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Predigt vom 26.10.2025 – Heil und Heilung

Predigt gehalten von Pfarrer Dr. Gerhard Wenzel am 26.10.2025 in der Versöhnungskirche in Köln-Rath-Heumar

Die Gnade und der Friede Gottes und die Gmeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Als Kind war ich mal in meiner Heimatstadt in Duisburg im Bethesda-Krankenhaus und ich fragte mich, wo wohl dieser seltsame Name herkommt. Der Predigttext für den heutigen Sonntag liefert die Erklärung. Im Johannesevangelium Kap. 5, Verse 1 bis 9 heißt es da:

Einige Zeit später war wieder ein jüdisches Fest, und Jesus ging nach Jerusalem hinauf. In Jerusalem befindet sich in der Nähe des Schaftors eine Teichanlage mit fünf Säulenhallen; sie wird auf hebräisch Bethesda genannt. In diesen Hallen lagen überall kranke Menschen, Blinde, Gelähmte und Gebrechliche. Sie alle warteten darauf, dass das Wasser in Bewegung geriet. Wer als erster in das Wasser hineinstieg, wenn es in Bewegung kam, der wurde gesund, ganz gleich an welcher Krankheit er litt. Unter ihnen war ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank war. Jesus sah ihn dort liegen, und es war ihm klar, dass er schon lange leidend war. »Willst du gesund werden?«, fragte er ihn. Der Kranke antwortete: »Herr, ich habe niemand, der mich zum Teich trägt, wenn das Wasser sich bewegt. Und wenn ich es allein versuche, steigt ein anderer vor mir hinein.« Da sagte Jesus zu ihm: »Steh auf, nimm deine Matte und geh! Und sogleich wurde der Mann gesund; nahm seine Matte und ging umher. Amen

Soweit die Geschichte – eigentlich geht sie noch ein wenig weiter, nämlich mit der Empörung einiger jüdischer Gelehrter, dass Jesus am Sabbattag heilt. Aber das soll uns heute nicht interessieren. Die Geschichte spricht für sich selbst und ist Stoff genug, um darüber nachzudenken, wie wertvoll Heil und Heilung in unserer Welt ist und wodurch sie sich hier in der Geschichte vollzieht.

Mich hat der Kern dieser Geschichte schon immer sehr berührt. Und wenn ich sie im Schulgottesdienst erzähle, dann mache ich mit den Kindern dazu immer ein Spiel, durch das diese Geschichte dauerhaft in ihren Köpfen hängen bleibt. Ich lass einige Kinder sich im Altarraum aufstellen. Dort vorne am Taufstein ist ein Junge oder ein Mädchen mit einer Schüssel Wasser. Auf der anderen Seite dort bei der Orgel postieren sich die Kranken, wie zu einem Wettlauf. Mädchen und Jungen, die unterschiedliche Verletzungen oder Krankheiten nachahmen müssen. Einer hat ein krankes Bein und muss hüpfen. Eine andere ist blind und muss sich die Augen zuhalten. Wieder wer anders ist so gekrümmt, dass er nur auf allen Vieren gehen kann usw. Und schließlich der Gelähmte, dem Jesus begegnet ist. Er liegt auf seiner Matte und kann wegen seiner kaum vorhandenen Beweglichkeit nur auf dem Boden ein wenig robben. Wenn dann das Kind dort drüben am Taufstein mit der Hand das Wasser in der Schüssel bewegt, müssen alle versuchen so schnell wie möglich dort hin zu kommen. Der, der zuerst da ist, hat gewonnen und wird geheilt. Genau so ist es ja auch in der Geschichte. Die Kinder beobachten dabei, dass es zwar passieren kann, dass mal der oder mal der gewinnt. Aber derjenige, der verliert und ganz am Schluss oder gar nicht am Ziel ankommt, ist immer derselbe: der Gelähmte, der nur ein wenig am Boden robben kann.

