Predigt zum 2. Sonntag nach dem Christfest, 03.01.2020
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Predigt zum 2. Sonntag nach dem Christfest, 03.01.2020

PREDIGT zu Lukas 2,41-52

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. AMEN

Liebe Gemeinde!
Das Jahr 2020 endete mit einer Weggeschichte – die Geschichte des Weges durch die Wüste, in der das Volk Israel von einer Wolkensäule am Tag und einer Feuersäule in der Nacht geführt wurde.
Und in Richtung Epiphanias, da geht es mit den Weggeschichten weiter. Die Reise der Weisen zur Krippe und wieder nach Hause, die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten.
Das Licht der Welt ist unterwegs, in Raum und Zeit.
Denn Lukas nimmt uns in seinem Evangelium mit auf den Weg der Lebensgeschichte von Jesus. Zugleich gibt er uns dabei Einblick in seine Lebensgeschichte, in das, was er uns von sich erzählen will. Und er weiß, dass alle Menschen auf ihrem Lebensweg immer mal wieder die Begegnung mit Jesus brauchen können.
Im Nu ist das Kind in der Krippe älter geworden. Offensichtlich gab es für Lukas zwischen Geburt und Teenageralter nichts, das wir für unseren Lebensweg brauchen könnten.
Schade eigentlich, da wir doch so gerne Kindheitsgeschichten erzählen. Das erste Mal z.B., der erste Zahn, das erste Mal krabbeln, stehen, laufen, das erste Wort, der erste Kindergartentag, der Beginn der Schullaufbahn.
Nichts von alledem kennt Lukas, obwohl es ein Kindheitsevangelium von Jesus gibt, es ist von einem Verfasser namens Thomas und wahrscheinlich im 2. Jahrhundert in Syrien entstanden. Dort wird von einem Gottessohn erzählt, der erst noch lernen muss, mit den Menschen und mit Gott umzugehen, der auch mal bockig ist und seine besonderen Kräfte dazu nutzt, aus Lehm Spatzen zu formen und diese dann lebendig zu machen und fliegen zu lassen. Letzteres ist übrigens sogar in den Koran übernommen worden. Aber die Mütter und Väter der Alten Kirche haben, als sie Ende des 4. Jahrhunderts den Kanon des Neuen Testaments festlegten, dieses Kindheitsevangelium ausgeschlossen.
Somit ist die Geschichte vom 12 jährigen Jesus die erste, die für Jesus und die Menschen damals und gleichzeitig für uns Menschen auf unserem Lebens- und Glaubensweg wichtig ist.
Lukas 2,41-52: Der zwölfjährige Jesus im Tempel
41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. 44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. 46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

So lasst uns mal hinschauen:
Lukas nimmt uns mit auf eine Reise. Die Pilgerreise der Heiligen Familie nach Jerusalem zum Tempel Immerhin liegen Nazareth und Jerusalem ca. 100 km auseinander, habe ich mal nachgeschaut, d.h. es ist eine lange Pilgerreise. Nur für das jährliche Passahfest machen sich die Menschen dorthin auf, d.h. auch unsere junge Familie mit dem Teenager Jesus.
Ich weiß nicht, ob Sie – wenn Sie Kinder haben – sich noch erinnern können, aber so ab dem Alter von 12 Jahren wird es mit langen Fußmärschen eher kritisch. Vielleicht war das damals ja noch anders. Jesus wächst in einer Familie auf, die ihre Kinder ganz selbstverständlich mit den religiösen Weisungen vertraut macht. Gläubige Juden nahmen einmal jährlich diese Reise auf sich, die Eltern von Jesus wohl auch, ca. 3 Tagesreisen hin, die Festwoche in der Pilgerherberge in Jerusalem, und dann wieder nach Hause.

