Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis 19.07.2020
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Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis 19.07.2020

Predigt 5. Mose 7, 6-12 (mit einem musikalischen Zwischenspiel)
Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. AMEN
Liebe Gemeinde,
ich möchte mit ihnen mal über ERWÄHLUNG sprechen.
Erwählung im Sinne von Auswahl, Bevorzugung, Berufung zu…….
Das Wort gehört nicht mehr unbedingt in unseren Sprachgebrauch. Höchstens das „Erwählen“ zu Liebsten, zur Braut oder zum Bräutigam nutzen wir noch.
Aber – wir „erwählen“ – Eltern erwählen – selbst wenn Sie es überhaupt nicht wollen – bei mehreren Kindern eines, dem sie am meisten zutrauen, dessen Fähigkeiten sie besonders rühmen…..
Ältere Menschen erwählen sich jemand, der mit vollstem Vertrauen ausgestattet wird, und die Dinge des Lebens, die nicht mehr selbstverständlich von alleine gehen und sogar die letzten Dinge regeln soll.
Als meine Tochter sehr krank und fast dem Tode nahe war, da habe ich ihr immer davon erzählt, dass Gott sie genauso erwählt hat, wie sie ist, und sie sich nicht so infrage stellen muss, sondern hoffnungsvoll und in dem Bewusstsein leben darf, eines von Gott und ihren Eltern geliebtes Kind zu sein, und dass sie niemals aus dem Herzen und aus der Liebe Gottes und ihrer Eltern gerissen werden kann.
Ja, auch Gott erwählt – er erwählt seine Menschen, und die Bibel ist reichlich gefüllt von Erwählten, fast das ganze Erste Testament beschäftigt sich mit der Erwählung des Volkes Israel durch Gott. Und erzählt, dass Gott einer ist, der trotz allem, was seine Erwählten tun, treu bleibt und mit geht. Und letztlich machen wir bei jeder Taufe deutlich: Du, lieber Täufling, bist auserwählt zu einem Leben mit einem barmherzigen und gnädigen Gott.

Auch in unserem heutigen Predigttext und den Bibeltexten des Tages geht es um Erwählung. Um die Erwählung des Volkes, aber auch jedes und jeder Einzelnen, bis heute. Und was wir aus so einer Erwählung machen.

Der Predigttext führt uns an das Ende der Wüstenwanderung des Volkes Israel und an das Lebensende von Mose.
So stelle ich mir den Moment vor, an dem unser heutiger Predigttext zur Entfaltung kommt:
Mose schloss für einen Moment die Augen. „Lass uns ein wenig ausruhen.“ Der alte Mann sank müde auf den staubigen Boden. Sein Gesicht braungebrannt und vom Alter gezeichnet. „Bald ist es geschafft. Ich hoffe, das Volk ist bereit für das verheißene Land. Gott wird sein Versprechen wahrmachen.“
Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. Fast vierzig Jahre hatte er das Volk durch die Wüste geführt. Ein beschwerlicher Weg, voller Gefahren und Entbehrungen. Aber es war sein Weg gewesen, zu dem Gott ihn berufen hatte. Und Gott hatte ihm die Kraft gegeben und ihm immer wieder geholfen. Dankbar und voller Ehrfurcht dachte Mose an die vergangenen Jahre. Den Auszug aus Ägypten, die ständige Suche nach Wasser und Nahrung für so viele Menschen, das Murren des Volkes. Er erinnerte sich an seinen Aufstieg zum Sinai und wie er die Gebote des Herrn empfangen hatte. Schon beim Gedanken daran begann sein Gesicht zu leuchten. Im Rückblick erkannte er die wunderbare Führung Gottes. Er hatte ihm immer das gegeben, was er gerade brauchte. Sicher, es war nicht immer leicht gewesen, so manchen Konflikt hatte er lösen müssen. Aber er hatte es geschafft. Das Ziel lag schon vor ihnen, zum Greifen nahe.

