Predigt für Sonntag, 11.04.2021
Jakob ringt mit Gott Egerton 1066 f. 62v Jacob wrestling with the angel (c.1270-90), Copiright: wikimedia

Predigt für Sonntag, 11.04.2021

(von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel, gehalten in der Auferstehungskirche und in der Versöhnungskirche)

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

der für den heutigen Sonntag für die Predigt vorgesehene Text hat auf den ersten Blick wenig mit Ostern oder der österlichen Zeit zu tun, in der wir uns gerade befinden und weshalb wir ja auch munter Osterlieder singen.

Der Text ist einer der ersten Geschichten der Bibel entnommen. Sie erzählen von den Stammvätern Israels. Und hier in dieser Geschichte, die sich über mehrere Kapitel erstreckt, geht es um Jakob. Wer war dieser Jakob?

Der Name „Jakob“ heißt übersetzt eigentlich „Betrüger“ und das hat seinen guten Grund. Schon bei seiner Geburt ist Jakob ein streitbarer Mensch. Als seine Mutter Rebekka ihre Söhne zur Welt bringt, hält er die Ferse seines Zwillingsbruders fest, so wird in der Bibel erzählt. Jakob will seinen Bruder Esau zurückziehen und als Erster das Licht der Welt erblicken. Das gelingt ihm aber nicht. Er will für sich den besonderen Segen Gottes, der damals mit den Rechten des Erstgeborenen verbunden ist, denn der Erstgeborene erbt und ist damit versorgt, hat, wenn die Eltern vermögend sind, damit Besitz und Sicherheit. Dieses Erstgeburtsrecht ergaunert er sich schließlich für ein Linsengericht, das er Esau vorsetzt, als der hungrig wie ein Bär von der Jagd nach Hause kommt und dann für dieses Linsengericht auf dieses Recht verzichtet. Dann erschleicht sich Jakob noch bei seinem erblindeten Vater den väterlichen Segen für den Erstgeborenen, indem er dem blinden Vater vortäuscht, er sei Esau.

Nach all dem muss er aber vor der unbändigen, schäumenden Wut seines betrogenen Bruders fliehen. Zuflucht findet er erst bei seinem Onkel Laban in einem fremden Land. Jakob kommt zu Reichtum. Und zwölf Kinder werden ihm von vier Frauen geschenkt. Nach vielen Jahren in der Fremde will er dann endlich zurück in seine Heimat. Doch noch immer sitzt ihm die Angst vor dem Zorn seines Bruders im Nacken. Er kündigt seinem Bruder seine Rückkehr an, will ihn gnädig stimmen und schickt ihm im Voraus Geschenke. Aber die Unsicherheit und Angst bleiben, als seine Boten zurückkommen und ihm mitteilen, dass Jakob ihm bereits mit 400 Reitern entgegen reiten würde.

Auf dem Weg nach Hause müssen Jakob und seine Leute den kleinen Fluss Jabbok überqueren.

Und genau da setzt der für die heutige Predigt vorgesehene Erzählabschnitt ein:

„Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Dienerinnen und seine elf Söhne und zog durch die Furt des Jabbok. Er nahm sie und führte sie durch den Fluss, und nahm hinüber, was er hatte. Jakob selbst aber blieb für sich allein zurück. Da rang jemand mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als dieser sah, dass er ihn nicht überwinden konnte, rührte er an das Gelenk von Jakobs Hüfte, sodass das Hüftgelenk Jakobs verrenkt wurde, als er mit ihm rang. Und er sprach: „Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an“. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht los, es sei denn Du segnest mich.“ Er sprach: „Wie ist dein Name?“ Er antwortete: „Jakob“. Er sprach: Jakob soll dein Name nicht mehr sein, sondern Israel, das ist Gottestreiter; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast es vermocht. Da bat ihn Jakob seinerseits und sprach: „Sage mir doch auch deinen Namen!“ Er aber sprach: „Warum fragst Du nach meinem Namen?“ und er segnete ihn dort. Und Jakob nannte die Stätte Pnuël: Denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und mein Leben wurde gerettet. Da ging für ihn die Sonne auf, nachdem er an Pnuel vorübergezogen war; aber er hinkte wegen seiner Hüfte. “ Amen

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

dieser Erzählabschnitt aus dem Leben Jakobs mag auf viele von uns im ersten Moment fremdartig wirken. Aber um wen und was geht es dabei wirklich?

