Predigt zum Sonntag Jubilate 25.04.2021
aus: Werkstatt für Liturgie und Predigt Jubilate 2021, Bergmöser und Höller Verlag

Predigt zum Sonntag Jubilate 25.04.2021

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. AMEN

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
über Glauben kann man nicht streiten, sage ich. Aber zu glauben bedeutet auch: Darüber zu Reden, Glauben braucht Kommunikation.
Diese These, und ein Hilfsmittel, das sie heute auf Ihrem Platz gefunden haben, dient mir heute für die Predigt zum Sonntag Jubilate, die uns einem berühmten Prediger an einem berühmten Ort in der Welt zuhören lässt.
Aber zunächst mal – was halten Sie jetzt gerade in Ihren Händen? Ein Blatt mit einer Kopie eines handgeschriebenen Briefs und einem Bild oder Foto.
Den Brief oder Briefe wie diese haben mir im Laufe der letzten Woche einige ältere Gemeindemitglieder aus Neubrück zukommen lassen. Die waren diesen – wie man so sagt – „unverlangt zugesandt“ worden, lagen also frankiert und persönlich adressiert im Hausbriefkasten.
Und alle, wie sie mir sagten, haben sich zunächst über den persönlichen Brief, die freundliche Anrede, das schöne Briefpapier, und die Art und Weise, die Menschen gerade in dieser Lebenssituation in der wir uns nun mal befinden „abzuholen“ mit mitfühlenden Worten, die dann aber sehr schnell auf ein Bibelzitat und ein Gesprächsangebot übergehen. Und da kommen wir dann schon zum Punkt: Am Ende wird ein Informationsgespräch per Mail oder Telefon und ein Bibelkurs angeboten von der Organisation jw.org und dahinter verbergen sich die Zeugen Jehovas.
Eine Empfängerin eines solchen Briefes hat die Briefschreiberin, eine Dame aus Köln Rath-Heumar, die sich mit Namen vorstellt, übrigens angerufen, sich für das freundliche Schreiben bedankt aber deutlich gemacht, dass sie in ihrer Kirchengemeinde bestens aufgehoben wäre. Eine andere hat eine email zurückgeschreiben mit der Bitte, diese Art der Werbung doch zu unterlassen.
Ganz davon abgesehen, dass es fraglich ist, wie die Organisation jw.org denn an die Adressen der älteren Gemeindemitglieder gekommen ist, handelt es sich bei diesem Briefen – vielleicht haben Sie ja auch so einen bekommen? – um Missionierung.
Mit einem Bibelzitat und dem Angebot, über Bibel- und Lebensfragen mehr zu sprechen und zu erfahren, wirbt die Organisation um neue „Schäfchen“ (und das eine Woche nach dem Hirtensonntag „Misericordias Domini“…..).
Sie nutzt dazu die Lage der Menschen aus – und wir wissen das alle – von denen v.a. die Älteren viel zuhause und allein sind, und sich viele Fragen stellen, wie es denn jetzt wohl weitergeht und wann die Situation wohl endlich mal ausgestanden ist.
Mit diesen Briefen, so freundlich sie sind, sollen Menschen geworben werden, sich in ihrem Leben dem Bibelstudium und Glauben zuzuwenden.
Da ist erst mal gar nichts gegen einzuwenden. Im Gegenteil.
Bei der Formulierung: „In einem kostenlosen unverbindlichen Bibelkurs werden sie persönliche Lebensfragen anhand der eigenen Bibel beantwortet bekommen….“ Werde ich und sollten Sie aber stutzig werden.
Es ist ja nicht so, dass die Bibel wie ein Ratgeber wäre, moment mal – Stichwort Krankheit, da gucken wir noch mal auf Seite soundso und da steht: Siehst Du, so musst du es machen.
Wir in unserer evangelischen Kirche und hier in der Gemeinde Pfarrer Dr. Wenzel und ich, wir werden Ihnen das so nie vermitteln. Glaube, und auch der auf der biblischen Offenbarung entstandene christliche Glaube, der braucht Kommunikation. Auslegung, Hintergrundwissen, ein ins-Beziehung-setzen von damals bis heute. Er braucht eine These, die Kenntnis theologischer Lehren und v.a. ein Menschenbild, das dem oder derjenigen, die ins Gespräch gehen, ein offenes, reflektiertes, auch kritisch nachfragendes selbstbestimmtes Glauben ermöglicht.
Was richtig ist: wir müssen reden – etwas, das uns allen im Moment oft fehlt, so ist das.
Um so schöner ist es, dass wir uns heute auf eine ganz berühmte Rede stützen können. Sie steht: auch in der Bibel! Gehalten von einem berühmten Mann, Paulus, an einem berühmten Ort, dem Areopag, das ist der Markt- und Gerichtsplatz in Athen.
Dieser Rede geht eine Reise des Paulus voraus, er hat die Stadt besichtigt und ist unangenehm überrascht, wie viele Götter- und Götzenbilder er dort findet. Er geht zunächst in die Synagoge und spricht zu gottesfürchtigen Juden, dann zu den philosophischen Lehrern der unterschiedlichsten Richtungen, die Paulus auf den Markt- und Gerichtsplatz, den Areopag, führen, weil es sich offenbar um etwas Neues und Unerhörtes handelt, was Paulus zu sagen hat, und in die religiösen und philosophischen Gedanken dieser Zeit nicht hineinpasst. Luther übersetzt übrigens das, was die Athener von Paulus denken, mit „Was will der Schwätzer uns wohl sagen“, im Original steht da sogar etwas vom „Geschwätz einer Saatkrähe“ .
Aber: Hören wir mal, was Paulus sagte und tat: Apg. 17, 22ff
Apg. 17, 22-34
22Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. 23Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.
24Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde,
wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. 25Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer,
der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. 26Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, 27dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
28Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. 29Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.
30Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. 31Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat und den er vor allen Menschen bestätigt hat, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.
32Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. 33So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. 34Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