Er öffnete die Augen. „Ruft das Volk zusammen. Ich habe ihnen etwas zu sagen – ein letztes Mal.“

Deuteronomium 5. Mose 7, 6-12
Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

musikalisches Zwischenspiel

Liebe Gemeinde,
das 5. Buch Mose fasst die Geschichte des Volkes Israel zusammen, vom Auszug aus Ägypten bis zum Einzug in das Gelobte Land.
Mose, alt geworden, wird das Gelobte Land nie betreten.
Josua, sein Nachfolger, wird die Aufgabe der Landnahme anvertraut. Mose darf das verheißene Land von weitem sehen, wird aber den Jordan nicht überqueren. Er stirbt, noch bevor sie das Gelobte Land erreichen und wird im Jordantal begraben und betrauert.

Im 5. Buch Mose ist seine letzte Rede an das Volk überliefert. Es ist sein Testament. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen hier zusammen.
Mose beginnt seine Rede mit der Erwählung des Volkes – Gott hat es zu seinem Volk, ohne dass sich das Volk auch nur im Geringsten besonders auszeichnete. Es ist, so sagt er „das kleinste unter allen Völkern“ (was faktisch nicht stimmt – zumindest nach der Staatenbildung im Vergleich mit anderen Völkern. Diese Bezeichnung resultiert wahrscheinlich daraus, dass die biblische Überlieferung über das Volk Israel ganz klein anfängt, nämlich in der Nachkommenschaft der zwölf Söhne Jakobs (mit Beinamen Isra-El). Und „Isra-El“ ist übrigens ein Name, der zugleich „Gottesstreiter“ heißen kann, aber auch „Gott streitet für Dich“, was sogleich die ambivalente oder wechselweise Beziehung von Gott und seinem Volk deutlich macht. Sie fühlten sich erwählt, aber ihr Glaube ist zu allen Zeiten ein mühsam errungener Glaube, doch zugleich wird es als Aufgabe des Volkes gesehen, der Welt ihren Gott als Schöpfer aller Menschen und seinen Segenswillen bekannt zu machen (koste es was es wolle).

Mose erinnert an die Befreiung aus Ägypten, die viele der Israeliten, mit denen er spricht, nur noch aus Erzählungen kennen. Nicht nur die vergangenen Taten Gottes hebt er hervor. Gottes Ruf ist zukunftsweisend. Darum wiederholt Mose Gottes Gebote und mahnt, sie zu halten. Das ist der Weg zu einer Gemeinschaft, in der der einzelne sich geborgen weiß. Ohne sie wird das Volk nicht überleben. Er wird nicht müde, sie darauf hinzuweisen, dass Gott sie ausgewählt hat: Denn du bist ein Heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr erwählt zum Volk des Eigentums (Dtn 7,6).

Mose weiß, seine Aufgabe war es, das Volk durch die Wüste zu führen und vorzubereiten auf das, was sie erwartet.
Nun beginnt etwas Neues. Das Volk wird sesshaft, wird sich einrichten in den Städten und Dörfern, wird das Land einnehmen und bebauen. Diesen Übergang zu gestalten, dazu braucht Gott mutige, weise Menschen, die seinem Ruf folgen.

Für einen kurzen Moment habe ich an uns gedacht, uns gläubige, Gottesdienstgänger, noch Kirchenmitglieder trotz oder gerade in Zeiten von Corona, wo sich nochmals mehr Menschen überlegen, ob sie ihrer Kirche den Rücken kehren, also quasi aus „Volk und Gemeinschaft“ aussteigen. – Wir haben nun alle die großen Einschnitte während dieser Pandemie als lockdown und Versammlungsverbot erlebt. Nun werden wir so langsam wieder seßhaft in unseren Kirchen und Gemeindehäusern – schaffen wir es, den Übergang ins Neue zu gestalten????
Was hält uns denn eigentlich zusammen?
Das, was uns zusammenhält, ist das übergeordnete Thema dieses Sonntags: Die Taufe. So wird dieser Sonntag in vielen Teilen unserer Kirche als ein Sonntag zur sog. Tauferinnerung genutzt. Wir werden
an unsere Taufe erinnert und sollen uns vergewissern, was den das getauft-sein mit uns macht. Der Predigttext aus dem 5. Buch Mose scheint da auf den ersten Blick nicht zu passen. Wagen wir einen zweiten Blick, hin zu Erwählung, Berufung.