Jakob ist  kein  Held  des Glaubens, kein besonders frommer oder begnadeter Mensch. Er ist wie wir. In seiner Geschichte können wir uns mit unseren Geschichten wiederfinden. Seine Geschichte erzählt von Liebe und Verrat, von Eltern und ihren Kindern; von Kindern, die bevorzugt werden, und Kindern, die sich zurückgestoßen fühlen. Die Geschichte erzählt von Gemeinschaft und von Egoismus, der Gemeinschaft gefährdet; sie erzählt von Streit und Schuld. An  all  das  wird  Jakob  in der  Nacht  am  Jabbok  gedacht  haben, wird er sich erinnert haben. Und Jakobs  Geschichte erzählt von den Erfahrungen der Nacht, von Angst und Unsicherheit, von  Erfahrungen  der  Einsamkeit  und  der  Leere, von  Übergängen  im Leben und  seelischen  Herausforderungen,  die  wir  heute  auch  nicht  selber wählen und die auch uns in den Weg gestellt werden – Corona ist das beste Beispiel dafür, Krieg und Nachkriegszeit, die aber viele von Euch im Gegensatz zu mir erlebt haben, habt Ihr Euch damals ebenso wenig ausgesucht. Jakobs Geschichte erzählt von Nachterfahrungen, in denen Menschen sich behaupten müssen, wi-derstehen müssen, um nicht unter zu gehen. Die Geschichte von Jakob am Fluss Jabbok ist die Geschichte von einem, der sich behaupten muss, der sich wieder zurück ins Leben kämpft, der es schafft durch die Nachterfahrungen hindurch zu gehen und wieder ins Licht findet. Der innere Kampf eines Menschen, der damit verbunden ist, wird mit einem handfesten Ringkampf dargestellt.

Darauf und worauf dies am Ende hinausläuft, möchte ich nun näher eingehen.

Ich denke jedoch, dass man vom Ringen doch ein wenig Ahnung haben sollte, wenn man über diesen Text spricht. Ich selbst war in meinen Teenager-Jahren über viele Jahre im Ringverein. Und ich war sogar relativ erfolgreich und hatte mich durch einen Sieg in der Region Niederrhein einmal sogar für die Landesmeisterschaften qualifiziert. In der selben Zeit stieg unser Verein AKS Rheinhausen sogar kurzzeitig in die zweite Bundesliga auf. Ich musste diesen schönen Sport aber dann bald aufgeben. Schule und auch mein Engagement bei der Kirche forderten zu viel Zeit ab. Wie dem auch sei. Ich bin meinem Vater heute noch dankbar, dass er mich damals zu diesem Verein schickte, denn es hat meine Persönlichkeitsentwicklung erheblich gefördert.

Man muss vorausschicken, dass ich bis gegen Ende der Grundschule von Anderen immer wieder als beliebtes Opfer ausgesucht wurde, um mich zu verprügeln oder zu quälen usw.

Schon etwas ein Jahr nachdem ich dem Verein beigetreten war, hat mich niemand mehr angerührt. Ich muss eine andere Ausstrahlung gehabt haben. Selbstbewusstsein und Kampfbereitschaft, Widerstandskraft muss da gewachsen sein und ausgestrahlt haben. Deshalb empfehle ich heute allen, die an der Schule oder am Arbeitsplatz in irgendeiner Weise gemobbt werden, einen Kampfsport. Es geht gar nicht darum, das Erlernte anzuwenden. Aber solch ein Sport stärkt das Innere.

Und das führt uns zu Jakob. In seinem Innern war er voller Angst, aber es war auch ein Lebenskampferfahrener Mann, der sich gegenüber seinem Onkel Laban und auch in der Natur durchzusetzen gelernt hatte.