Dann erzähle ich die Geschichte zuende, wie Jesus sich ihm zuwendet und ihn letztlich zur Heilung führt. Auf meine Frage, warum Jesus sich gerade diesem Menschen zuwendet und nicht irgendeinem von den Anderen, die doch auch krank oder gebrechlich sind und Hilfe brauchen, antworten die Kinder schnell: Weil er derjenige war, der gar keine Chance hatte. Derjenige, dem es am schlechtesten ging.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, das ist keine Geschichte aus uralten Zeiten, die einfach nur die Wirkmacht und Göttlichkeit Jesu zeigen soll, sondern diese Geschichte erzählt von unseren gegenwärtigen Zuständen heute. Von unserer Ellenbogengesellschaft heute, die es ähnlich offensichtlich schon damals gab und von unserer heutigen Bedürftigkeit nach Heil und Heilung. Es gibt immer diejenigen, die die Ersten sein wollen und sei es auf Kosten der Letzten und es gibt immer diejenigen, die das Nachsehen haben, von der Natur oder aber durch gesellschaftliche Umstände bedingt auf der Verliererseite stehen.

Und auch Gesundheit und besondere Behandlungen können die einen sich aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten oder ihres Status erhalten oder kaufen, andere hingegen nicht. Insbesondere die nicht, die schon längst aus dem gesellschaftlichen System herausgefallen sind, obdachlos geworden sind, nicht mehr krankenversichert.

Heute würde Jesus diejenigen aufsuchen, die keine Chance haben, die vergessen, übersehen, ausgeschlossen sind.

Und vielleicht auch die, die sich längst mit allem arrangiert und abgefunden haben, kaum noch Hoffnung haben, dass sich ihre Situation mal ändern könnte. Ja, sicher auch Menschen, die sich längst selbst aufgegeben haben oder von Anderen aufgegeben wurden. Insbesondere Suchkranke – die längst verinnerlicht haben, was andere von ihnen denken: denen ist ja doch nicht zu helfen.

Wie vollzieht sich in dieser Geschichte Heil und Heilung?

Einmal durch Nähe. Das ist sicher das herausstechende Merkmal in dieser Geschichte. Heil und Heilung in der Welt beginnt mit Zuwendung und Nähe, also mit dem Aufbruch getrennter Welten und dem Aufbruch von Isolation.

Eins lehren uns die Geschichte und die Zustände in der heutigen weiten Welt. Armut macht krank und Krankheit zieht oft Armut nach sich. Wenn wir in die Partnergemeinden in der einen Welt schauen, in Kalungu im Kongo oder andernorts, ist das offensichtlich. Aber auch hier bei uns erleben Menschen Armut als krankmachend, sei es, dass sie fehl- oder unterernährt sind, sei es, dass sie mit Depressionen zu kämpfen haben, weil sie sich als ohnmächtig und dauerhaft überlastet erleben, sei es, dass sie sich als Letzte erleben oder vom gesellschaftlichen Leben und Wohlstand ausgeschlossen. Insbesondere denke ich auch an ältere Witwen, die allein von ihrer kleinen Rente leben müssen, und sei es, dass sie zwar in einem großen Haus bei uns in der Göttersiedlung oder sonst wo in Rath-Ostheim leben, aber sich durch die gestiegenen Energie – und Lebenshaltungskosten  der unmittelbar letzten Jahre – und wir alle wissen, warum – in Armutssituationen befinden.

In den letzten Jahrzehnten haben Denkschriften der Evangelischen Kirche Deutschlands und auch der Katholischen Bischofskonferenz immer wieder auf die große Schere in unserer Gesellschaft  durch die zunehmende Verarmung hingewiesen. Aber nichts wurde gehört. Nichts ist geschehen. Es ist nur schlimmer geworden und nun durch die neuerlichen Teuerungen im Energie- und Lebenshaltungsbereich und zu wenig und unbezahlbare Wohnungen hat diese Entwciklung ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Wie gehen wir damit um? Politisch, persönlich, als Christen? Als Kirche?

In Jesus hat sich Gott selbst dem mittellosen Langzeit-Gelähmten zugewandt, hat ihm Nähe gestiftet. „Die Letzten werden die ersten sein.“, hat Jesus oftmals gesagt. Und wir verstehen vor diesem Hintergrund, was er damit meinte. Die Chancenlosen und Augeschlossenen, die an den Rand Gedrängten, werden bei Gott den ersten Platz haben, werden in seinem Reich nicht wie sonst unter den Menschen üblich an letzter Stelle stehen, sondern an erster. Im Reich von Gottes Liebe gibt es nur Logenplätze und ungeteilte Zuwendung für diejenigen, mit denen andernorts nicht geteilt wurde.