Obwohl – das seit einigen Jahren wieder neu entdeckte Pilgern auch in unserer Zeit lässt vermuten, dass das elementare Erleben von Raum, Weg und Zeit verbunden mit religiösen Erlebnissen eine durchaus prägende Erfahrung für Menschen ist und sogar gesucht wird.
Von unserer Heiligen Familie erfahren wir, dass sie die ganze Festwoche in Jerusalem bleibt, länger, als das jüdische Gesetz es vorschreibt.
In der Stadt Jerusalem herrschte in dieser Zeit ein hektisches Gedränge. Hatte Jerusalem ca. 50.000 Einwohner, so kamen zu den Festen noch Tausende von Pilgern hinzu. Pilgern in Familienverbänden und Gruppen galt als relativ sicher, vor dem Reisen einzelner wurde eher gewarnt, da es unterwegs sonst leicht zu Überfällen von Räubern und Wegelagerern kommen kann, das kennen wir aus der Geschichte vom barmherzigen Samariter.
Aber innerhalb der Stadtmauern Jerusalems, im festlichen Treiben, da denken sich die Eltern des Zwölfjährigen nicht unbedingt etwas dabei, dass er nicht ständig in ihrer Nähe ist. Vielleicht gab es ja auch so etwas wie ein „Kinder- oder Jugendpassahfest“. Wenn ich z.B. an unsere Evangelischen Kirchentage denke, in denen immer ein exzellentes Programm für die heranwachsende Generation gemacht wird, um sie für den Glauben zu begeistern, komme ich darauf.
Aber dann geht’s ja wieder heim, und während die Eltern Jesus noch bei Anderen vermuten, vermissen sie ihren Sohn als es dunkel wird und er nirgends zu finden ist.
In großer Sorge gehen sie zurück nach Jerusalem. Drei Tage lang durchkämmen sie die Stadt auf der Suche nach ihrem Sohn.
Dann finden sie ihn endlich. Er macht keine Party mit Jugendlichen, genießt nicht die Großstadt, sondern hält sich immer noch im Tempel auf, umgeben von Lehrern und Schriftgelehrten, also unter Theologen. Drei Tage lang Ungewissheit, Angst und Verzweiflung, dann endlich Erleichterung. Wundert es, wenn die Mutter leicht vorwurfsvoll fragt: „Mein Kind, warum hast du das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“

„Mein Kind“; nach der langen Zeit der Ungewissheit bezeichnet Maria ihren Sohn wieder als Kind, das der mütterlichen Fürsorge bedarf.
Dass er in der jüdischen Tradition an der Schwelle zum mündigen Gläubigen, also fast erwachsen gilt, vergisst sie in ihrer Angst. Auch Jesus müsste zum damaligen Zeitpunkt kurz vor seiner Bar-Mitzwa gestanden haben, vergleichbar mit der Konfirmation, die mit 13 Jahren gefeiert wird und nach der der Junge erwachsen und religionsmündig ist. Kinder und Jugendliche werden etwa ab dem 6/7. Lebensjahr in den Synagogen auf das Lesen der Thora (Heiligen Schriften) und das „Bibelgespräch“ vorbereitet. Jesus scheint ein wissbegieriger Junge gewesen zu sein, mit schneller Auffassungsgabe und Interesse an theologischen Themen.
Der Evangelist Lukas stellt ihn daher nicht als außergewöhnlich oder als Wunderkind dar. Jesus ist ein Junge, der aufmerksam zuhört, Fragen stellt und Antworten gibt. Er sitzt in der Mitte der Lehrer, die eine Frage stellen, der Schüler beantwortet diese und stellt eine Gegenfrage. Mit seinen Fragen und Antworten, seinem Hören und Reden, bewegt sich Jesus im üblichen Rahmen der jüdischen Tradition. Jüdische Eltern fragen ihre Kinder nach der Schule nicht: „Was hast du gelernt?“, sondern: „Welche Fragen hast du gestellt?“ Dass sich die Zuhörer über Jesu Antworten verwundern, tut nicht viel zur Sache.
Ungewöhnlich ist Jesu Verhalten also nicht. Dass er sich dabei als „Sohn Gottes“ versteht, der im Hause seines Vaters sein muss, ist für fromme Juden auch nichts Besonderes. Jede/ durfte sich als Sohn oder Tochter Gottes verstehen, besonders diejenigen, die sich um das Verständnis von Gottes Weisheit bemühten und nach ihr leben wollten. Besonders ist die Radikalität, mit der Jesus dies von Jugend an tut. Jesus sucht und findet seinen Vater im Ringen um das richtige Wort, die richtige Auslegung, also im Ringen um die „Weisheit“, wie man damals sagte. Bei den Weisen Israels, den Schriftgelehrten, im Gespräch mit ihnen und der Auslegung der Thora, wird Gott für Jesus gegenwärtig.
So ist die jährliche Wallfahrt seiner Eltern zum Passah für Jesus eine gute Gelegenheit für theologische Diskussionen.
Ganz anders stellt es sich für die leiblichen Eltern dar. Seine Mutter sieht in Jesus nicht den wissbegierigen und gesprächsfreudigen Jugendlichen; sondern ihr Kind. Dabei blitzt in einem kurzen Augenblick die zukünftige Bestimmung auf, wenn Jesus seiner Mutter mit einer abweisenden Gegenfrage antwortet und auf seinen göttlichen Vater verweist. „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“

Menschlich gesehen kann man die Eltern verstehen. Sie haben drei Tage lang ihren Sohn gesucht, waren krank vor Angst und Sorge – dann diese Antwort. Da kann einem schon mal die Luft wegbleiben. Sie verstehen ihren Sohn nicht, sowenig wie ihn später manche verstehen werden. Von Maria wird berichtet, dass sie die Worte in ihrem Herzen behält. Der Sinn wird sich ihr erst später erschließen.