Trotzdem: Die Begegnung mit seinem Bruder Esau stand bevor. Und es war völlig unklar, ob es eine versöhnliche Begegnung geben könnte oder aber eine, die ganz unfriedlich verlaufen und mit Totschlag enden würde.

In der Vergangenheit konnte er seinem Bruder immer ausweichen, hat das Geschehene, seine Übeltaten erfolgreich verdrängen können. Aber je näher er in die Heimat kam, desto deutlicher kam das vor Augen und stand im Raum und damit stand auch die Frage des Segens wieder im Raum. Auch Gott selbst dürfte Jakob bis dahin eher aus dem Blick verloren haben. Auch ihm muss er sich stellen, wenn es eine segensreiche Zukunft geben sollte.

Einst hat er sich des Segens bemächtigt, sich ihn förmlich unter dem Nagel gerissen. Jetzt aber wird er mehr und mehr gewahr, dass er auf jemanden angewiesen ist, der zu all dem seinen Segen gibt, ja, die Versöhnung und die Rückkehr gelingen lässt.

Das Ziel beim Ringen ist nicht die Vernichtung oder Schädigung des Gegners, sondern dass ich das Gegenüber bezwingen kann. Es ist ein absolut körpernaher Kampf – ein im wahrsten Sinne des Wortes Festhalten am Andern. Durch geschickte Gewichtsverlagerung versucht man zu erreichen, dass der Andere unterliegt. Auch das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Andere muss am Boden liegen unter einem. Dann ist der Sieg errungen. Mehr muss nicht erreicht werden. Es geht nicht um Gewalt dabei. Dennoch können Verletzungen vorkommen: Sanitäter stehen immer am Rande der Ringermatte und werden ggf. zur Hilfe gerufen. Aber – und das ist eben das interessante Detail – die Verletzungen geschehen eigentlich nie absichtlich.

Das hilft uns diese Erzählung besser zu verstehen. Sie ist ganz sinnbildlich gedacht.

Auf einmal ist da jemand da, der mit Jakob in der Nacht ringt. Oder vielmehr Jakob ringt mit jemandem in der Nacht. Nicht am Tag, aber in der Nacht, ja, in den Nächten unseres Lebens, erleben wir uns oft allein und ausgeliefert – den Gefahren, der Angst, der eigenen Unruhe. Das kann in Leiderfahrungen sein, in großen Herausforderungen, wie den bereits erwähnten oder auch in schweren Krankheiten oder einfach in der STILLE.

Ich kann in diesen meinen Nächten dort Gott begegnen wie Jakob es erlebt hat.

Das eine, was ich von der Geschichte von Jakob an uns gerichtet, höre, ist: Gott stellt sich einem manchmal in den Weg. Im Leben ist nicht unbedingt immer nur gut, was ich für mich will und was ich meine, was für mich gut wäre. Darin war der betrügerische Jakob ja sehr erfahren und sehr gut, Gott auszuweichen und nur immer seinen persönlichen Vorteil und seine kurzsichtigen eigenen Interessen im Blick zu haben. Nein, ich brauche manchmal auch eine Kraft, die sich mir entgegen stellt, in den Weg stellt, mich warnt und von etwas abhält und orientiert, wie ein guter Freund das mit guten Ratschlägen tut.

In dieser Art von Ringkampf ist dann der größte Sieg der, den ich über mich selbst erringe.

Das Andere, was wir von dieser Erzählung von der Ringkampfszene für uns mitnehmen können, ist die Ermutigung: Stell dich dem Kampf wie Jakob es tut.

