Predigt für Sonntag, den 24.01.2021
griechischer Siegelring aus dem Altertum, copyright wikimedia

Predigt für Sonntag, den 24.01.2021

(von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel)

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

„Dein Bac. Mein Bac. Bac ist doch für uns alle da!“ Vielleicht kennt der ein oder andere das. Vielleicht ist dem ein oder anderen das im Ohr aus einer Werbung, die mal vor Jahren im Fernsehen gelaufen ist. Da ging es um ein Deodorant der gleichnamigen Marke Bac. Gezeigt wurden die Mitglieder einer Familie, wie sie sich morgens alle ins Bad drängeln und jeder ganz verzweifelt auf der Suche nach seinem Deo ist und ein Streit entbrennt, wo einer nach dem Anderen ruft: „Wo ist mein Bac? Wer hat mein Back geklaut?“ bis schließlich eine Stimme aus dem OFF zu hören ist, die die Streiterei um das Deo kommentiert und sagt: „Mein Bac, dein Bac. Bac ist doch für uns alle da.“

Nun, Deo klingt ganz ähnlich wie Deus, das aus dem Lateinischen kommt und bekanntlich Gott heißt. Dieser Streit um das eigene Deo könnte symbolisch auch fast genauso stehen wie der Streit um den eigenen Deus, den eigenen Gott. Wenn mir manche Kölner sagen: „ Herr Wenzel, mir han doch alle nur einen Herrjott, nicht wahr?“, dann sage ich manchmal scherzhaft: „Ja, und der ist evangelisch.“ Das meine ich natürlich nicht wirklich so. Ich bringe damit die Absurdität, dass wir uns vorstellen, wir könnten unseren Gott allein für uns selbst vereinnahmen, also quasi für uns reklamieren, nur noch mehr auf den Punkt.

In Analogie zum Streit ums Deodorant im Badezimmer könnte man formulieren: „Dein Gott, mein Gott. Gott ist doch für uns alle da!“

Und damit wären wir bei auch bei dem, was uns in der Geschichte von Rut begegnet, deren Beginn wir eben in der Lesung gehört haben. Für alle, die die Novelle von Rut nicht kennen und zum ersten Mal in ihrem Leben gehört haben, sei sie vielleicht noch mal kurz nacherzählt.

Das Buch Rut erzählt die Geschichte zweier Frauen: namlich von Noomi und ihrer Schwiegertochter Rut. Noomi zog einst mit ihrem Mann Elimelech und den beiden Söhnen aus Juda ins Nachbarland der Moabiter. Nach einiger Zeit starb Elimelech und die beiden Söhne heirateten. Nach zehn Jahren starben auch die Söhne, und Noomi blieb mit ihren Schwiegertöchtern allein.  Das waren Orpa und Rut.

Noomi entschloss sich, in ihr Heimatland zurückzukehren und ihre Schwiegertöchter in deren Elternhäuser zurückzuschicken, damit sie versorgt wären. Orpa ging, nachdem sie anfangs Noomi noch folgen wollte, schließlich heim, nachdem Noomi sie dazu überredet hat. Rut aber lblieb an ihrer Seite mit den Worten: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.“ Ein Bekenntnis engster Verbundenheit und Solidarität. Damit endet dieser Textabschnitt. Aber die Geschichte von Rut und ihrer Schwiegermutter Noomi geht noch weiter.

Nachdem die beiden ins Heimatland von Noomi zurückgekehrt sind, begegnete Rut beim Ährenauflesen auf dem Feld Boas, einem angesehenen Mann und Verwandten des verstorbenen Mannes der Noomi. Den Armen und Notleidenden in Israel war das Auflesen der Ähren, also des auf dem Feld von der Ernte übrig Gelassenen per Gesetz erlaubt. Boas gab ihr aber noch viel mehr und schloss sie in sein Herz. Rut wurde schließlich die Frau von Boas, fast so romantisch wie bei Cinderella oder Aschenbrödel und damit war das Überleben von Rut und auch ihrer Schwiegermutter Noomi gesichert. Eine Geschichte mit Happy end, wenn man so will. Die der Not und Armut Ausgesetzen und Leidgeprüften finden schließlich eine dauerhafte Bleibe. Boas und Rut wurden die Ahnen des berühmten Königs David. Und sowohl sie als auch David befinden sich in der Aufzählung des Stammbaums von Jesus zu Beginn des Matthäusevangeliums.

