Predigt-Einblicke zum Gründonnerstag 2020 von Pfarrerin Andrea Stangenberg-Wingerning
Grafik: Pfeffer (c)gemeindebrief.de

Predigt-Einblicke zum Gründonnerstag 2020 von Pfarrerin Andrea Stangenberg-Wingerning

Predigt-Einblicke zum Gründonnerstag 2020

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. AMEN

Liebe Christenmenschen,

es ist Gründonnerstag – und keiner geht hin!?! Vom „Besuch“ des Abendmahls.

Gründonnerstag – der Tag vor Karfreitag. Christen erinnern sich daran, wie Jesus eine letzte Mahlzeit mit seinen Jüngern eingenommen hat. Der Name Gründonnerstag ist nicht biblisch. Was das „grün“ darin bedeutet, ist mehrdeutig erklärbar. Es kann mit der Farbe zu tun haben – alte Bräuche für diesen Tag kennen grünes Essen mit Wurzelgemüse. Vom althochdeutschen „Greinen“ abgeleitet, was ungefähr dasselbe bedeutet wie „Weinen“, macht der Name mehr Sinn. Büßende Menschen, also Menschen, die ihre schlechten Taten und Gedanken bedauerten und beweinten, wurden am Gründonnerstag wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufgenommen.
Biblisch ist die Geschichte, die immer wieder im Mittelpunkt der Gründonnerstag-Feiern steht: Die Einsetzung des Abendmahls als Zeichen von Vergebung, Hoffnung, Gemeinschaft und Erinnerung. Jesus stiftet vor seinem Tod eine Gemeinschaft, die unvergänglich ist, und Christen bis heute miteinander und mit ihm verbindet.

In den Jahren 1495-1498 schuf der italienische Maler Leonardo da Vinci im Auftrag des Herzogs Ludovico Storza eines der berühmtesten Wandgemälde der Welt, welches im Refektorium der Kirche Santa Maria delle Grazie in Mailand zu sehen ist.

Jesus tafelt mit den zwölf Jüngern. Und die Szene soll genau die Situation schildern, als er seinen Jüngern offenbarte: „Einer von euch wird mich verraten.“ (Mt 26,21)
Da Vinci selbst hat in einer Notiz die Situation beschrieben und warum er welchem Jünger seinen Platz, seine Haltung oder Bewegung am Tisch ihres Herrn gibt.
Alle Jünger sind ihm und sich sehr nahe, ob sie nun miteinander sprechen, sich etwas ins Ohr sagen, das Brot schneiden, einen Becher umwerfen, sich auf den Tisch stützen oder hintereinander stehen.
So nahe stehen oder sitzen Christinnen und Christen am Gründonnerstag 2020 wohl kaum zusammen.

Ein neu geschaffenes „Letztes Abendmahl“ zeigt die Szene, wie sie wohl aussähe ohne jede wirkliche, persönliche Nähe zu Jesus. Der Tisch ist gedeckt, aber Jesus schaut nun etwas traurig auf die leeren Plätze.

Das erinnert mich an folgende biblische Geschichte aus Lukas 14:

16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist schon bereit! 18 Da fingen sie alle an, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19 Und ein andrer sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20 Wieder ein andrer sprach: Ich habe eine Frau geheiratet; darum kann ich nicht kommen. 21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen herein. 22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. 24 Denn ich sage euch: Keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken.

Wer in dieser Geschichte etwas zuhause ist, der/ die weiß, dass sich hinter dem Gleichnis – Menschen entschuldigen sich unter fadenscheinigen Gründen und nehmen eine Einladung nicht an – etwas Tieferes verbirgt. Eine Bedrohung – fast ein Fluch – wird gegenüber denjenigen ausgesprochen, die sich von Jesus nicht zum himmlischen Festmahl einladen lassen. Wir sollen unseren Glauben, durch Jesus Christus am Tisch des HERRN eingeladen zu sein, offen bekennen und so wahrlich Ostern feiern als Erlöste und Befreite. Denn nur so wird uns der Platz bei Gott gewiss sein. Zugleich wird uns aber auch hoffnungsvoll zugesagt: Bei Gott ist immer noch und immer wieder ein Platz frei, auch für die „von den Hecken und Zäunen“, und immer wieder darf und kann ich mich einladen lassen.

Wie kann Gott uns denn heute, angesichts der aktuellen Weltsituation, noch zum Abendmahl einladen? Und – würden wir „hingehen“?

Der Künstler Ben Wilikens hat mit seinem „Abendmahl“, entstanden in den Jahren 1976-79 und mehrfach von ihm überarbeitet, einen ganz anderen Abendmahlstisch geschaffen: Einen völlig menschenleeren Raum in einer Art von klassizistischer Architektur mit einem Tisch der in seiner Gestaltung eher an ein Krankenhausbett erinnert, und mit geschlossenen Türen rings umher. Er habe dieses Bild einmal voller Wut und ohne Hoffnung gemalt, in einer harten Auseinandersetzung mit Aufklärung und Christentum, aber auch mit Hass auf die Zeit des Nationalsozialismus. Sind nicht alle Heilsversprechen gebrochene Versprechen? Heute mag Wilikens die Deutung seines Bildes als „Katharsis nach einer Katastrophe“.
Für mich stellt sich beim Anblick dieses Bildes umso mehr die Frage: Werden wir wieder an den Tisch des HERRN eingeladen, und lassen wir uns einladen? Voller Hoffnung?
Wie können wir – angesichts der Corona-Pandemie – Abendmahl miteinander feiern?