Wir kennen das: „Herzlichen Glückwunsch: Sie haben die Wahl gewonnen. Nehmen Sie die Wahl an?“ „Ja, ich bedanke mich für das Vertrauen.“ Ob Bürgermeister oder Bundeskanzlerin, ob Presbyterium, Klassenpflegschaft oder Vereinsvorsitz –überall wird gewählt. Für Gewählte ist es eine Ehre, denn viele Menschen setzen ihr Vertrauen in diese/n eine/n. Sie trauen ihm oder ihr zu, die Führung zu übernehmen und auch schwierige Situationen zu meistern.

Wenn ich mich entscheide, mit Gott zu gehen, übernehme ich auch Verantwortung für Gottes Schöpfung und für die Geschöpfe, die mit mir gehen. Es bedeutet womöglich auch einmal, die eigenen Bedürfnisse zugunsten der Gemeinschaft zurückzustellen.
Und auch wenn es toll ist, dass ich – vielleicht noch im Schlafanzug, am Sonntagmorgen den Fernsehgottesdienst mit einem Kaffeebecher in der Hand auf der gemütlichen Sofalandschaft daheim zu mir nehmen kann, ich könnte es aber auch lassen – oder ich bete einfach mal nicht und denke mir, dass ein sonntäglicher Spaziergang in der Natur auch ganz gut ausreichend zur Zwiesprache mit meinem Herrgott ist. Auch – wenn das alles geht – ich bin dennoch in die Gemeinschaft gerufen. In die Aufgabe und Pflicht, der Welt Gott als Schöpfer aller Menschen, als Erhalter des Lebens und voll Segenswillen für seine Geschöpfe, uns Menschen, bekanntzumachen.

….
Gott schreibt seine Geschichte mit Menschen wie mit den Vätern der Heilsgeschichte Abraham, Jakob und Mose. Ein ganzes Volk wird auserwählt und geführt. Menschen werden von Gott gerufen und mit einer besonderen Aufgabe betraut. Nach welchen Kriterien Gott seine Wahl trifft, bleibt ein Geheimnis. Mose sagt: Der HERR hat euch erwählt, einfach nur weil er euch geliebt hat (Dtn 7,7-8).

Auf der Schwelle zwischen Altem und Neuem Testament, da wo Jesus in seine Aufgabe hineinwächst, da begegnet uns in der Bibel auch so eine wegweisende, Übergänge des Lebens gestaltende Person, wie es auch Mose war: Es ist Johannes der Täufer. Er ist der Rufer in der Wüste, der seine Stimme erhebt und zur Umkehr ruft. Er ist es, der Jesus tauft und damit der Geschichte eine neue Richtung gibt. Und beeindruckt von dieser Taufe und einer verbindlichen, wachsenden Gemeinschaft, da spricht Jesus eine neue Einladung aus an alle Menschen. Allen gilt: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter.“ Du bist geheiligt, gesegnet, auserwählt. Der Einzelne wird gefragt: Willst du deinen Weg mit Jesus Christus gehen, willst du nach Gottes Geboten leben, willst du getauft werden und als Jünger/in das Leben auf der Erde mitgestalten? Jeder entscheidet für sich und gehört doch in das Gesamtgefüge des göttlichen Netzwerkes.

So sollst du nun wissen, schärft Mose seinem Volk ein, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält, denen, die ihn lieben und seine Gebote halten (Dtn 7,9). Gott hält sein Versprechen und seine Versprechen halten länger, als wir denken können.
Im Taufbefehl hören wir Jesu Zusage: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Mt 28,20).

Mose beruhigt die Menschen, die ihm anvertraut sind, und die schon oft trotz ihrer Erwählung dem Tode nahe waren und deren Leben bedroht war, die gemurrt haben und mit Gott und auch mit Mose überhaupt nicht zufrieden waren.
Er erinnert sie an die Gebote, und daran: Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat, und wird dich lieben und segnen und mehren (Dtn 7,12).