So, liebe Gemeinde, jetzt haben wir die Teenagergeschichte von Jesus, wie sie Lukas erzählt beleuchtet. Es ist eine wichtige Geschichte auf dem Lebensweg Jesu.
Es zeigt ihn als einen wissbegierigen Jungen, der mit allen Sinnen nach Gott fragt und forscht, sich im Dialog mit anderen sein Bild zu machen versucht, und erfährt, das auch seine eigenen Antworten durchaus gefragt sind.
Es zeigt ihn auch als Jungen, der den Menschen, die zu ihm gehören, einiges abverlangt. Geduld und Verständnis wäre vermutlich eine zu geringe Beschreibung dafür.
Und die Geschichte zeigt, dass Gemeinschaft und Beschäftigung mit Gott Raum und Zeit und Gesprächspartner braucht. Was nicht nur für den Jungen, sondern auch für die Erwachsenen während der Fest- und Feiertage ganz selbstverständlich erscheint. Aber auf dem Weg in den Alltag zurück offenbar nicht. Da gelten wieder andere Regeln. Kinder und Eltern kehren wieder in die Normalität zurück, da gibt man der Beschäftigung mit Gott weniger Raum, da haben auch Heranwachsende gegenüber Eltern wieder ein anderes Verhalten an den Tag zu legen.
Vielleicht ist das das Interessante, das gerade jetzt, nach allen Feiertagen auf dem Weg zurück in den Alltag – zumindest den Alltag, wie er im Moment für uns gegenwärtig ist – von Bedeutung ist.
Wenn das eine bedeutsame Weggeschichte ist, dann sollen wir nach der Bedeutung für unsere Wege fragen, die vor uns liegen, in naher oder weiterer Zukunft, vielleicht in diesem gerade begonnen Jahr.
Mögliche Antworten?
– Es ist gut, sich im Leben Zeiten für den Glauben zu nehmen. Ob für den Gang zum Gottesdienst, im ehrenamtlichen Engagement, im Bibelgespräch, auf eine Wanderschaft oder Pilgerrreise. Vielleicht ins Kloster oder zu einer praktizierenden Religiösen Gemeinschaft. Jesus findet seinen Raum im Tempel oder der Einsamkeit beim Gebet. Dort kommt er zu seiner Mitte, dort findet er in der Weisheit der Schriften Gott, der ihm Kraft gibt.
– Die Beschäftigung mit Gott stellt unser menschliches Sein und Miteinander in Frage. Möglicherweise stellt sie sich vor Dinge, die uns bisher als das Wichtigste erschienen, nimmt Zeit für sich ein, die wir ihr gar nicht geben wollen. Lässt uns miteinander fragen, ringen und auch streiten. Verstehen, aber auch verzweifeln.
– In unserem Bibeltext wird deutlich, dass Jesus für die angemessene Beziehung, das Gebet, die Fürsprache mit seinem himmlischen Vater Zeit brauchte, zu wachsen und zu reifen. Als Zwölfjähriger im Tempel war seine Zeit noch nicht gekommen. Bis diese Beziehung wirksam werden kann, führt Jesus als gehorsamer Sohn seiner Eltern sein bisheriges Leben fort und kehrt als gehorsamer Sohn aus der Weite des Tempels gemeinsam mit seinen Eltern in die Beschaulichkeit des Dorfes zurück. Seine Zeit kommt erst noch. D.h. für mich mit dem Blick auf die Weite des vor uns liegenden neuen Jahres: Wir haben Zeit, unsere Beziehung zu Gott und miteinander im Ringen um den Glauben zu gestalten.

Eine gute Weggeschichte am Anfang eines Jahres, und ich würde mich freuen, wenn wir uns auf einigen Wegstrecken begegnen oder ein Stück miteinander auf dem Weg des Glaubens gehen.
AMEN
Und der Friede Gottes, der größer ist als alles, was wir denken und begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. AMEN

Andrea Stangenberg-Wingerning