So weit der Text aus der Apostelgeschichte.

Die Philosophenlehrer, teilweise durchaus religiös, teilweise nicht, die verlangen von Paulus, dass er Ihnen das Neue, das Besondere zu Gehör bringt, sich erklärt und den Zuhörenden erklärt, ob dies wert ist, unter den philosophischen und religiösen Lehren überhaupt anerkannt zu sein.
Und Paulus – er nimmt die Herausforderung an. Nennt die Athener „religiös“ oder „fromm“, was von einigen Auslegern so gedeutet wird, dass er sich mit Ihnen auf eine Stufe stellen will; von anderen, dass er sich schon ironisch überhebt (ironische Überhebung kennen die Athener zu dieser Zeit als Stilmittel einer Rede übrigens durch den Philosophen Sokrates bereits).
Nach dem ironischen Lob würdigt Paulus die Stadt und ihre kulturellen Heiligtümer, stößt sich aber an dem einen Altar, auf dem die Athener geschrieben haben: Heiligtum des unbekannten Gottes. Faktisch wird es einen solchen wohl nicht gegeben haben, denn historisch wahrscheinlicher gab es zur damaligen Zeit viele Altäre mit der Aufschrift „den unbekannten Göttern“ – doch Paulus lenkt mit seiner Betrachtung sofort auf den einen – für ihn wahren Gott – des Judentums hin.
Er verkündet fortan den Zuhörenden einen fremden Gott, der gar nicht so fremd sein müsste, weil man ihm ja mit der Altarinschrift bereits die Möglichkeit eingeräumt hat, auch hier in Athen zuhause zu sein. Dass sie möglicherweise längst Kenner oder unbewusste Verehrer des einen Gottes seien, der höher ist als die vielen griechischen Gottheiten.

Dann aber tut Paulus etwas Verstörendes – er baut eine Irritation ein, dass der eine und wahre Gott eigentlich überhaupt keinen Altar und keinen Tempel, von Menschenhand gemacht, braucht. Seine Herrschaft ist die ganze Welt, und mehr noch der ganze Himmel, jedes Menschengeschlecht, die Zeit selbst.
Und der Auftrag der Menschen sei: Gott suchen, dass sie ihn „ertasten“ können. Und damit meint Paulus nicht, dass man Statuen anfasst oder sich an Tempelmauern lehnt, sondern sich herantastet an den Gott, der ganz nah ist, ein Menschenfreundlicher Gott. Der den Menschen so ähnlich ist, dass er keine Abbildung braucht, dass er in einem goldenen, silbernen oder steinernen Gebilde gar nicht zu fassen sein könne.

Der eine und wahre Gott, so Paulus, rufe zur Umkehr und zum Umdenken auf. Er sei nicht nur der Herr über die Zeit, sondern auch über die Welt, er ist der Richter der obersten Gerichtsbarkeit, der Weltenrichter, und er wird richten durch einen Menschen, den er zuvor von den Toten aufgeweckt hat.
Damit rückt er die Auferstehung von den Toten, und den Glauben an den auferstandenen Christus ganz neu in den Blick der Athener, in das Denken der stoischen und epikureischen Philosophen wie auch der ganz normalen Bürgerinnen und Bürger. So lesen wir am Schluss, dass sich eine kleine Gemeinde bildet, zu der Dionysus, ein Richter, und Damaris, eine Bürgerin, gehörig fühlen.

Um es nochmal deutlich mit meinen Anfangsworten zu sagen: Über Glauben kann man nicht streiten. Aber man muss darüber reden. Dies tut Paulus, und er argumentiert vom Standpunkt des Gottesglaubens des Alten Bundes und des Christusbekenntnisses, aber in der Sprache der Griechen, um ihnen Gott selbst als Gott der Philosophen zu verkünden.

