Predigt zum Sonntag Reminiszere 01.03.2021

Predigt zum Sonntag Reminiszere 01.03.2021

Predigt über Jesaja 5,1-7 – Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.
Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.
Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Amen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus.

“Erinnere dich!” Ich kenne Situationen voller Verzweiflung und Vergessen: Wie war nochmal die Telefon- oder Kontonummer, welches das Passwort für den Computer? Wo habe ich das Auto abgestellt und wie heißt der Nachbar nochmal mit Vornamen? Und wie ging gleich noch das Rezept…… Es ist nicht schön, etwas zu vergessen, und bedrückend, wenn das Vergessen schleichend zum Alltag gehört oder man dies bedingt durch eine Krankheit annehmen muss.
Wir wollen uns erinnern! Meist aber nur an das Schöne oder Nutzbringende. Viele unschöne Dinge in unserem Leben blenden wir aus, legen einen Schleier des Vergessens darauf.
Aber es ist auch nicht richtig, zu vergessen, im Sinne von: Nicht gut hinschauen, “beide Augen zuzudrücken”.
Der Sonntag “Reminiszere”, d.h. “Gedenke!” handelt vom Erinnern, erinnert Werden und sich erinnern lassen. Inmitten der Erfahrungen von Leid und Schuld erinnert das Evangelium des Sonntags an die Liebe Gottes, der nicht will, dass die Menschen verloren gehen.

Obwohl… der resignierte Grundton des Liedes zieht uns in seinen Bann. Wer sich in die Wirkungszeit des Propheten Jesaja zurückversetzt, der fühlt sich sogleich versetzt in einen sonnigen Markttag zur Erntezeit in Jerusalem, geschäftiges Treiben überall, zwischen den Verkaufsständen geben Geschichtenerzähler und Bänkelsänger ihre Geschichten und Lieder zum Besten. Als Jesaja anhebt, da erwarten alle Zuhörenden ein Liebeslied, denn wer im Orient von der Pflege eines Weinbergs singt, bei dem geht es um die Freude an seiner schönen Geliebten.
Aber bei Jesaja kippt die Stimmung schnell: Aus einem Liebeslied wird ein Schwanengesang. Trotz Sorgfalt und Liebe trägt der Weinberg nicht. Er scheint die Mühe nicht einmal wert zu sein.
Aus Liebeslied wird Liebesleid. Wer zuhört, wird aufgefordert, mit über den Weinberg zu richten.
Der Besitzer des Weinbergs ist – wir werden angeleitet zu sagen: Zu recht – sehr ungehalten. Er möchte das unfruchtbare Gewächs dem Erdboden gleich machen. Einreißen, zertreten, brach liegen lassen. Sogar die Wolken sollen auf diesen Acker nie mehr regnen. Solch eine Wut!
Das Überraschungs-Moment bei Jesaja: Er spricht nicht von einem Menschen – der Weinbergbesitzer ist Gott selbst.
Und dieser Gott singt nun zornig ein Klagelied über die Menschen, die er gehegt und gepflegt hat, wie ein Winzer seinen Weinstock. Die Worte des Propheten, komponiert wie ein orientalisches Liebeslied, zeigen eine Beziehungskrise zwischen Gott und Mensch. Gott ist wütend, weil sein Volk – im übertragenen Sinn – keine guten Früchte bringt. Das macht traurig, und auch ein wenig trotzig. Gott gibt auf? Vergebene Liebesmüh?
Nicht nur im Weinberg kann man vergebliche Liebesmüh erleben. Da hat man sich bemüht und Zeit und Kraft in eine Freundschaft oder in eine Beziehung gesteckt und plötzlich scheint alles umsonst, weil andere Kräfte viel stärker sind. Das kann eine andere Liebe sein, die alles durcheinanderwirbelt, oder eine Alkoholabhängigkeit, die einen Menschen vollkommen verändert. Manchmal gehen Freundschaften aber auch schlicht an Besserwisserei oder Bequemlichkeit zu Grunde. Jedenfalls ist es sehr enttäuschend, wenn man merkt: Man hat so viel eingebracht und von sich selbst gezeigt und am Ende kommt nichts zurück. Ich kenne Menschen die nach solch einer Erfahrung äußerst zurückhaltend bei jeder neuen Freundschaft geworden sind. Andere haben sich ein Leben lang auf keine weitere Beziehung mehr eingelassen aus Angst wieder enttäuscht zu werden.
Der Weinberg hat es nicht besser verdient. Vielleicht haben Menschen es nicht besser verdient.
Gott hat ihnen alles Gute getan. Er hat sie gehegt und gepflegt, er hat sich um sie gekümmert, für sie gesorgt. Sie aber kümmern sich nicht um ihn, nehmen ihr Wohlergehen und ihren Wohlstand als selbstverständlich hin. An Witwen und Weisen denken sie nicht, Fremdlinge nehmen sie nicht auf, jeder ist sich selbst der Nächste. Das Weinberglied macht den Israeliten aus der Distanz klar, was für Leute sie sind. Aus der Distanz heraus müssen sie selbst ihr Unrecht erkennen und sich selbst das Urteil sprechen.
Und wir Menschen heute?
Manches fällt auf uns zurück. Manche Folgen unseres Tuns werden wir tragen müssen. Klimawandel, Viren, politische Gewalt und Ignoranz u.a.m. Und im persönlichen Leben? Manches ist schon auf mich zurückgefallen. Manche Lieblosigkeit holt mich ein, manchmal nach langer Zeit. Mancher Schmerz, den ich einem anderen, geliebten Menschen zugefügt habe, taucht wieder auf. Manche Lüge hatte kurze Beine. Was also wird nun geschehen?
Jesaja malt ein Bild der völligen Zerstörung, der Entschluss Gottes steht fest. Kein Ruf zur Umkehr, kein Rest, der bestehen bleibt. Das Urteil ist gesprochen. Israel selbst kann es nachvollziehen, es ist einleuchtend, dass Gott von seinem Volk nun seinerseits nichts mehr wissen will. Übrig bleibt ein enttäuschter Gott, der seine Hoffnungen auf ein Volk, das sich ihm zuwendet und seinen Geboten folgt, aufgegeben hat. Noch einmal betont Jesaja, dass Gott sein Volk geliebt hat: Das Haus Israel und das Haus Juda war ihm eine Pflanzung, an der er seine Lust gehabt hat, an der sein Herz hing. Er hoffte auf Rechtsspruch und siehe, da war Rechtsbruch. Er hoffte auf Gerechtigkeit und siehe, da war Schlechtigkeit. Gott hat resigniert.
Im Anschluss an diesem Gerichtswort folgen Weherufe. Gottes Enttäuschung ist groß.
Aber: Dieser Sonntag heißt „Reminiszere“ oder auch „Gedenke, erinnere Dich.“ Dieser Name leitet sich von Psalm 25,7 ab: „Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!“
Als Jesaja dieses Lied singt, leben die Israeliten in Friedenszeiten. Der syrisch-ephraemitischen Krieg war noch nicht ausgebrochen. Der Prophet Jesaja sah für ein Heilswort keinerlei Anlass. Im Gegenteil, die Zeit gebietet, den Israeliten ihre Ungerechtigkeiten und Rechtsbrüche vorzuwerfen und sie zur Verantwortung zu ziehen. Er will sie zur Vernunft bringen, sie sollen Recht und Gerechtigkeit walten lassen, Nächstenliebe üben und Gott die Ehre geben. Ein Heilswort in Zeiten zu sprechen, in denen Menschen sich selbst genügen und selbstgerecht sind, wäre fatal. Das hätte sie nur ermutigt, mit ihrem Lebensstil fort zu fahren. Ein Gerichtswort hat nicht das Ziel zu vernichten, selbst wenn Jesaja ein Bild der totalen Vernichtung des Weinbergs entwirft. Sein Gerichtswort hat zum Ziel, dass Menschen umkehren und sich auf einen neuen, gerechten Weg begeben. Ein Gerichtswort kann ein Heilswort sein,

