Predigt für den 19. September 2021
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Predigt für den 19. September 2021

Predigt gehalten von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel, gehalten in der Versöhnungskirche in Rath-Heumar und der Trinitatiskirche in Neubrück)

Titel: “Ein Gegenüber”

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen!

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Menschen, die immer wieder Klagelieder anstimmen, sind meist nicht gut gelitten, nicht sehr beliebt. Sicher gibt es das, dass manche Menschen grundsätzlich dazu neigen, auf hohem Niveau zu klagen oder über alles und jedes immer wieder nur zu klagen. Und sie verbrauchen damit große Energie, die man besser in etwas Anderes investieren könnte und sollte.

Es gibt aber auch Situationen, in denen Menschen sehr berechtigter und verständlicher Weise ein großes Klagelied anstimmen, nämlich dann, wenn ihnen der Boden unter den Füßen wegreisst, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Vor wenigen Wochen, am 14. Juli haben Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung das so erlebt, wie ihnen der Boden unter den Füßen wegriss, weil gewaltige Wassermassen alles überschwemmten – an der Ahr, im Erftkreis, in Hagen, im Bergischen Land. Und nicht wenige Menschen haben dabei auch ihr Leben verloren. Eine Naturkatastrophe und doch, so sind sich viele einig, wahrscheinlich wesentlich mit beeinflusst durch den Klimawandel, der vom Menschen herbeigeführt wird.

Auch in biblischen Zeiten gab es Menschen, die Klagelieder angestimmt haben, weil ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen war. Ja, ein ganzes Buch ist in der Bibel so benannt. Die Klagelieder oder auch Klagelieder Jeremias genannt. Etwas missverständlich, denn sie stammen nicht alle aus der Feder des Propheten Jeremias, aber sind ihm in Stil und Inhalt nahe.

Es sind Dichtungen, ja verdichtete Gebete, die die Erfahrungen widerspiegeln, die die Menschen Israels gemacht hatten, als der Tempel in Jerusalem im Jahr 587 vor Christus zerstört wurde und die Bevölkerung Israels ins babylonische Exil verschleppt worden ist, ins Zweistromland, zwischen Euphrat und Tigris, im heutigen Iran bzw. Irak gelegen.

Auch ihnen wurde der Boden förmlich unter den Füßen weggerissen, auch sie ähnlich wie die Opfer der Überschwemmungskatastrophe von heute auf morgen heimatlos, ohne ihr anvertrautes Zuhause.

Die Klage war groß, im Buch Klagelieder, ganze 5 Kapitel lang.

Gewiss wird es auch damals viele gegeben haben, die ihre Klage nicht hören wollten oder nicht mehr, ähnlich wie das die Überlebenden der Überschwemmungskatastrophe heute erleben mögen.

Und das war dann vielleicht ein Grund, noch mehr zu klagen und noch deutlicher. Die Betroffenen des Volkes Israel klagten nicht irgendwo. Sie reichten keine Klagen bei Gericht ein. Gerechtigkeit oder ein Gericht, das sich für ihre Rechte eingesetzt hätte, gab es damals noch nicht.

Und so war der Einzige, zu dem sie sich mit ihrer Klage wenden konnten, ihr, ja, unser Gott. Er hat alles abgekriegt: die Wut, den Zorn, die Verzweiflung, die Trauer, das Entsetzen und was auch alles dazu gehörte.

Aber so hören wir es in dem Buch Klagelieder immer wieder. Bei ihm waren diese Klagen auch am ehesten aufgehoben. Nicht, weil er der Schuldige gewesen wäre, wovon manche überzeugt gewesen sein mögen, ähnlich irregeleitet wie die, die auch heute Gott gerne für alles verantwortlich machen möchten, was im Leben nicht so toll läuft. Nein, bei Gott waren die Klagen nicht deshalb am ehesten gut aufgehoben, sondern weil er ein Ohr dafür hatte.