Wir haben die Wahl. In der Taufe treffen wir sie. Wir entscheiden uns für den Weg mit Jesus. Er entscheidet sich für uns. Du gehörst zu mir. Du bist mein. Herzlichen Glückwunsch, du bist gewählt, du gehörst zu den Auserwählten Gottes. Nimmst du die Wahl an? Ja, mit Gottes Hilfe. Die Wahl annehmen bedeutet, sich selbst und anderen zuzutrauen, die Aufgaben zu bewältigen, die Herausforderungen anzunehmen, die anstehen. Mit Gott auf meiner Seite kann ich mutig und hoffnungsvoll gestalten und verwalten, was er in meine Hände legt. Lasse ich mich ein auf Gottes Weg, auch wenn er mir manches abverlangt? Auch wenn er mir Verluste zumutet und mich manchmal im Ungewissen lässt?

Dieser Weg ist nichts für Halbherzige. Gott erwartete ein klares Ja. Die Menschen, die ihm folgen, stehen zu ihrer Entscheidung.
Mose ist seinen Weg bis zum Ende gegangen, mit allen Konsequenzen, bis er abgelöst, erlöst wurde. Er führte das Volk durch die Wüste. Johannes der Täufer ist seinen Weg gegangen, mutig und entschlossen rief er zur Umkehr auf. Er bezahlte mit seinem Leben dafür.
Jesus ist seinen Weg gegangen bis zum Kreuz und darüber hinaus. So öffnete er den Weg in eine ungeahnte Zukunft.
Warum haben diese Menschen sich darauf eingelassen?

Weil sie auf Gott vertrauten ohne Wenn und Aber. Weil sie wussten, dass ihre Entscheidung eine Auswirkung hat auf das Leben vieler. Das Verbindende durch all die vielen Wegstrecken der Geschichte ist Gottes Segen. Der Segen wird auch bei der Taufe dem Täufling zugesprochen und mit dem Kreuzzeichen besiegelt. Du gehörst zu Christus, bist sein geliebtes Kind. Nicht weil du besonders stark oder schön oder talentiert bist, sondern weil Gott dich liebt, bedingungslos. Jesus verspricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Nehmen Sie die Wahl an?
Ich möchte Sie und Euch heute zu einem besonderen Ritual einladen.
Ein Ritual, was zu einer Tauferinnerung – einer Vergewisserung der eigenen persönlichen Erwählung Gottes gehört.
Hätten wir nicht die corona-Bestimmungen, dann könnten wir das tun mit einem Ritual, wie wir es vielleicht kennen: Im Taufbecken befindet sich Wasser und man ist eingeladen, nach vorne zu kommen, sich die finger mit dem Wasser zu benetzen und ein Kreuzzeichen auf die eigene Hand oder die eigene Stirn zu machen.
Das geht nun nicht. Da ist mir etwas anderes eingefallen:
Wasser-Steine / Tropfen / Edelsteine.
In …… den Taufbecken???? Befinden sich kleine durchsichtige Steine wie wunderschöne Wassertropfen. Zugleich glänzen sie wie keline Edelsteine.
Nehmen sie sich bitte heute alle wenn Sie die Kirche verlassen so einen kleinen Stein mit. Er soll daran erinnern, dass Gott uns erwählt hat, einfach so, weil er uns liebt. Aus seiner Liebe können wir nicht fallen – wir sind alle Gottes Edelsteine. Und wie man Edelsteine auch manchmal erst schleifen und polieren muss, damit sie glänzen und funkeln, da dürfen auch wir uns manchmal – vielleicht einmal mehr oder weniger schleifen und unseren Glauben und unsere Treue mal wieder polieren.
Über all sowas kann man gut nachdenken in einer stillen Minute, in der man den kleinen Glasstein zur Hand nimmt und zwischen den Fingern spürt.
Herzliche Einladung, sich so einen Stein nachher mitzunehmen!

Amen.

Und der Friede Gottes der höher ist als alles, was wir denken und begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem HERRN, Amen.