Alles Heil und alle Heilung in dieser Gesellschaft beginnt also mit der Zuwendung, mit der Stiftung von Nähe. Das kann dort geschehen, wo man wie etwa Christoph Fuß, der zufällig Gemeindemitglied bei uns ist, als Zahnarzt zu den Ärmsten ging (gesundheitlich bedingt kann er das inzwischen nicht mehr machen), die auf der Straße hingen oder anders aus dem Gesundheitssystem herausgefallen sind. In der Stadt hat er einen mobilen Dienst mit organisiert, wo diese Menschen medizinisch kostenlos behandelt werden. Das kann auch dort geschehen, wo Menschen auf die Schulhöfe kommen und Kinder mit einem anständigen Frühstück vor Schulbeginn und in den Pausen versorgen. Es kann auch dort geschehen, wo wir alleinstehenden Frauen mit geringfügiger Rente, aber Hausbesitz, in unserer Gemeinde Gehör und ein Forum bieten, wo sie in ihrer notvollen Situation Ermutigung und konkrete Beratung und Orientierung finden können. Es gäbe so manche Ansatzpunkte der Hinwendung. Aber all das geht nicht ohne uns selbst einzubringen und auch nicht ohne das gemeinsame Anpacken von Menschen, etwa aus unserer Gemeinde. Sonst bleiben es Wunschträume und Worthülsen.

Was lehrt uns die Geschichte noch darüber, wie sich Heil und Heilung vollziehen? Dazu müssen wir uns noch mal dem Text der Geschichte zuwenden.

Es wird erzählt, dass der Mann schon 38 Jahre krank war und es heißt dann: „Jesus sah ihn dort liegen, und es war ihm klar, dass er schon lange leidend war.“ Es wird also ausdrücklich erwähnt, dass Jesus erkannt hat, dass es sich hier um jemanden handelte, der schon sehr lange unter seiner Krankheit litt. Und was hören wir dann aus dem Munde Jesu? „Willst du gesund werden?«, fragte er den Kranken. Wenn wir nicht wüssten, dass diese Worte aus dem Munde Jesu kamen, würden wir sie für Zynismus halten. Was soll der Mann denn sonst werden wollen als gesund? Deshalb liegt er doch da am Teich.

Aber wir ahnen, was Jesus mit der Frage bezwecken will. Er fragt den, der äußerlich schon 38 Jahre lang gelähmt ist, nach dem, was er will, was sein Bedürfnis ist. Den, der vielleicht innerlich auch längst erlahmt ist und aufgegeben hat, provoziert und aktiviert er mit dieser Frage.

Und es geht weiter.

Der Kranke antwortete: »Herr, ich habe niemanden, der mich zum Teich trägt, wenn das Wasser sich bewegt. Und wenn ich es allein versuche, steigt ein anderer vor mir hinein.« So die Worte des Kranken. Er beschreibt seine Situation so, als sei er einzig und allein auf Hilfe Anderer angewiesen oder auf ein Wunder. Faktum oder nur subjektive Wahrnehmung? Er hat sich jedenfalls längst mit seiner Krankheit arrangiert und wird am wenigsten noch an seine eigenen Kräfte und Möglichkeiten gedacht haben.

Dann kommt das Unglaubliche. Jesus heilt ihn. Das geschieht aber nicht etwa mit einem besonderen Zaubertrank Jesu oder einem göttlichen Zaubertrick – nichts dergleichen erwähnt die Geschichte – , sondern nur mit Jesu auffordernden Worten: »Steh auf, nimm deine Matte und geh!

Und auch hier könnte man meinen, das sind Worte aus dem Mund eines Zynikers. Wie soll dieser Mensch das denn anstellen? Das wird er sich auch selbst gefragt haben. Und genau das war die Absicht der Aufforderung Jesu. Sie begegnet uns in mehreren Heilungsgeschichten Jesu. Hier wie an anderer Stelle will sie den Betroffenen aktivieren, rausholen aus einer passiven Haltung, aus einer reinen Schicksalsergebenheit. Die Aufforderung soll wachrütteln und an die eigenen Veränderungs- und Selbstheilungspotentiale dieses Menschen appellieren, die innere Lähmung überwinden, sich nicht mehr nur als Opfer zu sehen.

Dann heißt es im Bibeltext nicht etwa: „Der Gelähmte beklagte noch weitere drei Stunden sein Leid.“, sondern es passiert genau das, was die Absicht der Worte Jesu war: Der Mann wird aktiv. Es heißt:  „Und sogleich wurde der Mann gesund; nahm seine Matte und ging umher.“ Dass er seine Matte in die Hand nimmt und umhergeht, ist der Beginn der Gesundung. Er nimmst sein Leben ind ie eigene Hand.