„Er hört unser Klagen“, so heißt es in den Klageliedern mitten drin immer wieder mal. Und wie elementar wichtig ist das, wo ich mit der Klage ganz allein bin und genau das das Grundproblem jedes Leids ist, nämlich dass ich darin vereinsamen kann, darin völlig untergehen kann, nicht mehr lebensfähig oder – willig. Das Schlimme von Leid und Trauer ist, dass sie uns furchtbar einsam machen können. Menschen erleben sich oft ganz allein mit der großen Last, ihr hilflos allein und ohnmächtig ausgeliefert. Und deshalb ist das Wichtigste das Aufbrechen der Isolation in den Momenten.

Gott hat nicht nur ein Auge auf uns, er hat auch ein Ohr für uns, selbst da, wo wir vielleicht subjektiv den Eindruck haben mögen, er hätte sich mit seinen Augen von uns abgewendet.

Im Verlauf der 5 Kapitel Klage in den Klageliedern, leuchtet dieses Grundvertrauen trotz aller Verzweiflung und allen Zweifels immer wieder durch bis hin zu solchen hoffnungsvollen und orientierenden Zeilen, wie sie als Predigttext für den heutigen Sonntag von der Perikopenordnung her vorgesehen sind, also der Ordnung, die die Bibeltexte festlegt, zu den zwar nicht gepredigt werden muss, aber doch sollte.

In Klagelieder 3, 22- 25 heißt es:

„Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.“ Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, der Kern- und Knackpunkt dafür, dass sich hier Klage in Hoffnung verwandelt, ist, dass von meinem einsamen Kreisen um Mein eigenes Ich auf ein Du verwiesen werde, auf ein Gegenüber.

Und wer in der Schule in Grammatik aufgepasst hat, muss über eine Stelle etwas gestolpert sein. Zunächst heißt es in der dritten Person gesprochen:  Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu.“ Kurz: Seine Güte ist alle Morgen neu. Dann heißt es aber aufeinmal in der 2. Person angesprochen, Gott also als Du angeredet: „und deine Treue ist groß.“

Das ist weder ein Verschreiber des Autoren, noch des Übersetzers. Und es ist auch nicht darin begründet, dass man hier zwei unterschiedliche Texte zusammengeführt hätte, wie manche theologische Wissenschaftler behaupten. Nein, der grammatikalische Wechsel ist vielmehr inhaltlich begründet: Dass Gottes Güte alle Morgen neu ist, kann erst wirklich dann erfahrbar werden, wo ich mich Gott in meiner Not zuwende und er sich mir in meiner Not zuwendet, wo ich also das Du, das Gegenüber Gottes suche, wo das, was viele kühn behaupten, dass Gott voller Güte und Gnade sei, ganz und gar zu meiner eigenen Erfahrung werden kann. Und dazu muss ich raus aus dem beengten Horizont meines Ichs. Dazu muss ich das Du zu mir einlassen, zum Du, zum Gegenüber aufbrechen, sonst werde ich nie etwas von der Hoffnung verspüren, wo ich nur auf mich selbst gestellt bleibe, nur auf mein eigenes Vermögen und Unvermögen schaue, nur mich selbst im Blick behalte, nur erstarrt auf mein eigenes getroffenes Ich im Leid schaue.

Natürlich geht so etwas nicht auf Knopfdruck, dass ich sage oder zu der Erkenntnis komme: „Ja, Gott , Du bist wirklich da trotz und in dem erlebten Leid. Ja, deine Treue ist groß“. Es geht vielleicht nur in Schritten einer langsamen Annäherung oder auch indem Andere mich dazu einladen, allein dadurch, dass sie meine Isolation aufheben. Im Gegenüber der Anderen begegnet mir auch das Gegenüber Gottes.

Ich denke da an ein Ehepaar, das ich bereits in einer Predigt kurz nach der Überschwemmungskatastrophe erwähnt hatte. In einem Fernsehbericht, der im Internet abgerufen werden kann, sah ich dieses Ehepaar mit Hund und Katze. Sie hatten überlebt, aber ihr ganzes Haus – alles verloren. Sie hatte es besonders schlimm getroffen, zumal sie erst ein Jahr zuvor ihren Sohn durch eine schwere Krankheit verloren haben. Man merkte ihnen an, dass sie in ihren Blick noch immer ganz auf sich selbst gerichtet haben, mit sich selbst beschäftigt waren, nach innen gekehrt – verständlich natürlich vor dem Hintergrund ihres Erlebens. Dann wurde erwähnt, dass sie ein Notfallseelsorger habe trösten wollen, als sie sagten, sie hätten alles verloren. Da sollen seine Worte gewesen sein: „Ja, aber sie haben doch noch sich selbst.“ Diesen Trost konnten und wollten sie so nicht annehmen. Denn gerade das haben sie ja als so schrecklich empfunden: nur noch sich selbst zu haben und allenfalls noch Hund und Katze.