Und jetzt an dieser Stelle bitte ich Sie, einmal auf das Bild zu schauen:

aus: Werkstatt für Liturgie und Predigt Jubilate 2021, Bergmöser und Höller Verlag

Da sehen Sie in mehreren Regalen berühmte Köpfe, Gesichter mit großen Namen. Zeus, Artemis, Athene, Asklepius, Hera, Poseidon, Aphrodite und wie sie alle heißen. Vielleicht haben Sie den einen oder die andere sogar erkannt.
Nur ein Kopf ist darunter, der passt nicht so recht zu den anderen. Auf dem Haupt ist weder ein Lorbeer, noch geflochtenes Haar oder ein Helm. Sein Haupt trägt eine Dornenkrone!
Das Bild macht für mich den Unterschied deutlich – dieser eine, menschgewordene Gott, der zeigt nicht die Herrschaftszeichen der Götter seiner Zeit. Der ist sich nicht zu fein, sich ganz irdisch auf die Nöte und Sorgen der Menschen seiner Zeit einzulassen. Der lässt sich ans Kreuz schlagen und zu Tode bringen, nur um in Liebe aufzuerstehen.
„Christus hilft nicht kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens! Hier liegt der entscheidende Unterschied zu allen Religionen“, so hat es der Theologe Dietrich Bonhoeffer einmal zusammengefasst.
Paulus knüpft an den griechischen Götterglauben an, „holt“ quasi die Menschen in ihrer Zeit und ihrem Kontext „ab“, und drückt seinen Glauben an den einen Gott, der durch Christus der wahre Gott ist und zu dem man umkehren sollte, in ihrer Sprache aus.
Sein Reden ist wohlüberlegt, es ist gewinnend, aber nicht verführend. Es ist gedankenanregend, aber nicht: Missionierend.
Zu einem ehrlichen und weiterführenden Dialog über den Glauben gehört, dass man den oder die Andere in ihrem Glauben respektiert, dass man Verbindendes oder aneinander Anknüpfendes sucht, auch benennt, was einen im Glauben unterscheidet, aber seine Überzeugung auch nicht versteckt. Für Paulus ist die Auferweckung des Gekreuzigten – in der Sprache der Athener auf dem Gerichtsplatz gesprochen – der Einspruch gegen jegliche Ungerechtigkeit in der Welt. Schon „um der Gerechtigkeit willen“ lohnt es sich für ihn, diesen einen Gott, Vater Jesu Christi, als Gott anzunehmen und ihn zu loben.

Jetzt habe ich mit Ihnen und Euch einen weiten Gedankenspaziergang gemacht. Nach Athen, in die Zeit des Paulus, durch die philosophischen Lehren und die theologischen Deutungen …..
Und komme jetzt noch einmal zurück zum Anfang meiner Predigt:
Eine freundliche Frau aus Rath-Heumar schreibt an ältere Mitbürger /vielleicht nur Mitbürgerinnen……
Mit der Bibel können man Wege finden, in Ruhe und Gelassenheit durch diese Zeit zu gehen, ein Bibelkurs könnte Hilfen für persönliche Lebensfragen bringen. Und möchte die Menschen für eine Organisation gewinnen mit sektenähnlichen Zügen (heutzutage muss man mit der Bezeichnung sehr vorsichtig sein). Die Organisation Zeugen Jehovas, die über andere Religionsgemeinschaften sagt, dass keine andere auch nur annähernd auf dem Weg zu Gott sei- außer ihnen selbst. Und die die Grenzen der persönlichen Heils durch Grenzen der Organisation definiert.
Dies empfinde ich nicht als ehrlichen und weiterführenden Dialog über den Glauben, in dem man den oder die Andere in ihrem Glauben respektiert, und so möchte ich Sie vorsichtig aufmerksam machen, falls Ihnen auch ein solcher Brief zukommt oder schon zugekommen ist.
Und Ihnen dennoch Mut machen, über den Glauben zu sprechen, gerade in diesen Zeiten.
Dass Christus von den Toten auferstanden ist und die Liebe des großen Gottes weiter reicht, als wir uns das vorstellen können, ist ein Bekenntnis des Glaubens, kein Satz der Wissenschaft, und so wird es auch immer bleiben. Aber es ist auch ein Bekenntnis des Herzens, eines Herzens, das nach einem Gott sucht, der menschenfreundlicher nicht sein könnte, als es Jesus Christus zu seiner Erdenzeit war und bei Gott für uns auch immer bleiben wird. Und das ist vielleicht ja besonders heute, am Sonntag JUBILATE, auch ein Grund, Gott zu loben. AMEN
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.