Da kommt Jesus her – von dieser Moabiterin Rut. Hier in dieser Geschichte und auch der Aufzählung in Jesu Stammbaum geht es aber nicht nur darum, dass eine Fremde Heimat gefunden hat und zur Ahnherrin von Jesus wurde, also Teil der Beziehungsgeschichte zwischen Gott und seinem Volk Israel und den übrigen Menschen wurde sondern auch und gerade um das, was sich in dem schon zitierten Vers als Botschaft der Geschichte ausdrückt. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.“

Es geht um „Mein Gott, dein Gott. Gott ist doch für uns alle da.“

„Mir han doch alle denselben Herrgott“ würde Rut wohl sagen.

Aber wie kommt Rut dazu, das so zu sagen, so zu bekennen, ja, diese tiefe Wahrheit zu entdecken über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg. Schließlich war sie ja eigentlich Moabiterin. Und ihr Gott wurde Kemosch genannt.

Durch die Heirat mit den Söhnen der fremden eingewanderten Familie erlebten die Schwiegertöchter Orpa und Rut eine besondere Verbundenheit. Tiefere Kenntnis der jeweils anderen Religion und eine tiefe Nähe waren das Resultat einer liebevollen Begegnung und dann schließlich liebenden Verbindung.

Ihre Männer und sie oder auch ihre beiden ursprünglichen Familien sind quasi aufeinander zugewachsen, ähnlich wie das auch bei uns geschieht, wenn Menschen bei uns in die Familie des jeweils Anderen einheiraten. Der Spruch aus  dem Buch Rut erfreut sich deshalb auch immer mehr und mehr großer Beliebtheit als Trauspruch:

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.“

Ich persönlich biete ihn insbesondere gerne als Trauspruch dort an, wo es bei dem Brautpaar tatsächlich auch um Zugehöriger zweier verschiedener Konfessionen, also evangelisch und katholisch oder evangelisch und orthodox z. B. geht oder auch um Zugehörige verschiedener Religionen, etwa um Christ und Moslem.

Wir sind damit mitten im Thema, wirklich bei dem, was uns dieser Spruch zum Nachdenken aufgibt. Und ich muss an ein Brautpaar denken, das ich vor wenigen Jahren getraut hatte.

Die Frau war eigentlich katholisch und stammte aus Köln-rath-Heumar. Der Mann war Moslem und stammte aus Afrika , aus der Elfenbeinküste und war hier heimisch geworden. Es war eine ungeheuer starke Liebe, die die beiden verbunden hat und bis heuet verbindet. Inzwischen haben sie auch ein Kind bekommen. Das Besondere war, dass die Frau aus der katholischen Kirche ausgetreten und der evangelischen Kirche beigetreten war. Sie war selbst ganz in der katholischen Kirche und wirklich zutiefst vom christlichen Glauben überzeugt aufgewachsen. Aber die katholische Kirche erlaubt keine kirchliche Trauung, wo der Partner einer anderen Religion zugehört, in diesem Fall dem Islam.

Es war für sie ein schwerer Schritt, denn ihre ganze Familie ist zutiefst und durchaus im positiven Sinn katholisch. Aber die Liebe zu ihrem Mann und die innerlich tiefe Überzeugung, dass wir demselben Gott angehören und niemand Gott für sich allein reklamieren kann, hatte sie zu diesem Schritt geführt. Es war eine der bewegendsten Trauungen, die ich je erlebt habe und ich glaube, dass der Geist Gottes und Christus selbst hier mehr anwesend war als bei einer der x-beliebigen Trauungen, wo es nur noch um die größte Erdbeertorte und das tollste Brautkleid geht.

Für uns bleibt die Frage: wie passt das zusammen? Der Ausschließlichkeitsanspruch mancher Religion und Gott selbst. Wird das nicht alles beliebig und austauschbar?

„Nein“ sage ich. Je tiefer wir in der Liebe zu einem Menschen fortschreiten, desto mehr schreiten wir in der Liebe zu Gott voran. Wir sind in unseren unterschiedlichen religiösen Gewändern unterwegs, aber wie und wo sich Gott offenbart, das bleit seine Freiheit. Wenn ein Kind mich fragt, warum es denn einen Gott gibt, aber verschiedene Religionen  und warum er es überhaupt zulässt, dass die sich so oft untereinander streiten. Dann sage ich ihm: „Weißt Du, das ist wie mit Dir und deinen Geschwistern. Ihr habt alle denselben Vater oder dieselbe Mutter, aber Ihr seid alle verschieden und streitet auch oft. Und trotzdem hat Eure Mutter oder Eurer Vater jeden von Euch gleich lieb. Sie können es nicht verhindern, dass Ihr euch manchmal streitet, aber sie sagen euch, dass Ihr Euch vertragen sollt, wenn Streit ist. Und so ähnlich ist das auch mit Gott und den Menschen der verschiedenen Religionen. Wir sind alle Gottes Kinder.“

Die Kinder verstehen das und ich wünschte mir, auch die Erwachsenen würden das mehr verstehen und es gäbe weniger verbohrte Christen oder Moslems oder Juden oder was auch immer.