Was lernen wir daraus im Blick auf Heil und Heilung von Menschen? Es geht nicht ohne die Aktivierung der Betroffenen selbst, nicht ohne ihre Willensstärkung und das Hören auf ihre Bedürfnisse und die Aktivierung ihrer Selbstheilungspotentiale. Das ist ein ganz anderer Ansatz als in vielen Krankenhäusern und Gesundheitssystemen heute und auch ein anderer Ansatz als im Umgang mit Armut heute. Da möchte man die eigenen Potentiale, das Selbstbewusstsein, den eigenen Willen und die Selbstbestimmung gar nicht unbedingt wecken. Die werden vielmehr teils sogar als Störfaktor gesehen. Hauptsache derjenige passt sich den Betriebsnotwendigkeiten des Krankenhauses oder der sozialen Institution an.

Aber es ist erst der Vorstoß zum Selbst, der wirkliche Heilung bringt, Gesundung von Lähmung durch Zustände, an die man sich schon all zu lange gewöhnt hat. Wenn die Armen und Kranken begehrlich werden und sich nicht nur behandeln lassen wollen, sondern selbst handeln wollen und auch tatsächlich selbst Handelnde werden – erst dann ist Heil und Heilung da. Alles Andere ist nur Be-handlung und gleichzeitig Beruhigung unseres schlechten Gewissens. Die Zuwendung und Liebe Jesu – die göttliche Liebe, will, dass unser Ich zum Vorschein kommt und Befreiung erlebt – eben den Beginn von Heil und Heilung erlebt. Bei allem, was wir mit Kranken und Armen tun oder für Kranke oder Arme tun, sollen wir das also in den Blick nehmen. Das Ich der Betroffenen stärken und bei ihren Fähigkeiten und Talenten ansetzen.

In einer Zeit als im 17. und 18. Jahrhundert in Berlin und im übrigen Europa extrem große Armut herrschte, war es allgemein üblich, dass man Kranke und Arme in großen Anstalten unterbrachte und mehr oder minder mit Zwangsarbeit beschäftigte, ebenso Waisen und andere Kinder aus armen Haushalten.

Hauptsache weg von der Straße sagte man sich. Ja, schon damals ging es durchaus auch um die Frage des Stadtbilds aber ebenso auch wie heute darum, dass diese Menschen als Objekte gesehen wurden, die sich in einem großen Apparat, in einem großen Gesellschaftsgefüge als nützlich erweisen sollten. Es waren staatswirtschaftliche Erwägungen, die dazu führten.

„Was hätte Jesus getan?“ „Wie wäre er mit den Kranken und Armen umgegangen?“ haben sich damals die nach Berlin geflüchteten französischen Protestanten, die sogenannten Hugenotten, gefragt.

Als selbst Betroffene haben sie als Unterdrückte und Verfolgte selbst erlebt, dass man es als gesellschaftlich Ausgeschlossener grundsätzlich ziemlich schwer hat. Sie haben sich also den Ausgeschlossenen zugewandt. Und sie haben, wie Jesus ihre Ich-Stärke gefördert und an ihre eigenen Fähigkeiten und Talente appelliert, indem sie nicht Armenschulen dun Waisenhäuser errichtet haben, in denen die Kinder und Jugendlichen neigungs- und talentorientiert schulische und Berufausbildung genossen hatten, die es ihnen ermöglichten in der späteren Arbeitswelt zu reüssieren.

Der Schwerpunkt ihres Engagements lag also nicht auf Be-handlung und Versorgung und der Gewöhnung an diesen Zustand für die nächsten 38 Jahre, um mal im Bild des Gelähmten unserer Geschichte zu bleiben, sondern auf der Weckung der eigenen Stärken und der eigenen Fähigkeiten. Auch die Preußen, die die Hugenotten damals bei sich aufgenommen haben, haben das im Blick auf ihre Migrationspolitik ähnlich gemacht und haben das getan, was ähnlich wie der Ansatz der Hugenotten heute wieder Schule machen sollte: „Fördern und Fordern“. Das war das Grundprinzip. Heil und Heilung tritt da ein, wo wir uns den Menschen mit aller Konsequenz so zuwenden, wie es Jesus tat, nicht als Objekte unseres Gutmenschentums, sondern als freie von Gott geliebte Subjekte. Amen