Es ist ein Aufruf zur Umkehr, eine Bitte um Vergebung. Ein verändertes Leben scheint möglich, an jedem Tag können wir damit anfangen, ja sogar jeden Moment. Fast 700 Jahre später erzählt ein Prophet wieder von Weinbergen und Arbeitern im Weinberg. Von Weingärtnern und vom Weinstock, an dem die Reben hängen. Und er spricht von Gottes Barmherzigkeit, vom Vater mit seinen beiden Söhnen, von Gottes Großzügigkeit. Dieser Prophet heißt Jesus, sein Lebens- und Leidensweg lassen uns den Weg von Buße und Vergebung während der Passionszeit mitgehen, jedes Jahr wieder neu. Er trägt, was wir nicht tragen können. Versöhnt mit dem, was ist. Schenkt Frieden, den wir nicht schenken können. Er, den wir in diesen Wochen nach Jerusalem begleiten, bis ans Kreuz und durch das Grab und den Tod hindurch. Weil er es gewagt hat, für Barmherzigkeit zu leben und zu sterben, gibt es einen Neubeginn für mich, für uns. Immer wieder. Das Leben setzt sich durch. Am Weinberg können noch gute Trauben wachsen.
Und noch ein Gedanke ist mir wichtig: Wenn die Not groß ist, dann hilft es, sich selbst – und Gott – daran zu erinnern: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit! Martin Luther hat den gnädigen Gott wiederentdeckt, aus der Hülle des strengen und gerechten Gottes seine Liebe herausgeholt. Indem er mit dem zürnenden und strafenden Gott gerungen hat, fand Luther den gnädigen Gott, an den man sich mit allen Problemen seines Lebens wenden kann, der verlässlich zuhört und mich dann weiterbringt, wenn ich es scheinbar nicht schaffe. Gott lässt sich erinnern – an seine Gnade und Barmherzigkeit in Jesus Christus. AMEN

Amen.
Und der Friede Gottes, der größer ist als all unser Denken und begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. AMEN