„Dein Gott ist mein Gott“ – zu dieser würdigenden und anerkennenden Erkenntnis muss man erst mal vordringen. Und es ist sicherlich nicht leicht, wie in unsere Religionen und Gottesvorstellungen zuallererst und zuallermeist rein Menschliches hineinprojiziert wird. Oft macht man sich Gott da, wie man ihn haben möchte, nicht wie er von sich aus sein mag oder sein will.

Wie wir die eigene Religion oder Konfession und dennoch den Glauben an einen einzigen Gott miteinander in Einklang bringen und zu einem respektvollen Umgang miteinander gelangen könnten, bewegte auch den bekannten Schriftsteller und Dichter der Aufklärung: Gotthold Ephraim Lessing. Sein eigener Vater war Pfarrer. Gotthold Ephraim Lessing verfasste das berühmte Drama Nathan der Weise, in dem er sich mit genau dieser Frage auseinandersetzte. Darin eingebaut hatte er eine Gleichniserzählung, die sogenannte Ringparabel, mit der ich die heutige Predigt abschließen möchte, weil darin auf den Punkt gebracht ist, was das bedeutet: – „Mein Gott ist dein Gott“ und was dies zur Konsequenz hat in der Frage der Lebensgestaltung und des Umgangs mit den anderen Religionen.

Jennifer Hantel, eine Schülerin der Klasse 9b der Kurt-Tucholsky-Hauptschule in Neu-Brück, wo ich mal unterrichtet habe, hatte dort vor Jahren die Geschichte mit eigenen Worten folgendermaßen wiedergegeben:

„Vor langer Zeit lebte ein König im nahen Osten. Der besaß einen sehr wertvollen Ring. Er gab den Ring seinem Sohn, nämlich dem, den er am liebsten hatte. Und der wiederum sollte den Ring seinem liebsten Sohn geben…und so weiter…schließlich gab es dann einen Vater, der drei Söhne hatte und alle drei gleich stark liebte. Er machte sich Gedanken darüber und wurde sehr traurig, als er merkte, dass zwei seiner Söhne sicher enttäuscht sein würden. Da fragte er einen Künstler, ob er diesen Ring zweimal genau nachmachen könnte. Der Künstler schaffte das. So gab der Vater jedem seiner Söhne einen Ring, als er starb.

Kaum war er tot, so kamen die Söhne und stritten sich, weil jeder einen Ring hatte und die Nachfolge des Vaters antreten wollte. Sie verklagten sich gegenseitig vor einem Richter und jeder von ihnen sagte, er habe den Ring vom Vater bekommen – wie es ja auch der Wahrheit entsprach.

Der Richter konnte das auch nicht aufklären, fragte dann aber: „Wen liebt Ihr am meisten?“ um sie auf die Probe zu stellen und herauszufinden, wer der würdigste Ringträger ist. Aber alle schwiegen. Offenbar war keiner bereit, einen Namen zu nennen und damit den Ring zu verlieren. Drauf hin meint er, dass eigentlich keiner den richtigen Ring haben kann, Schließlich gibt er ihnen einen weisen Ratschlag: „Jeder soll so tun, als habe er den richtigen Ring. Der Vater habe jedem einen Ring gegeben, weil er sie gleich lieb hat. Also soll jeder den Ring zum Leuchten bringen, indem er sich so verhält, wie es einem würdigen Ringträger entspricht. Das bedeutet, dass sie ab jetzt im Leben zufrieden sein sollten, gottesfürchtig und jedem mit Liebe und Respekt begegnen sollten. So würde sich am Ende irgendwann von selbst zeigen, welcher Ring der richtige war oder ob gar alle drei. Der Richter schickt die Söhne schließlich nach Haus und hofft, dass sie alles richtig machen.“ Soweit die Nacherzählung der Ring-Parabel. Es ist bekannt, dass die drei Söhne stellvertretend für die Geschwisterreligionen Judentum, Christentum und Islam stehen. Wir sind auf unserem Weg gefragt, inwieweit wir den Weg mit unseren Mitmenschen so gehen, wie es Rut tat. In Solidarität und Liebe. Auf diesem Weg entdecken wir dass wir alle denselben Herrgott haben. Amen

Jesus hat uns genau dies vorgelebt und hat damit für uns die Brücke zu Gott geschlagen – Wir singen das Lied 219, 1-4 „Ich möcht‘, dass einer mit mir geht“