vor allem körperliches Abmühen verbanden.

Die Vorstellung, dass man als Handwerker gemeinsam mit Gott arbeiten würde passte nicht unbedingt in die Vorstellungswelt griechischer Philosophie und Lebensweise. Handwerker und die übrige arbeitende Bevölkerung war damals eher verachtet. Aber Paulus, der selbst Handwerker war, konnte in diesem Bild zu Menschen seinesgleichen sprechen, die sich damit ernst genommen und wertgeschätzt fühlten und verstanden, was er meinte. Damit das ansatzweise verstanden wird, müsste man eigentlich übersetzen: „Wir malochen an Gottes Seite“ oder „wir malochen für Gott“, wie man im Ruhrgebiet sagen würde oder: ” Wir sind am Malochen für Gott am dran sein” (Gelächter). “Malochen” – Das wäre sogar die Muttersprache von Paulus, denn eigentlich war Paulus Jude und sprach hebräisch bzw. aramäisch. „Malochen“ leitet sich nämlich von seiner Sprache bzw. aus dem Jiddischen ab. Polnische Bergarbeiter, die ins Ruhrgebiet zogen nahmen dieses Wort der polnischen Juden in ihre Alltagssprache auf. Unter „malochen“ verstanden sie und versteht man auch heute noch harte oder schwere Arbeit, vor allem körperlich schwere Arbeit.

Manchmal sind es einzelne Worte, die einen Bibeltext erst im richtigen Licht erscheinen lassen, so wie dieses Verständnis von Arbeiten, was da im griechischen Text des Briefes aufgenommen wurde.

Arbeiten an der Gemeinde war für Paulus also nicht etwa ein Privileg der Geistlichen oder nur ein Privileg der Geistlichen und der bürgerlichen Elite, sondern ein gemeinsames Sich Abmühen all derer, die ihre Aufgabe wahrnahmen und sich an der Seite Gottes irgendwie mit ihrer Arbeitskraft, ihren Fähigkeiten und Talenten einbrachten und eben auch im wahrsten Sinne des Wortes mit Hand anlegten, beispielsweise, das Geschirr wegräumten nach einer Gemeindeversammlung, ein Sitzkissen nähten für die Zusammenkünfte oder wenn es das gegeben hätte, Mundschutzmasken zum Schutz vor Corona genäht und an die übrige arme Bevölkerung verteilt hätten.

An anderer Stelle spricht Paulus auch davon, dass wir wie Körperteile eines gemeinsamen Körpers sind. Der Körper ist Christus und wir alle sind gleichertige Teile davon, jeder mit seinen Fähigkeiten, seinem Talent und seiner Aufgabe, um sich einzubringen. Das Auge ist genauso wichtig wie das Ohr oder die Hand oder der Fuß sagt er. Es gibt keinen der über dem Anderen stünde oder mehr wert wäre.

Es ist darum auch ein völliger Unsinn, wenn man sagen würde: die Presbyter und Presbyterinnen sind mit den Pfarrern und Pfarrerinnen die Plane rund Theoretiker und die übrige Gemeinde ist das Fußvolk. Wer das so sieht, hat weder verstanden wie das Selbstverständnis von Paulus und den ersten christlichen Gemeinden war noch wie wir als Evangelische genau diese Tradition des „gemeinsamen Malochens aller mit Gott“ beerbt haben. Wir verstehen uns alle seit der Reformation als mündige, gleichberechtigte und gleichwertige Christen. Unserer Aufgabe ist es wie in den Urgemeinden, uns gegenseitig in unserer Arbeit nicht zu boykottieren oder irgendwas zu neiden, sondern einander zu unterstützen. Und wo das nicht geschieht, darf man das auch gerne erinnern, in beide Richtungen, in Richtung Presbyter oder auch in Richtung übrige Gemeindemitglieder. Gebraucht wird gegenseitge Solidarität und Achtsamkeit.

Paulus will mit seinen Worten davon überzeugen, dass in einer christlichen Gemeinde nicht die Eitelkeiten und persönlichen Interessen im Vordergrund stehen dürfen wie in der damaligen und heutigen Gesellschaft, die sich in Geltungssucht und Profitgier nicht viel nachstanden, sondern alle Arbeit zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschen geschieht. Eben ein anderes Modell, als wie es ansonsten in der Gesellschaft vorherrschend sein mag.

Und das versucht er nun an seinem eigenen Bespiel zu konkretisieren. Er schreibt: „Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut weiter darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf aufbaut.“ Auf gut deutsch: Er hat sich eingebracht mit seinen Fähigkeiten und Talenten und andere werden sich wiederum auf ihre Weise mit ihren Fähigkeiten und Talenten einbringen und zum Gelingen des Ganzen beitragen.

Und dann sagt Paulus etwas ganz Entscheidendes: „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Mit anderen Worten: in einer Gemeinde kann es nicht um Cliquen oder Sympathiegruppen gehen oder besondere Bauleistungen Einzelner, sondern nur darum, dass dieses gemeinsame Fundament zur Geltung kommt, seine Leuchtkraft entfaltet, Menschen ergreift und berührt. Es geht also darum, dass der Geist Christi wirkt und herrscht und erfahrbar wird und nicht andere Dinge in den Vordergrund treten.