Der Notfallseelsorger verfolgte sicher die besten Absichten mit dem, was er sagte und wer weiß, ob man diese beiden überhaupt mit irgendetwas hätte trösten können, aber es kam nicht an und war eben auch die falsche Botschaft. Denn diese Botschaft hat ja nicht die Isolation des Selbst, diesen narzistischen Blicks auf sich selbst, auf das eigene Ich aufgebrochen. Andere Botschaften wären da vielleicht tröstlicher gewesen, die nicht auf das Bleibende ihrer Personen gewiesen hätten, sondern auf etwas Anderes Bleibende – das Bleibende von Glaube, Hoffnung, Liebe. Das wäre dann eher in eine andere Richtung gegangen, denke ich. Meine Worte wären eher gewesen: Ja, Sie haben Schlimmes erlebt. Aber mit dieser Erfahrung stehen Sie nicht allein. Es verbindet sie mit Gott. Auch er hat seinen Sohn verloren. Auch er hat daran gelitten. Und Ihre Erfahrung der Überschwemmungskatastrophe verbindet Sie mit vielen anderen Menschen, die an diesem Ort ebenso alles verloren haben, Ihr Haus, ihre Liebsten und Sie können Sie hier um sich herum sehen, wie sie ebenso vor den Trümmern stehen. Sie versuchen sich gegenseitig zu helfen oder auch anderen zu helfen, die vielleicht noch etwas am Haus retten können und das gibt auch ihnen selbst ein gutes Gefühl. Auch für Ihre Tiere da sein, wird Ihnen helfen. Das wird bleiben, dass wir füreinander da sein können, auch Sie beide füreinander und Gott für Euch.“ Das in etwa wären meine Worte gewesen. Ich weiß nicht, ob ich mehr bewegt hätte, aber ich hätte sie nicht in ihrem Isolationsgefühl bestärkt und ich hätte sie damit auf das DU verwiesen, auf ein Gegenüber, auf das Gegenüber Gottes und das der Menschen.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese drei. Die Liebe aber ist die Größte unter ihnen.“ hat der Apostel Paulus ca. 500 Jahre nach den Klageliedern an die Christen in Korinth geschrieben. Er hat sich selbst und seine Mitchristen, die durch die ersten Christenverfolgungen große Not und Verluste erlebt haben, damit auf die bleibende Treue Gottes verwiesen, ähnlich wie das in den Versen aus den Klageliedern anklingt. Da ist etwas Bleibendes: „Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende” – sie bleibt und “ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“

Für Paulus ist das besonders greifbar in Christus selbst geworden.

Diese Ausrichtung, ja, dieses Vertrauen auf Gott kann mich zu einem neuen Ich und zu einem neuen Weg in meinem Leid führen. In den Klageliedern wird das in dem bereits zitierten Vers schließlich so auf den Punkt gebracht: Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.“

Damit bleibt Gott nicht irgendwo im Himmel, sondern er wird zur Hoffnung in mir, wird förmlich ein Teil von mir. In der Verlorenheit richtet er mich auf. Aus meinem verletzten Ich macht er ein getröstetes, ein hoffendes Ich.

Und so drücken es auf Christus bezogen auch Worte eines bekannten Liedes aus Taizé aus, das wir gleich singen werden. Taizé, ein Ort in Frankreich, wo junge Menschen aus ganz Europa und der ganzen Welt im ökumenischen Geist zusammenkommen, um sich dort gemeinsam immer wieder auf die Gott her haben, auf die Hoffnung in ihm, die uns in unserem Leben tragen kann. Es lautet: Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau‘ ich und fürcht‘ mich nicht. Amen