Ein Künstler unserer Zeit hat das Da Vinci – Gemälde als „Abendmahl zur Zeit von Corona“ mit den Jüngern im Video-Live-Chat bearbeitet:

Gemeinden kommen auf viele kreative Ideen. Sie bieten Anleitungen und Liturgien für die Feier eines „Hausabendmahls“ an, oder laden gerade heute am Gründonnerstag zu Video-Abendmahlgottesdiensten ein.
Zum Läuten der Kirchenglocken heißt es dann aus den leeren Kirchen: „Zur Vorbereitung stellen sie sich gerne eine Kerze, etwas Brot und Wein oder Saft bereit.“. Manche Theologen äußern Schwierigkeiten damit, weil man das Abendmahl ja in der Kirche durch einen Pfarrer oder eine Pfarrerin stellvertretend für Jesus selbst gereicht bekommt und wir es nicht aus uns einfach so einnehmen. Während die EKD dazu einlädt, sich für grundsätzliche theologische Fragen Zeit zu nehmen und ggfs. auf das Abendmahl in dieser Zeit zu verzichten, geht unsere rheinische Landeskirche einen anderen Weg, bietet sogar für zuhause „Notliturgien“ an, präsentiert Online-Gottesdienste und weist auf die rheinische Vielfalt der gottesdienstlichen Angebote als Videos, podcasts und Streams hin.

Bitte, machen Sie sich selbst ein Bild und probieren Sie es ruhig einmal aus. Mitzufeiern mit einer Gemeinde, die sich in diesen Zeiten nur „virtuell“ versammelt. Bilder aus der Kirche zu sehen, in der ich mich zuhause fühle und Worte zu hören, mit der ich meinem Erleben im Gottesdienst ganz nahe komme.
Menschen, die in den neuen Medien nicht so zuhause sind, kommen auf andere kreative Ideen – so verabreden sich in unserer Gemeinde Senioren zu einem bestimmten Zeit am Sonntagmorgen zu einem telefonischen Rundruf, zünden dann in ihren Wohnungen eine Kerze an und sprechen ein Gebet. Manche nehmen dann an einem Rundfunk- oder Fernsehgottesdienst teil und wissen sich so mit anderen im Glauben und Hoffen verbunden.

Ich werde einigen Seniorinnen und Senioren Ostern ein kleines selbstgebackenes „Osterbrot“ an die Haustüren bringen. Nein, das ist nicht das Abendmahl – was als „Hausabendmahl“ natürlich auch möglich gemacht werden kann. Aber eine Erinnerung daran, dass Gott uns immer wieder an seinen Tisch lädt.
Wie auch immer die gottesdienstliche Feier des Abendmahls in Gemeinschaft „nach Corona“ aussehen wird – es wird uns sicher noch vor Herausforderungen stellen. Die größte Herausforderung für uns alle wird aber sein, nicht vom Tisch des HERRN fernzubleiben.

Bleiben Sie behütet und auch mit Brot, Wein oder Saft zuhause miteinander und mit Gott verbunden, der im himmlischen Festsaal auf uns wartet. AMEN

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. AMEN

Psalmgebet (Philipperhymnus Phil, 2,5-11 nach EG 773)
Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft
in Christus Jesus entspricht:
Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich
und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode,
ja zum Tode am Kreuz.
Darum hat ihn auch Gott erhöht
und hat ihm den Namen gegeben,
der über alle Namen ist,
dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus
der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Gebet:
Gott, unser Vater, wir danken Dir für deine Nähe. Sie tut uns gut. Lass uns hören und sehen, riechen und schmecken, wie wichtig Erinnerung und Gegenwart Deiner Liebe für uns ist.
Schenke uns offene Ohren, Augen und Herzen für das Geheimnis dieses besonderen Abends. Des Abends vor Deinem Leid und Tod.
Sei uns auch nahe, damit wir zu unserer Schuld stehen können. Zu allem, was uns verletzlich und bedürftig macht.
Hilf uns, als Gemeinschaft alte und neue Erfahrungen deiner Nähe und Liebe zu machen.
Wir versammeln uns in deinem Namen, dazu lädst du immer wieder ein.
Nur so haben wir aufeinander und auf Gottes Wort Acht, nur so gehen wir gestärkt durch ein Mahl der Trauer, aber mit Zeichen der Freude in die Osterzeit. In Jesu Namen. AMEN

Ihre Pfarrerin Andrea Stangenberg-Wingerning

Quellen:
Last_Supper_by_Leonardo_da_Vinci nach P. Orlando bei https//commons.wikimedia.org
Picture alliance Mauro Ranzani dpa, Montage: Zörner
Ben Wilikens, https//2009-11 ben-wilikens-in der galerie-hans-mayer.duesseldorf
Marcel Rohlack, Twitter / spiegel online
Links:
www.evangelisch.de, Beitrag zum 08.04.2020