Da geht es darum, die Nacht auszuhalten, die Situation anzunehmen mit all den Herausforderungen. Und leider, so muss man es sagen, lässt uns auch Corona im Ringen nicht so schnell los. Auch Demenzkrankheiten verschwinden nicht einfach. Sie werden für uns zu bleibenden Herausforderungen. Aber es gibt einen großen Trost, den uns die Schilderung des Kampfes bei Jakob ans Herz legt: In alledem ist Gott zugegen. Und selbst wo wir fast an ihm verzweifeln, weil unser Lebenskampf uns so viel abverlangt, ist er mitten dabei in diesem Kampf. Ja, und indem wir ihn nicht loslassen, nicht von Gott ablassen, wird er uns am Ende zum Segen. Das ist die große starke österliche Aussage in diesem Text. Das Festhalten an Gott führt zu Segen und das bedeutet: Es ermöglicht Leben oder führt zum Leben, zu einem Gelingen des Lebens und zu neuem, anderen Leben als zuvor. Das Leben des Jakob war durch Flüchtigkeit und Flucht bis dahin bestimmt. Es sollte sich noch mal ganz ändern, denn nach dieser Gottesbegegnung, ist er schließlich seinem Bruder Esau begegnet und es kam zu einer Versöhnung und einem ganz neuen Kapitel in seinem Leben.

In unseren Lebenskämpfen trifft uns Manches so wie der Muskelnerv am Hüftgelenk von Jakob getroffen und verletzt wurde. Wir erleben Verletzungen und bewahren Narben. Aber die Narben können uns zugleich auch ein Hinweis, dass wir uns bewährt haben, dass wir Schwieriges überwunden haben, an Herausforderungen gewachsen sind statt in der Verzweiflung oder im Selbstmitleid unterzugehen. Nicht nur Zeit heilt die Wunden und macht aus Wunden Narben, sondern eben auch das Vertrauen auf Gott und sein Festhalten an ihm in unserem Lebenskampf. So ist das zu hören, was Gott im Kampf zu Jakob sagt: Jakob soll dein Name nicht mehr sein, sondern Israel, das ist Gottesstreiter; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast es vermocht“. Jakob wird von Gott geadelt, wenn man so will. Wir fragen uns manchmal, wer Gott für uns ist, so unbekannt so namenlos, so fern, so fremd, so anonym kommt er uns manchmal vor, dass wir wie Jakob nach seinem Namen fragen. Fragen, bitten, dass er sich uns doch zu erkennen gebe als der, der er ist, nämlich der gnädige Gott, der uns nah sein und Segen schenken will.

Jakob musste sich noch auf ganz andere Weise Gott stellen – kein Versteckspiel mehr. In den Spiegel schauen und Reue zeigen, ja, umkehren von früheren falschen Wegen – das galt nun für ihn ganz besonders. Auch das gehört zur Konfrontation und zum Ringen mit Gott, dass ich ehrlich auf mich und mein Leben schaue, wenn ich auf Gott schaue. Auch das können wir schließlich von der Geschichte des Ringkampfes Jakobs mit Gott mitnehmen. Es heißt dort: Jakob nannte die Stätte Pnuël: Denn ich habe Gotte von Angesicht zu Angesicht gesehen, und mein Leben wurde gerettet. Das Schauen Gottes setzt meinen Blick in den Spiegel und das ehrliche Anschauen meines Lebens voraus. Sonst kann ich nicht gerettet werden.

Jakob kämpft durch die Nacht hindurch mit seiner Angst und mit seinem Gott und erfährt dabei vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, dass nicht er alle Zügel in der Hand hat wie er sonst meinte, sondern dass Segen an einem Anderen hängt. „Ich lasse dich nicht los, es sei denn Du segnest mich“ kommt aus seinem Munde. Jakob erlebt schließlich den Morgen. Und es heißt ganz wortwörtlich: „Da ging für ihn die Sonne auf, nachdem er an Pnuel vorübergezogen war; aber er hinkte wegen seiner Hüfte.“ Ja, wir mögen Narben davontragen, nachdem wir durch die Nacht gegangen sind. Aber das eine bleibt durch die Begegnung mit Gott in den Nächten unserer Welt und unseres persönlichen Lebens für uns eine Gewissheit: Für uns geht die Sonne auf, wie für Jakob, wenn wir diese Nacht durchschreiten. Denn Gott segnet uns, indem er über uns immer wieder die Sonne aufgehen lässt. Amen

Lied 607, 1-4 „Herr, wir bitten komm und segne uns“