Eine Gemeinde ist ein offener Bau, in dem jeder seinen Platz hat und wenn er ihn nicht schon hat, dann doch aber recht bald findet. Alle Malocher müssen da einander gelten lassen und sich sebst auch immer wieder disziplinieren und an dem orientieren, was Christus vorgelebt hat.

Dieses „Einander Gelten“ lassen und positiv gesprochen sogar „Aneinander freuen“ wünsche ich mir mehr in unserer Gemeinde. Da fehlt gerade im bürgerlichen Rath-Heumar manchmal ein Bewusstsein für solche „Wir-Identität“. Seit 18 Jahren mühe ich mich ähnlich wie Paulus ab, um diesen Virus mit Namen „ich ich ich“, der mitunter schlimmer sein kann als der Corona-Virus aus dieser Gemeinde rauszukriegen. Aber ich bin doch immer noch am Anfang.

Ich gebe nur ein Beispiel: „Ach, die oder den habe ich ja nie im Gottesdienst gesehen“ sagen anklagend manche Gemeindemitglieder. Aber genau diese Leute, die man nie oder selten sah, haben uns in der Corona-Zeit unterstützt, indem sie ihre Hilfe beim Einkaufsdienst angeboten haben oder ihre Talente als Mediengestaltende und Filmemachende eingebracht haben für die Erstellung von Videos, etwa den Ostergottesdienst, von dem die Gemeinde dann zuhause profitieren konnte. Oder das Gerede im Blick auf manche neue Presbyter oder Presbyterinnen. Jedes mal bei oder nach einer neuen Wahl muss ich mir anhören: „Ach, den habe ich ja noch nie gesehen“. Nur weil einer nicht ständig hier in bestimmten Kreisen rumspringt oder nicht ständig im Gottesdienst aufgetaucht ist, sagt das etwas über seine oder ihre Qualitäten als Presbyter oder Presbyterin aus.

Und ja, es ist menschlich, wenn es uns passiert, dass wir uns im Streit mal verletzen. Aber dann ist es auch wichtig und erfordert die christliche Selbstdisziplin, die Orientierung am Fundament, das Christus gelegt hat, dass wir da über den Schatten springen und uns aussöhnen. Ds mache ich auch mit meiner Kollegin. wir fetzen uns oft. Aber dann ist auch immer wieder Versöhnung und wir schalten um im Programm. Wenn wir uns daran ncht üben würden, wäre der Name unserer Kirche, in der wir gerade sind, nur Makulatur (unsere Kirche heißt ja Versöhnungskirche).

Es ist in der Tat ein Abmühen für Gott und ein Abmühen miteinander und aneinander.

Und wozu? Wozu soll das führen?

Das beschreibt Paulus im Folgenden: „Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.“

Feuer sieht Paulus hier als Symbol für Gottes reinigende Kraft. Deutlich sagt Paulus hier einerseits, dass wir selbst nicht umkommen, nur weil uns etwas mit dem Bau an der Kirche bzw. Gemeinde nicht geglückt wäre oder wir Fehler gemacht hätten oder uns zu wenig bemüht hätten. Wir müssen also nicht angstbesetzt oder ständig mit einem schlechten Gewissen rumlaufen. Da ist Gott viel gnädiger als wir selbst im Umgang mit uns selbst. Unsere Glückseligkeit erlangen wir nicht durch eigenes Tun noch so vieler toller Werke. Aber Paulus sagt sehr wohl, dass am Ende Gott selbst darüber entscheidet, ob die Arbeit und das Mühen für die Kirche und Gemeinde hilfreich waren und Frucht getragen haben oder ob eben doch nur Eitelkeiten und eigene Machtinteressen oder was auch immer im Vordergrund bzw. im Wege standen.

Da sieht Paulus Gottes Geist wie ein reinigendes Feuer, das nicht erst am Ende aller Zeiten, sondern durchaus auch zuvor immer wieder mit reinigender Kraft durch die Kirche wehen und Menschen wachrütteln kann, um sie zu einem guten Ziel zu führen.

Wir bleiben in der Verantwortung für unser Leben und für, das, was wir Kirche nennen. Wir bleiben in der Verantwortung dafür, dass Christus unter uns sichtbar und hörbar wird. Paulus nimmi uns diese Verantwortung nicht ab, aber zugleich verweist er uns darauf, dem Heiligen Geist, also Gott selbst, auf unserem Weg zu vertrauen. Er schreibt: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Gott wird Menschen richten, die Gottes Tempel zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig. Ihr aber seid der Tempel.“

„Temple“ – „Tempel“ so nennen auch die französischen Protestanten ihre Kirchen und zwar im Bewusstsein dieser Worte des Paulus. Tempel Gottes, das ist die Kirche, das sind letzten Endes wir alle. Wir stehen uns dabei manchmal selbst im Weg, aber zugleich wohnt der Geist Gottes in uns und sind wir selbst also diejenigen, die von Gott alles empfangen können, um diesen Tempel zu seinem Ziel zu führen, nämlich dass Christus hörbar, sichtbar und erfahrbar wird für die Menschen. Dazu unterstützt bitte unsere Presbyter und Presbyterinnen wie auch sie euch unterstützen und Hörende sein sollen. Freut euch alle aneinander, dass wir uns alle haben, gerade jetzt in diesen ungewöhnlichen und schweren Zeiten. Was wirklich die Gemeinde leitet, sind nicht Menschen, sondern der Geist Gottes. Das ist letztlichd ei Botschaft des Paulus. Amen!